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  Rundbrief Nummer 38  
San Francisco, den 23.07.2002


Abbildung [1]: Die Arztpraxis des philippinischen Greencard-Arztes in der Mission

Kurzer Hand suchte ich einen Doktor in unserer unmittelbaren Nähe heraus und landete deshalb in der tiefsten Mission, dem südamerikanische Viertel, das ja bekanntlich bei uns um die Ecke liegt. Wir gingen getrennt hin, und jeder erzählte nachher dieselbe Geschichte: Im Wartezimmer sprach niemand außer der Sprechstundenhilfe Englisch, aber der von den Philippinen stammende Arzt konnte es recht gut und machte einen erfahrenen Eindruck.

Er absolvierte zunächst eine ganz allgemeine Untersuchung. Ihr wisst schon: in den Hals gucken, abhorchen, Blutdruck messen, Grösse und Gewicht bestimmen etc. Dann spritzte er uns das Zeug für den Tuberkolose-Test unter die Haut und besprach ausführlich, welche Impfungen wir im Kindes-und Erwachsenenalter durchzogen bzw. welche Kinderkrankheiten wir durchlitten hatten. Auf seiner Liste standen für unsere Altersgruppe: Mumps, Masern, Röteln, Tetanus, Diphterie, Polio, Keuchhusten, Windpocken. Ach, wie freuten wir uns, dass ich ordentlicher Mensch alle Imfpässe (sogar die aus Kindertagen) vorweisen konnte. Michael biss allerdings in den sauren Apfel: Röteln übersprang er als Kind und bekam deshalb eine Impfung aufgedrückt. Für meine Untersuchung drückten wir $125 ab, für Michaels wegen der zusätzlichen Impfung $175.

Abbildung [2]: Typisch: Stadtteil "Mission"

Dann ging es ab zum Aidstest. In den USA schickt einen der Arzt für Blutuntersuchungen übrigens in spezielle Labors. Das ist zwar ein wenig lästig, aber die Leute sind Blutabnehm-Profis, denn die machen ja den ganzen Tag nichts anderes. Uns schickte der Arzt zu einer Außenstelle des St.Lukes-Krankenhauses mitten auf der Mission Street. Als ich dort ankam, dachte ich zunächst, irgendetwas stimmt hier nicht. Denn ich musste an Schaufensterauslagen vorbei, die in typischer Missiontradition billige, bunte Waren mit südamerikanischen Einschlag anpriesen, einen dunklen Gang hinunter gehen und stand schließlich vor einer Bürotür. Nach Labor sah das Ganze nicht aus. Das Schild an der Tür besagte allerdings, dass ich richtig sei. Mutig trat ich ein und befand mich in einem winzigen Raum, in dem sich ein Schreibtisch, ein Tisch mit Kanülen zum Blutabnehmen, ein Stuhl und eine Person im weißen Kittel befand. Der erste Gedanken, der mir durch den Kopf ging: Oh je, hoffentlich arbeiten die hier gewissenhaft und ich hole mir nicht irgendetwas (Michael hatte die gleichen Sorgen). Haltet uns jetzt nicht für arrogant, aber das amerikanische Gesundheitssystem liegt wirklich dermaßen im Argen, ihr macht euch keine Vorstellungen, was ich schon erlebt habe, aber davon vielleicht ein anderes Mal mehr.

Abbildung [3]: Das Testlabor in der Mission

Bevor sich die Arzthelferin ans Blutabnehmen machte, unterschrieb ich, dass ich verstanden hatte, dass es sich um einen Aidstest handelte. Das unterschreibt übrigens jeder und nicht nur die Greencard-Anwärter. Allgemein ist es ja fraglich, solch einen möglicherweise alles verändernden Test zu absolvieren nur weil man ihn für die Greencard braucht. Man stelle sich nur das Szenario vor, bei dem Aidstest positiv zu testen. Bezahlen mussten wir selbstverständlich auch im Voraus. Das Ganze kostete für jeden $126.90, wobei allein $77 auf den Aidstest entfielen. Den Rest berappten wir für den Test, der Syphilis aufspürt und einige andere undurchsichtige Posten. Typisch Amerikanisch gab es Rabatt, wenn wir bar oder mit Scheck bezahlten, und zwar satte 40%. Machten wir natürlich. "Aids-test on sale!"

Abbildung [4]: Typisch Stadtteil "Mission"

Einige Tage später machten wir uns erneut auf den Weg zum Doktor, damit dieser unseren Tuberkulose-Hauttest begutachten konnte. Natürlich interessierte uns auch das Ergebnis der Blutuntersuchung. Als wir beim Doktor ankamen, fragte ich die Sprechstundenhilfe nach den Ergebnissen. Die wühlte wild in unserer Akte herum und sagte freudestrahlend, dass ihnen schriftlich noch nichts vorliege, sie aber gleich im St.Lukes-Krankenhaus anriefe, um die Ergebnisse zu erfragen, worauf sie das Telefon zückte und wählte. Ich erblasste etwas, als sie das Telefon auf Lautsprecher stellte, denn schließlich befand ich mich im vollen Wartezimmer. Sie besann sich aber und stellte den Lautsprecher ab, als sich jemand am anderen Ende meldete. Leider dauerte es eine Ewigkeit, bis die betreffende Person die Ergebnisse fand und mir lief es dann doch kalt und heiß den Rücken runter - man weiß ja nie. Schließlich beendete die Sprechstundenhilfe das Telefongespräch, bequemte sich aber nicht, mir die Ergebnisse mitzuteilen. Schüchtern fragte ich nach und sie zuckte lapidar mit den Schulter und sagte, dass alles okay wäre. Der Wahnsinn! Der Rest verlief dann kurz und schmerzlos: Der Arzt las den TB-Test ab und füllte das Formular für die Einwanderungsbehörde mit zittrigen Händen aus, wobei die Sprechstundenhilfe ihn hin und wieder korrigierte. Wir wundern uns heute noch, dass alles richtig war.

Wir hatten nämlich schon die ein oder andere Horrorstory auf dem Internet gelesen, dass die Einwanderungsbehörde beim späteren Begutachten des Formulars fehlerhaftes Ausfüllen bemängelte und die Greencard-Anwärter nicht nur die ärztliche Untersuchung wiederholen mussten, sondern sich dadurch auch der Prozess weiter in die Länge zog. Der Trick bei der Sache ist nämlich, dass das Formular in einen Briefumschlag wandert und der Arzt den Briefumschlag mit Stempel versiegelt. Nur die ehrenwerte Einwanderungsbehörde darf den Brief wieder öffnen.

Übrigens führt nicht jegliches Aufdecken einer Erkrankung dazu, dass der Greencard-Anwärter die rote Karte zieht. Handelt es sich um eine heilbare Krankheit, gilt nachzuweisen, dass der Betreffende wieder zu den Gesunden zählt, was allerdings wieder bedeutet: Papierkram, Papierkram, Papierkram.

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Letzte Änderung: 25-Jul-2014