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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 45  
San Francisco, den 01.08.2003
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Abbildung [1]: Die Ampel zählt die Sekunden: 5, 4, 3 ...

(Michael) Wer schon mal in Amerika war, weiß, dass dort die Ampeln anders funktionieren als in Deutschland: Erstens gibt es für Autofahrer keine Gelbphase, wenn die Ampel von Rot auf Grün umspringt. Das geht einfach zack! und liegt wahrscheinlich an den vielen Autos mit automatischer Gangschaltung: Niemand muss zum Anfahren den Gang einlegen.

Bevor die Ampel am Ende der Grünphase aber wieder auf Rot umschnackelt, gibt's natürlich eine Sekunde Gelb, damit man noch rechtzeitig abbremsen kann. Das ist lebenswichtig: Sobald nämlich die eine Ampel auf Rot umspringt, ist die in der Querrichtung schon Grün! Es gibt keine Kulanzphase wie in Deutschland -- wer noch schnell bei Rot durchdrückt, dem knallt nicht selten schon das erste querkommende Fahrzeug in die Seitentür.

Allerdings sind Amerikaner notorisch schlechte Autofahrer und viele telefonieren, schrauben am Autoradio rum oder trinken Kaffee und man sieht häufig völlig abwesende Geisterfahrer durch rote Ampeln rauschen. Wir haben es uns echt angewöhnt, vorsichtig bei Grün loszufahren und in die Seitenstraße zu spitzeln, ob die Autos dort auch wirklich halten.

Die fehlende Kulanzphase betrifft auch Fußgänger: Die müssen tierisch aufpassen, dass sie es bis zur anderen Seite schaffen, bevor die Fußgängerampel von "Walk" auf "Stop" umspringt -- denn dann haben die Autos sofort (!) Grün. Damit man's ungefähr abschätzen kann, fängt typischerweise eine elektrische Hand zu einem Zeitpunkt zu blinken an, zu dem's ein sportlicher Läufer gerade noch zum anderen Ufer schafft. Alte Leute bleiben dann meist stehen, wir jungen Hüpfer schalten dann in den 100-Meter-Sprint-Modus.

Natürlich hilft das Geblinke nicht immer, denn jede Kreuzung hat unterschiedliche Einstellungen. Man muss sich auf den Ampelmechaniker verlassen, der das irgendwann ausgemessen hat. Deswegen gibt's jetzt etwas Neues: Ampeln mit großen Digitalanzeigen, die die Anzahl der Sekunden bis zum "Stop" herunterzählen. Genial!

Nicht nur Fußgänger lieben die neue Technik, sondern auch die in der gleichen Richtung vorbeibrausenden Autofahrer, die nun rüberspitzeln und die exakte Sekundenzahl ablesen können, bevor auch ihre Autoampel auf "Gelb" springt! Das erleichtert oft Entscheidungen wie "Soll ich schnell die Spur wechseln, um den Schnarcher vor mir abzuhängen, oder komme ich auch hinter ihm noch durch?". Vor einem Jahr gab's diese Super-Ampeln nur vereinzelt an sehr breiten Kreuzungen in San Francisco, aber mittlerweile schießen sie überall aus dem Boden, und alle sind begeistert. Bravo, San Francisco!

Kalifornische Knarrengesetze

Entgegen der wohl in Deutschland vorherrschenden Meinung marschieren nicht alle Amerikaner mit geladenem Revolver im Gürtel herum oder ballern nach spannenden Sportveranstaltungen aus dem Autofenster in die Luft. Nein, Schußwaffenbesitz und -gebrauch sind streng geregelt. Im Rundbrief 01/2001 haben wir schon einmal die Theorie amerikanischer Waffengesetze angerissen. Heute nehmen wir mal durch, wie das im kalifornischen Alltag aussieht.

Abbildung [2]: Beliebte Waffenzeitschrift: "Handgunner"

Das ist gar nicht so einfach, denn die Vorschriften variieren stark von Bundesstaat zu Bundesstaat, unterliegen ständigen Änderungen seitens des Gesetzgebers und werden dann noch stark schwankend von den Gerichten interpretiert. Also: Nicht die Rundbriefredaktion verklagen, wenn etwas nicht genau stimmt, sondern im Zweifelsfall vorher einen juristischen Blutsauger eurer Wahl anheuern und um Rat fragen.

Kalifornien unterscheidet zwei Waffenvorschriften: Eine bestimmt, wann man eine Waffe versteckt (Conceiled Gun Law, CGL) führen darf und die andere bezieht sich auf geladene Waffen (Loaded Gun Law, LGL). Beide Gesetze wenden die Gerichte streng getrennt an: Wer zum Beispiel mit einem geladenen Revolver im Mantel in ein Regierungsgebäude marschiert, kriegt gleich zweimal einen auf den Deckel: Einmal wegen einer versteckten Waffe, und einmal wegen einer geladenen Waffe. "Geladen" heißt im juristischen Sinn dabei, dass die Munition sich in der Waffe befindet: Es reicht, dass das Magazin in der Pistole steckt, es spielt keine Rolle, ob die Waffe durchgeladen oder entsichert ist.

Abbildung [3]: Anzeige: Diese Knarre ist im Sonderangebot, 40 Dollar gespart!

Fast niemand darf in einer kalifornischen Großstadt mit einer unter der Kleidung verborgenen Waffe herumspazieren -- nicht einmal, wenn sie nicht geladen ist. Wer damit erwischt wird (und nicht unter die nachfolgend beschriebenen Ausnahmen fällt), begeht eine Straftat, die mit Geldstrafe oder Gefängnis geahndet wird. Ausnahme: Eine so genannte CCW-(Carry Conceiled Weapons)-Genehmigung, die der Sheriff des jeweiligen Landkreises nur ausstellt, wenn jemand nachweist, dass er die Waffe beruflich braucht (zum Beispiel ein Bounty-Hunter, der ausgebüchsten Verbrechern nachjagt) oder sonstwie ernstlich bedroht ist. Typischerweise werden diese CCWs aber nur in ländlichen Gebieten ausgestellt, die Großstädte lehnen Anträge fast immer ab.

Weitere Ausnahme: Im eigenen Heim darf jeder Normalbürger eine geladene Schusswaffe verstecken. Dies gilt aber nicht für Vorbestrafte, illegale Einwanderer, unehrenhaft aus dem Militär entlassene und dergleichen. Als "Heim" gilt übrigens auch der eigene Garten, ein angemietes Motelzimmer oder ein Campingplatz. Auch Ladeneigentümer (nur die Eigentümer, nicht die Angestellten) dürfen in ihrem Geschäft eine geladene Waffe liegen haben. Als kleine juristische Eigenheit darf man aber nicht mit einer unter der Kleidung versteckten Waffe in der eigenen Hauseinfahrt herummarschieren. Die Waffe darf im "Heim" versteckt sein, aber nicht "Am Mann".

US-Bürger, die mindestens 18 Jahre alt sind, dürfen Schusswaffen im Auto transportieren, wenn sie entladen und in einem abgeschlossenen Kasterl sind (nicht im Handschuhfach!). Wer zwar in den USA wohnt, aber nicht die US-Staatsbürgerschaft besitzt, darf Waffen im Auto nur auf dem direkten Weg zwischen Domizilen mit Ausnahmeregelungen transportieren (zum Beispiel vom Heim zu einem Schießklub, bei dem man Mitglied ist, oder vom Waffenhändler, bei dem das Teil gekauft wurde, zum Büro, dessen Eigentümer man ist).

Abbildung [4]: Anzeige: Der Ballermann in der Unterhose

Nehmen wir mal an, ein Ladeneigentümer hat eine geladene Waffe in seiner Schublade. Fährt er abends heim und will den Ballermann mitnehmen, muss er das Magazin mit den Patronen rausnehmen und die Pistole in ein tragbares, verschließbares Kästchen legen und zusperren. Trägt er beides zum Auto, muss er das Magazin mit den Patronen entweder offen tragen (andernfalls wäre das ein Verstoß gegen das "Conceiled Gun Law", denn das Magazin ist Teil der Waffe) oder die Patronen rausnehmen und das Magazin auch im Kasten einschließen. Daheim angekommen, darf der Ladenbesitzer die Knarre aus dem Auto in die Wohnung nehmen und dann dort laden. Allerdings muss er sicherstellen, dass seine Kinder nicht drankommen.

Eine ungeladene Schusswaffe offen zu tragen, ist lustigerweise fast überall erlaubt. Man könnte ohne weiteres mit einem Colt in einem (offenen) Cowboy-Halfter durch die Innenstadt von San Francisco marschieren -- ausgenommen sind nur waffenfreie Zonen wie Regierungsgebäude, Schulen oder Flughäfen. (Anmerkung der Redaktion: Das war der Stand von 2003, seit dem 1.1.2012 ist dies nicht mehr der Fall. Governor Jerry Brown hat im Oktober 2011 ein Gesetz unterschrieben, das das Tragen ungeladener Waffen mit dem geladener Waffen gleichstellt.) Ist die Waffe hingegen geladen, darf man mit ihr auch dann nicht auf die Straße, wenn man sie offen trägt. Gewehre fallen nicht unter das CGL, da man sie nur sehr schwer unter der Kleidung verstecken kann, aber unter das LGL: Niemand darf mit einem geladenen Gewehr auf der Straße stehen.

Wer eine Waffe offen trägt, den darf die Polizei jederzeit kontrollieren. Das ist den Polizisten in den USA normalerweise untersagt -- wer nichts angestellt hat, den darf niemand auch nur nach dem Ausweis fragen. "Routinekontrollen" wie in Deutschland wären rechtswidrig. Sieht ein Polizist aber, dass jemand eine Waffe trägt, darf er nachsehen und sicherstellen, dass diese nicht geladen ist.

Abbildung [5]: "Wie man eine Schusswaffe besitzt und nicht ins Gefängis kommt"

Was tun mit der Knarre? Man darf sein Heim, sich selbst und andere Leute gegen Bösewichte verteidigen. Es besteht, und das ist wichtig, keine Pflicht, zurückzuweichen, wenn sich damit eine Konfrontation vermeiden ließe. Schießen darf man allerdings nur dann, wenn vom Bösewicht eine unmittelbare Gefahr gegen Leib und Leben von Personen ausgeht. Wenn ein Dieb mit dem Fernseher unter dem Arm durchs Fenster abhaut, wäre es eine Straftat, hinterher zu ballern. Greift der Dieb allerdings gerade mit einem Baseballschläger an, darf man schießen.

Die Regeln sind sehr kompliziert und verlangen es, juristisch genau zu abstrahieren, welche Vorschrift in welchem Fall genau gilt. Kaum ein Einwohner Kaliforniens (außer vielleicht der Polizei und professionellen Waffenhändlern) kennt diese Regeln genau. Ich habe mir das mittlerweile vergriffene Buch "How to Own a Gun in California and Stay Out of Jail" von John Machtinger gekauft, der 1999 mal alle wichtigen Fakten zusammengetragen hat. Sehr schön!

Für die Bilder im Rundbrief habe ich extra zwei Waffenmagazine bei unserem Zeitschriftenhändler um die Ecke gekauft. Zu meinem Erstaunen hatte der klitzekleine Laden satte zehn verschiedene Magazine. Der Verkäufer sagte, viel verkaufe er in diesem Viertel allerdings nicht, und er legt sie immer ins oberste Regal, dass die kleinen Kinder nicht rankommen. Wahrscheinlich hält er mich jetzt für einen Waffennarren, aber damit muss ich leben.

Kalifornisches Kasperltheater

Abbildung [6]: Nachrichten: Gouverneur Gray Davis wird zurückgepfiffen

(Angelika) Nachdem sich Kalifornien durch die Energiekrise mit diversen Stromausfällen (wir berichteten), das Platzen der Internetblase mit Firmenschließungen und steigender Arbeitslosigkeit quälte und sich jetzt einem Haushaltsdefizit von 38 Milliarden Dollar gegenüberstehen sieht, macht sich Unmut in der Bevölkerung breit. Wie die Deutschen auf Schröder und Co. schimpfen, erzürnen sich viele Kalifornier über Gray Davis, den erst Ende 2002 wiedergewählten demokratischen Gouverneur (vergleichbar mit dem Ministerpräsidenten) von Kalifornien.

Obwohl die Energiekrise u.a. auf das Konto des republikanischen Gouverneurs Pete Wilson (Amtszeit vor Gray Davis) geht und Davis nicht die allgemein schlechte amerikanische Wirtschaftslage verursachte, eignet er sich für die meisten Kalifornier als Sündenbock. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Davis recht farblos und steif wirkt und der Funke nicht überspringt. Nun bedeutet Demokratie aber einmal: Gewählt ist gewählt für eine Amtsperiode und wem Davis nicht passt, der kann seinen Unmut bei der nächsten Wahl zum Ausdruck bringen. Weit gefehlt: In Kalifornien (und auch in anderen amerikanischen Bundesstaaten) gibt es die Möglichkeit der so genannten Abberufung ("recall"): Die Wähler können einen Politiker vor Ende seiner Amtsperiode wieder abwählen. Ursprünglich schon 1911 in die kalifornische Verfassung aufgenommen, um korrupten Politikern das Handwerk zu legen, sorgt die Abberufungsinitiative jetzt für das reinste Affentheater in Kalifornien. In Deutschland kratzt ihr euch jetzt wahrscheinlich die Köpfe: "Recall - nie gehört!" Dann will ich einmal versuchen zu erklären, was es damit auf sich hat.

Abbildung [7]: Demonstranten gegen Gray Davis

Damit es zum Abwahlverfahren kommt, muss eine bestimmte Anzahl von Unterschriften von kalifornischen Wählern vorliegen, die eine Abberufung befürworten. In Kalifornien sind das 12% aller abgegebenen Stimmen bei der letzten bundesstaatlichen Wahl - sprich 897.158 Unterschriften. Im Vergleich zu anderen Bundesstaaten sind das extrem wenig, die meisten anderen, die Abrufverfahren erlauben, wollen satte 25% sehen.

So rannten wir in den letzten Monaten und Wochen auf dem Weg zum Supermarkt oder zur U-Bahn überall in Unterschriftensammler. In San Francisco befürworten die Abberufungsinitiative aber nur wenige, da Schätzungen besagen, dass die Sonderwahl den schon gebeutelten Staat schlappe 30 Millionen Dollar kosten wird, so dass gleich parallel von anderen Gruppen Unterschriften für Davis gesammelt wurden. Allerdings rechnet man die Unterschriften für und gegen den "Recall" nicht gegeneinander auf. An einem bestimmten Stichtag müssen dann die Unterschriften zur Verifizierung vorliegen, was letzte Woche geschah. Unter der Federführung des republikanischen, aber als windig geltenden Politikers Darrell Issa -- die Polizei verhaftete ihn vor geraumer Zeit zweimal wegen des Verdachts auf Autodiebstahl -- kamen mit 1.3 Millionen gültigen Unterschriften weit mehr als nötig zusammen.

Issa finanzierte die "Recall"-Unterschriftensammelei mit 1.5 Millionen Dollar. Denn ohne Geld geht in Amerika nichts. Auch der Wahltermin steht bereits fest. Am 7. Oktober entscheiden die Wähler, ob Davis geht oder bleibt und wählen gleichzeitig aus einer Liste von Kandidaten ihren bevorzugten neuen Gouverneur. Etwas irre scheint mir dabei, dass ein Wähler selbst dann für einen Kandidaten stimmen darf, wenn er sich gegen den Rücktritt von Davis ausspricht.

Jeder Hinz und Kunz, egal von welcher Partei, kann sich aufstellen lassen. Nur Gray Davis zieht den schwarzen Peter. Er darf nicht kandidieren. Um beim Gouverneursrennen mitzuspielen, braucht man nur amerikanischer Staatsbürger zu sein, 3500 Dollar Verwaltungsgebühr berappen und 65 gültige Unterschriften von Befürwortern vorweisen. Hat der Kandidat die 3500 Dollar nicht zur Hand, erhöhen sich die 65 Unterschriften auf 10.000. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass da jeder Depp "mitspielen" will. Die Gefahr dieser Sonderwahl ist dann auch, dass neben einer wahrscheinlich schlechten Wahlbeteiligung, ein völlig Unerfahrener zum Gouverneur aufsteigt, denn es reicht die einfache Mehrheit, um zu gewinnen, was in der Praxis bedeutet, dass man mit extrem wenig Stimmen siegen kann.

Bisher erscheint als sicher, das besagter Darrell Issa mit dabei sein möchte. Aber auch der republikanische Geschäftsmann Bill Simon, der Davis bei der letzten Wahl unterlag, wittert seine Chance. Und die Gerüchteküche brodelt, dass der als Muskelmann bekannt gewordene Filmstar Arnold Schwarzenegger, seines Zeichens ebenfalls der republikanischen Partei angehörig und gebürtiger Österreicher mit amerikanischem Pass, antreten könnte. So absurd, wie das klingt, ist das bei weitem nicht. Bei Umfragen in Nachrichtensendungen im Fernsehen bekennen sich durchaus normal aussehende Kalifornier dazu, dem "Terminator" ihre Stimme leihen zu wollen. Arnie hält sich zur Zeit bedeckt und die Presse munkelt, dass seine Frau Maria Shriver, eine Demokratin, die auch noch zum Kennedy-Clan gehört, abrät. Ich sage euch, wenn ich neben dem Cowboy Bush auch noch "I'll be back"-Arnold ertragen muss, drehe ich durch.

Topprodukt

Abbildung [8]: Kleideretiketten

(Michael) Sicher habt ihr auch schon mal auf ein Etikett in einem Kleidungsstück gestarrt: "Uuuh, Giorgio Armani ...", was das wohl gekostet hat? "Ah, Prada!" Der Pulli sieht zwar aus wie aus der Altkleidersammlung, aber, hey, war sicher teuer! In einem Zaubererladen in Las Vegas entdeckte ich neulich etwas, um diesem Unfug ein Ende zu bereiten: Einnähbare Etiketten, auf denen fabrizierter Blödsinn steht: "100% Pure Shit" steht auf einem, "100% Cow Dung" auf einem anderen. Und ich hab's mir sofort eigenhändig in den Fasipelz-Pulli eingenäht, den ich seit Jahren jeden Tag trage. Nur schwierig, das Etikett jemandem zu zeigen, aber hey, Humor kommt von innen ...

Wie lange noch?

Abbildung [9]: 500 Mülltüten -- reichen 6,5 Jahre

Über meine Obsession, bei meinem Lieblingssupermarkt "Costco" einzukaufen, habe ich schon oft berichtet. Aber nur alteingesessene Stammleser mit Elefantengedächtnis wissen, dass ich vor sechseinhalb Jahren dort als eine der ersten Aktionen in San Francisco eine 500er-Packung Mülltüten gekauft habe. Im Rundbrief 12/1996 steht's beschrieben und auf diesem Foto könnt ihr es sehen: Vor dem damals ebenfalls neugekauften Sharp-Fernsehkasten, der schon lange den Geist aufgegeben hat, und links neben dem Corona-Bier-Tragl, das sich noch weniger lange hielt, sieht man dort eine Packung der Firma Kirkland mit 500 Mülltüten. Warum ich das schreibe? Vor einigen Tagen haben wir die letzte verbraucht. Das fußt allerdings nicht auf der Tatsache, dass wir extrem wenig Müll produzierten, sondern nur darauf, dass man in den USA im Supermarkt immer mit Plastiktüten zugeschüttet wird, die man dann später für den Abfall hernimmt, sodass man kaum selber gekaufte Mülltüten verbraucht. Nun stehe ich vor der Frage: Soll ich nochmal einen 500er-Pack kaufen, bleiben wir nochmal 6,5 Jahre?

Das marode Rentensystem

Im Gegensatz zu den Deutschen, die zu meinem nicht geringen Erstaunen immer noch gerne von staatlicher Rente träumen, haben die Amerikaner bereits die Wahrheit kapiert, und niemand, der heutzutage jünger als 35 ist, ordentlich Geld verdient und einigermaßen bei Verstand ist, erwartet vom Staat irgendwelche signifikanten Rentenzahlungen.

Ich weiß nicht genau, auf welcher Phantasiemathematik deutsche Politiker ihre Kalkulationen basieren, aber versuchen wir's mal mit einer ganz einfachen Rechnung: Während heute in den USA 15 Arbeiter die Rente für einen Rentner zahlen, sind's in 40 Jahren nur noch zwei. In Deutschland wird das Problem wegen dem viel geringeren Ausländeranteil noch gravierender. Das kann nicht funktionieren. Wer sich in 40 Jahren zur Ruhe setzt, muss sich selbst von privat (!) Erspartem durchfüttern können. Die brutale Wahrheit ist, dass niemand 50% seines Gehalts an uns gierige Rentner abdrücken wird. Der Generationenvertrag ist tot, tot, tot.

Abbildung [10]: Oma Meume muss sich ihre Rente in der Gameshow erspielen

Im Gegensatz zu Deutschland, wo die so genannte Riester-Rente keinen großen Anklang findet, ist das amerikanische Äquivalent, der so genannte 401k-("for-ouh-won-key")-Plan praktisch eine Selbstverständlichkeit für jeden, der nicht vorhat, im Alter in einer Pappschachtel unter einer Brücke zu nächtigen. Der lustige Name leitet sich aus Steuergesetz Nummer 401, Absatz (k), ab.

Typischerweise bieten Arbeitgeber für mittlere bis besserbezahlte Jobs einen 401k-Plan an. Dabei drückt der Arbeitnehmer monatlich automatisch eine bestimmte Summe vom Bruttogehalt (also steuerfrei!) ab, die dann an private Investmentunternehmen wie Fidelity (www.401k.com) überwiesen wird. Der Arbeitnehmer hat üblicherweise die Wahl, das Geld mehr oder minder risikobehaftet anzulegen: Money Market Fonds (ähnlich sicher wie Festgeld), Bonds (Pfandbriefe) oder Aktienfonds. Manchmal gibt's aber auch nur die Aktien des Arbeitgebers zu kaufen, das ist dann nicht so doll.

Auch wenn das Geld bei privaten Firmen wie Fidelity liegt, unterliegt es den gesetzlichen Regulierungen für 401k-Pläne. Das Geld wächst steuerfrei an, denn eventuell anfallende Pfandbriefzinsen und die Aktienfondsgewinne werden nicht versteuert. Man darf in dem Depot nach Herzenslust herumfuhrwerken und das virtuelle Geld -- typischerweise per Internet -- zwischen verschiedenen Anlageformen hin- und herschieben.

Wechselt man den Arbeitgeber, legt man dort einen neuen 401k-Plan an und führt den zusätzlich zum alten. Insgesamt dürfen maximal 12.000 Dollar im Jahr in den 401k-Plan wandern, ab 2006 werden es 15.000 sein. Wenn man 59 ist, darf man seine Bündel anreißen und Geld daraus entfernen -- allerdings muss jeder Cent davon dann entsprechend dem dann eingenommenen Jahreseinkommen versteuert werden.

Üblicherweise braucht man als Greis weniger Geld, deswegen ist die Steuerrate dann niedriger als während des Arbeitslebens. Geht man zu einem Finanzberater, rechnet der einem üblicherweise aus, wieviel Geld man monatlich einzahlen muss, und wann man aufhören darf zu arbeiten, damit das Geld dann bei einer positiven Aktienentwicklung, sagen wir 10% im Jahr, bis zur durchschnittlichen Lebenserwartung reicht. Wird man älter oder kracht die Börse, geht's ab unter die Brücke.

Wegen dem Börsenkrach von 2000 und der bis heute anhaltenden schlechten Anlagestimmung wanderten die 401k-Anlagen vieler Amerikaner in die falsche Richtung: Statt der geforderten 10% Wachstum pro Jahr sackten besonders die Altersvorsorgekonten derjenigen in den Keller, die ihre Rente in so genannte "Aggressive Fonds" angelegt hatten. Vielen ging zur selben Zeit auch noch das Haushaltsgeld aus -- und deswegen rissen nicht wenige ihr Bündel vorzeitig an, und nahmen die damit sofort fällige Versteuerung und eine Strafgebühr in Kauf.

Ein guter Arbeitgeber unterstützt die Altersversorgung seiner Mitarbeiter auch noch mit Zuschüssen mit bis zu 50% auf die Zahlungen, bis zu 6% des Gehalts -- das ist geschenktes Geld, und obendrein auch noch steuerfrei, was, wie die Tabelle in Rundbrief 11/1999 zeigt, ganz schön reinhaut. Die 401k-Webseite verzweigt zu allerlei 401k-Feinheiten.

Außer dem 401k-Plan gibt's auch noch andere Vorsorgevarianten, wie zum Beispiel dem "Roth-IRA", benannt nach einem Senator namens "William V. Roth", der sich für diesen Plan stark machte. Den Roth-IRA kann man durchaus parallel zum 401k führen. In den Plan zahlt man jährlich bis zu $3000 bereits versteuertes Geld ein, entrichtet dann aber auf Zins- und Aktiengewinne sowie entnommenes Geld im Alter keinerlei Steuern mehr. Spitzenverdiener, die alleine $110.000 oder als Ehepaar $160.000 im Jahr ranschaffen, sind aber vom Roth-Ira ausgeschlossen, siehe http://www.fairmark.com/rothira/roth101.htm. Die genauen Regelungen sind sehr kompliziert, und wie alle Steuergesetze nur zu verstehen, wenn man dicke Wälzer liest und regelmäßig die jeweils neusten Änderungen verinnerlicht.

Und, wie immer in den USA, gibt's keine Gleichberechtigung: Ober- und Mittelklässler führen üblicherweise einen 401k-Plan und/oder einen Roth-IRA, wer weniger verdient, braucht alles zum Leben, kann nichts für die Rente zurücklegen, und ist auf die staatliche Rentennotversicherung "Social Security" angewiesen, in die Arbeitgeber und Arbeitnehmer jeweils 6.2 Prozent des Bruttogehalts einzahlen, bis zur Höchstgrenze von (Stand: 2003) 87.000 Dollar Jahresgehalt. Allerdings kann man heute schon das Pleitedatum dieser Versicherung ausrechnen: 2032.

Ein interessanter Twist folgt aus der Bevölkerungsverteilung in der Alterspyramide: In 30 Jahren werden hauptsächlich ausländische Zuwanderer, besonders aus lateinamerikanischen Ländern, in die Rentenversicherung einzahlen und damit die Rente einer hauptsächlich weißen Bevölkerungsgruppe finanzieren -- da sind Rassenkonflikte vorprogrammiert.

Das amerikanische Schulsystem

Abbildung [11]: Vorsicht, Schule!

(Angelika) Ferienzeit in Deutschland: Wie passend, mal etwas über das amerikanische Schulsystem zu schreiben. Jeder meint, es aus amerikanischen Fernsehsendungen zu kennen. Aber glaubt ihr auch, dass in Amerika private Schulen dominieren? Falsch, nur 11% der amerikanischen Schüler drückten die Schulbank einer privaten Schule im Jahr 2002 - sagt jedenfalls die Statistik des "National Center for Education Statistics".

Private Schulen kosten Schulgeld -- zwischen 200 und 1000 Dollar pro Kind und Monat. Öffentliche Schulen (genannt "public schools") sind hingegen kostenlos. Ungefähr 80% der privaten Schulen befinden sich in der Hand von Kirchen und anderen religiösen Vereinigungen. Während in öffentlichen amerikanischen Schulen Religionsunterricht nicht auf dem Lehrplan stehen darf (Trennung von Kirche und Staat), ist er fester Bestandteil in religiös geprägten privaten Schulen.

Die Idee der kostenlosen Bildung für alle ist uramerikanisch. Man wollte sicherstellen, dass die noch junge Nation mit wenig Gemeinsamkeiten schneller zusammenwächst, was vor allen Dingen den Immigrantenkindern der großen Einwanderungswellen zwischen 1890 und 1930 zugute kam.

Wie auch in anderen Bereichen in Amerika spielt Vater Staat nur eine untergeordnete Rolle im Bildungssystem. Es gibt z.B. keinen national einheitlichen Lehrplan, was nicht bedeutet, dass in jeder amerikanischen Schule nach eigener Facon unterrichtet wird. So gibt es bestimmte Fächer, mit der sich jeder amerikanische Schüler mehr oder weniger lange herumquält, egal ob er in Hawaii oder Alaska wohnt: Mathematik, Englisch (Schreiben, Lesen Grammatik, Literatur), Naturwissenschaften, Geographie, Geschichte, Sozialkunde, Kunst, Musik.

Abbildung [12]: Eine privatisierte öffentliche Schule

Andererseits ist das Erlernen einer Fremdsprache über eine bestimmte Anzahl von Jahren - so wie man es in Deutschland kennt - nicht Pflicht. Viele amerikanische Schüler fangen erst in der High School (in der Regel 9. bis 12. Klasse) mit irgendeiner Fremdsprache an. Witzigerweise meinen Amerikaner aber oft, dass es reiche, eine Fremdsprache, wie zum Beispiel Deutsch, 2 Jahre lang zu lernen, um sie gut anwenden zu können. Ich treffe immer wieder Leute, die protzen, dass sie Deutsch sprechen, weil es in ihrer "High School" für zwei Jahre auf dem Programm stand. Mehr als Floskeln kriegt man dann aber nicht zu hören.

Auch wenn der Staat keine zentrale Rolle einnimmt, hält er sich doch nicht ganz heraus. Die Gesetzesinitiative "No Child Left Behind" (frei übersetzt: "Kein Kind wird vergessen"), die Präsident Bush Anfang 2002 unterzeichnete, ist ein gutes Beispiel für diese Art von Einmischung. Das Gesetz hat, grob gesagt, zum Ziel, höhere Standards an öffentlichen Schulen durch verstärktes Testen von Schülern, Einstellen von qualifizierten Lehrern, Qualitätskontrollen an einzelnen Schulen usw. zu erreichen.

Allgemein obligt die Schulhoheit in Amerika den einzelnen Bundesstaaten (wie in Deutschland den Bundesländern). Die Bundesstaaten sind in einzelne, so genannte School Districts (Schulbezirke) aufgeteilt. Die Schulbezirke haben großen Einfluss, denn die Kontrolle der öffentlichen Schulen soll möglichst in lokaler Hand bleiben. Der Schulausschuss ("School Board"), der aus gewählten Mitbürgern besteht, leitet den Schulbezirk. Auch die privaten Schulen müssen bestimmten Richtlinien, die der einzelne Bundesstaat für sie setzt, folgen, haben aber auf der anderen Seite mehr Freiheiten als öffentliche Schulen z.B. in ihrer Schülerwahl. Neben privaten und öffentlichen Schulen gibt es die Möglichkeit, seine Kinder selbst zu unterrichten, und dieses Verfahren erfreut sich wachsender Beliebtheit in Amerika, das ist das so genannte "Home Schooling". Ehrlich gesagt, ich weiß ja nicht, ob das so "das Gelbe von der Post" ist.

Die Finanzierung der öffentlichen Schulen erfolgt durch Steuergelder, wobei den Löwenanteil der Bundesstaat, die Städte und Landkreise aufbringen (etwa 90%) und der Staat nur die restlichen 10 % zubuttert. In der Regel fließt die Grund- und Vermögenssteuer ("Property Tax"), die Amerikaner zahlen, wenn sie ein Haus besitzen, direkt den lokalen Schulen zu. Und hier beginnt das Elend: Denn wohnt man in einer noblen Wohngegend, in der die Häuser und Grundstücke teuer sind, zahlt man viel Steuern und die Schulen im Viertel kriegen viel Geld. Hat man das Pech, in einer ärmeren Gegend aufzuwachsen, schauen die Schulen diesbezüglich in die Röhre. Von Chancengleichheit keine Rede.

Nun brennt ihr aber sicherlich darauf, zu wissen, wie die amerikanische Schule strukturiert ist. Die Mädels und Jungs gehen in der Regel 12 Jahre zur Schule, egal ob zur öffentlichen oder privaten Schule, oder auch bei Mama und Papa zu Hause im "Home Schooling". Die Schulpflicht variert etwas in den einzelnen Bundesstaaten: So endet die Schulpflicht für die Jugendlichen in 30 Staaten mit 16 Jahren, mit 17 Jahren in neun Bundesstaaten und mit 18 Jahren in den restlichen 11 Staaten. Mit sechs Jahren (kleine Abweichungen von Bundesstaat zu Bundesstaat sind auch hier möglich) wird ein amerikanisches Kind in die "Elementary School" (vergleichbar etwa mit der deutschen Grundschule) eingeschult.

Im Gegensatz zum deutschen Kindergarten meint der Amerikaner, wenn er vom Kindergarten spricht, das Jahr unmittelbar vor der Einschulung. In den meisten Bundesstaaten besteht noch keine Kindergartenpflicht, so auch in Kalifornien. Da aber im Kindergarten das erste Lernen von Buchstaben und Mengen auf dem Programm steht und es allgemein schon recht verschult zugeht (es gibt Hausaufgaben!), besuchen fast alle Kinder einen "Kindergarten". Die Kindergärten befinden sich in der Regel im Gebäude der "Elementary School" und sind ein fester Bestandteil der Schule (ähnlich wie die etwas aus der Mode gekommenen Schulkindergärten in Deutschland).

Viele Kinder besuchen vor dem Kindergarten eine so genannte "Preschool" oder "Nursery School" (Vorschule). Die "Elementary School" erstreckt sich je nach Bundesstaat oder auch Schuldistrikt von der ersten bis zur vierten, fünften, sechsten, siebten oder achten Klasse ("8th Grade"). Danach kann sich nach der vierten Klasse oder respektive nach der fünften Klasse eine "Middle School" (Mittelschule) bis zur achten Klasse anschließen. In San Francisco halten sich die öffentlichen Schulen an folgendes Modell: Fünf Jahre "Elementary School", drei Jahre "Middle School" und vier Jahre "High School".

Bitte verwechselt die amerikanische "Middle School" aber nicht mit der deutschen Realschule. In den USA gibt es kein dreigliedriges Schulsystem sondern nur ein Gesamtschulsystem. Der Begriff "Middle School" bezieht sich rein auf den Zeitpunkt, wann die Kinder diese Schule besuchen, nämlich zwischen "Elementary School" und "High School".

Ab der neunten Klasse beginnt in der Regel die "High School", die mit der 12. Klasse endet. In einigen Schuldistrikten gibt es auch die Unterscheidung der "Junior High School" (oft 7. - 9. Klasse) und "Senior High School" (10. - 12. Klasse). Schließt der Schüler die 12. Klasse mit Erfolg ab, erhält er das "High School Diploma" (Highschool-Abschluss), was ihr nicht mit dem Abitur verwechseln dürft.

Abbildung [13]: Erste Schreibkünste: Dekoriertes Schulfenster

Verlässt ein Schüler allerdings die Schule, bevor er die zwölfte Klasse beendet, weil er die Schulplicht erfüllt hat, bekommt er gar nichts und gilt als Schulabbrecher. Es besteht zwar die Möglichkeit, später im Erwachsenenleben den Abschluss nachzuholen, aber Highschool-Abbrecher stehen nicht gerade oben auf der sozialen Leiter in Amerika. Der nachgeholte Abschluss hat dann auch einen eigenen Namen, nämlich "General Educational Development" (Allgemeine Bildungsentwicklung), im Volksmund als GED bekannt.

Die amerikanische Schule ist eine Ganztagsschule und beginnt zwischen 7:30 Uhr und 8:30 Uhr und endet zwischen 15 und 16 Uhr. Wie in Deutschland gibt es verschiedene Schulstunden ("Periods" genannt) und Pausen ("Recess"). Samstags und Sonntags ruhen auch amerikanische Kinder. Das Schuljahr dauert meist 9 Monate (oder 180 Schultage pro Jahr) und geht von ca. Anfang September bis Mitte Juni.

Im Gegensatz zu Deutschland sind die Ferien weniger über das Jahr verteilt. Die meisten Schulen gönnen ihren Schülern eine Woche Frühlingsferien ("spring break") und einige Tage um Weihnachten herum. Die Sommerferien erstrecken sich dann aber über ca. 9 Wochen. Noch vor nicht allzu langer Zeit bekamen amerikanische Schüler fast 3 Monate Sommerferien, ein historisches Erbe aus den Zeiten, in denen die Kinder im Sommer auf den Feldern helfen mussten, was man mittlerweile doch als überholt erkannte.

Um die Eltern in den langen Sommerferien nicht zum Wahnsinn zu treiben und ihnen weiter das Arbeiten zu ermöglichen, ohne die Kinder gleich ins Büro mitzunehmen, findet man überall Sommerprogramme, die z.B. gemeinnützige Einrichtungen anbieten. Auch das berühmte amerikanische Ferienlager ("Summer Camp") darf nicht vergessen werden. Viele Schulen bieten die so genannte "Summer School" (Sommerschule) an, d.h. nix ist mit Ferien und Faulenzen: Gelernt wird. Da man in Amerika das Konzept des Sitzenbleibens kaum kennt, erhalten Schüler hier die Gelegenheit, Lücken aufzuholen. Auch besteht die Möglichkeit, Fächer, in denen der Schüler durchfiel, zu wiederholen.

Ältere Schüler suchen sich auch häufig Jobs den Sommer über oder arbeiten ehrenamtlich. Im Tenderloin, wo ich als Springkraft tätig bin, tummeln sich z. B. zur Zeit ein Haufen Teenager, die ihre Ferien nutzen, um uns mit den Kindern auszuhelfen. Unsere Einrichtung schließt im Sommer nämlich nur für eine Woche.

Abbildung [14]: Zeichnung und Inschrift an einer Schule. Die Schüler schwärmen für die Lehrerin.

Aber zurück zur Schule: In der Grundschulstufe unterrichtet ein Lehrer die Basisfächer und wird eventuell unterstützt durch einige Fachlehrer. In höheren Klassen werden die Schüler von unterschiedlichen Lehrern (je nach Fach) unterrichtet und ziehen dazu von Klassenraum zu Klassenraum, denn in Amerika zieht nicht der Lehrer von Klasse zu Klasse, sondern bleibt in seinem Klassenzimmer. Das liegt auch daran, dass Lehrer häufig ihre gesammten Unterrichtsmaterialien in der Schule aufbewahren. Der Lehrer gestaltet deshalb sein eigenes Klassenzimmer.

In der "High School" (in der Regel ab der 9. Klasse) trifft der amerikanische Schüler dann auf das reine Kurssystem mit einem sehr breit angelegten Fächerangebot. Auch in den USA hält die Diskussion an, wieviel Freiheit dem einzelnen Schüler bei der Fächerwahl zusteht. Allgemein muss jeder Schüler aber bestimmte Pflichtkurse absolvieren, die durch Wahlfächer zu ergänzen sind. Das Kurssystem der USA legt den Schüler wenig auf eine bestimmte Richtung bezüglich der späteren Berufswahl/Laufbahn fest. Allerdings bieten fast alle "High Schools" mehr akademisch ausgerichtete Kurse an, die stärker auf den College- oder Universitätsbesuch vorbereiten.

Noten und Hausaufgaben gibt es wohl fast überall auf der Welt -- so auch in den USA. Noten werden allerdings nicht numerisch sondern mit Hilfe von Buchstaben ausgedrückt: A, B, C, D, F. Das A entspricht dabei der besten Note, vergleichbar mit der Note eins, B gilt als gut, C kommt wohl der Note 3 am nächsten und D der 4. Erhält der Schüler ein F, bedeutet dies, dass er nicht bestanden hat. Allerdings gilt es in Amerika als völlig unmöglich, einen schlechten Schüler durch schlechte Noten zu demotivieren. Deswegen kriegt kaum jemand etwas anderes als ein "A" oder "B".

Lehrer gelten in Amerika als ganz normale Angestellte und können genauso schnell entlassen werden, wie jeder Andere auch, außerdem verdienen sie relativ schlecht. Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Lehrers betrug im Schuljahr 2001/2002 $44.367, wobei das Anfangsgehalt im Durchschnitt nur $30.719 betrug. Zum Vergleich: Soviel verdient ein Bus- oder U-Bahnfahrer auch. Die Gehälter unterliegen starken Schwankungen von Bundesstaat zu Bundesstaat. Lehrer haben in den USA einen besseren Ruf als in Deutschland. Oft hört man Geschichten über besonders engagierte Lehrer, die sogar ihr eigenes Geld opfern, um davon fehlende Materialien für ihre Schüler zu kaufen. Das muss übrigens ziemlich oft vorkommen, denn seit 2002 können Lehrer einen gewissen Anteil dieser "Ausgaben" von den Steuern absetzen.

Abbildung [15]: Edison Charter Schools

Zum Schluss möchte ich noch über eine neue amerikanische Kuriosität im Schulsystem berichten, die so genannten "Charter Schools" (Vertragsschulen). Charter Schools zählen zu den öffentlichen Schulen und finanzieren sich somit auch durch Steuergelder. Nur dass in diesem Fall der Schulbezirk bzw. der Bundesstaat der betreffenden Schule den Bildungsauftrag per Vertrag überträgt. 2.799 Charter-Schools gibt es bereits in den USA (428 in Kalifornien) und sie bildeten im Schuljahr 2002/2003 landesweit insgesamt 685.000 Schüler aus. www.uscharterschools.org zeigt Details.

Charter-Schulen haben in der Regel mehr Freiheiten als traditionelle öffentliche Schulen. Die Idee ist, dass die größere Freiheit zu kreativerem Unterrichten und besseren Schulleistungen bei den einzelnen Schülern führt. Theoretisch können sich also Eltern oder auch Lehrer zusammen tun und ihre eigene Charter-Schule gründen.

Dies hört sich im Prinzip ja nicht schlecht an. Bloß setzt sich in Amerika seit Anfang der 90er Jahre der Trend durch, dass Charter-Schulen von Unternehmen geleitet werden, die nicht nur zum Ziel die Verbesserung der öffentlichen Schulen haben, sondern damit auch noch Gewinn machen wollen.

Eines der bekanntesten dieser Charter-Schulunternehmen heißt "Edison Schools Inc." und operiert mittlerweile in 20 Bundesstaaten. In der Regel übernimmt Edison völlig heruntergekommene öffentliche Schulen. Zur Ehrenrettung des Unternehmens muss man erwähnen, dass tatsächlich zunächst Geld in die Schulen investiert wird. Die Philosophie des Firmengründers Chris Whittle besteht darin, dass die Gelder, die traditionelle öffentliche Schulen erhalten, durch die bestehende Bürokratie aufgefressen wird und er dies durch vernünftiges Management an seinen Schulen nicht nur verhindern kann, sondern auch noch in Gewinn umwandeln wird.

Der Gewinn lässt allerdings auf sich warten -- Edison Schools Inc. steckt in großen Finanzschwierigkeiten. Kritiker argumentieren, dass die Schulen allgemein keinen Gewinn erwirtschaften dürfen, da sie sich aus öffentlichen Mitteln finanzieren. Viele charakterisieren die Edison-Schulen auch als Kette (sozusagen der Starbucks der Schulen), wie man sie sonst nur in jeder amerikanischen Einkaufsmeile antrifft, denn die Edison-Schulen arbeiten mit einem standardisierten Lehrplan, den man an allen ihren Schulen findet, egal was für regionale Unterschiede es gibt. Ich meine ja, dass mit Bildung und Gesundheit kein Geld zu machen ist. Das funktioniert einfach nicht. Im nächsten Rundbrief gibt's noch etwas mehr zum Thema "Schule".

San Francisco Lokal: U-Bahn zum Flughafen

Abbildung [16]: Der rasende Rundbriefreporter testet die U-Bahn zum Flughafen

Und hier wieder der Lokalteil aus San Francisco. Nach 30!-jährigem Debattieren und Planen fuhr Ende Juni endlich die erste U-Bahn, im Volksmund BART (= Bay Area Rapid Transportation System) genannt, auf neuerbauter Strecke zu San Franciscos Flughafen SFO. Nun mag euch Europäern das etwas hinterwäldlerisch anmuten. Doch wer die USA schon auf so mancher Reise kennen lernte, weiß, dass selbst große Flughäfen meist über keine U-Bahn-Anbindung in die Innenstadt verfügen; geschweige denn die Städte über ein vernünftiges öffentliches Verkehrssystem. So stellt sich das San-Francisco-Modell als bahnbrechend dar. Wie in den meisten amerikanischen Städten gab es bis dato nur die Möglichkeit, mit dem Taxi, dem eigenen Auto oder dem so genannten "Door-to-Door-Shuttle" ("von-Tür-zu-Tür") zum Flughafen zu gelangen.

Bis vor kurzem griffen wir immer auf das letztere zurück, denn der "Door-to-Door-Shuttle" holt einen, wie der Name schon sagt, vor der eigenen Haustür ab. Besonders praktisch, wenn man mit viel Gepäck reist. Bei dem "Door-to-Door-Shuttle" handelt es sich um einen Kleinbus mit Fahrer. Da in einem Kleinbus mehr Leute Platz finden, die sich die Fahrt teilen, verbilligt das diese. Es gibt in San Francisco mehrere Unternehmen, die diesen Service anbieten. Der ganze Spaß kostet je nach Anbieter zwischen 12 und 17 Dollar für eine Person, manche geben auf weitere Gruppenreisende etwa 50% Rabatt. Trinkgeld gibt man dem Fahrer natürlich auch. Ein Taxi kostet vom Flughafen in die Innenstadt zum Vergleich ca. 37 Dollar plus Trinkgeld, während die U-Bahn-Fahrt von unserer Station, der 24th Street, 4.60 Dollar kostet.

Abbildung [17]: Die rasende Rundbriefreporterin im "Airtrain" von der Bart zur Abflughalle

Wir Alteuropäer probierten diesen neuen Bart-Service umgehend aus, als wir uns zur Perl-Konferenz nach Portland aufmachten. Mit Hilfe unseres rollenden Turbogepäcks war der Weg auf der steilen 24sten Straße hinunter zur U-Bahn-Station eine Leichtigkeit und tatsächlich klappte alles wie am Schnürchen. Die Bart zoomte in die nagelneue, hypermoderne SFO-Station, dann ging es über ein paar Rolltreppen zum AirTrain, die interne Flughafenbahn, die Terminals, Parkgaragen usw. miteinander verbindet. Zum Schluss fühlten wir uns aber doch wieder etwas wie in der Provinz, denn das Terminal für inneramerikanische Abflüge erreichen die Passagiere nur, indem sie die Parkgarage durchqueren. Was haben wir gelacht.

Bis nächsten Monat! Eure Amerika-Füchse:

Michael und Angelika

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Letzte Änderung: 11-May-2017