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  Rundbrief Nummer 37  
San Francisco, den 24.03.2002
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Abbildung [1]: Alter Mann auf Kur

Angelika: Heute öffne ich wieder unser Reisetagebuch: Dieses Mal fuhren wir mit dem "PERL MAN" (Nummernschild unseres Autos) zwei Stunden auf dem Highway 101 (Autobahn mit der Nummer 101) in den Norden Kaliforniens nach Ukiah ins "Vichy Springs Resort". Dort gibt es eine natürliche Heilquelle, aus den Tiefen der Erde kommt das warme, kohlensäurenhaltige und mit Mineralien reich bestückte Wasser, das sowohl getrunken werden kann, aber auch allerlei Gutes verspricht, wenn man in ihm badet. Es hilft nicht nur bei Magengeschwüren, Gicht, Rheumatismus und Arthritis sondern lindert auch Sonnenbrand. Verbrennungen und Verletzungen der Haut heilen schneller ab. Und wer noch nicht über die diversen beschriebenen Zipperlein verfügt, nutzt das wohltuende Wasser einfach, um sich zu entspannen und die Seele baumeln zu lassen. "Vichy Springs" heißt der Ort übrigens, weil das kalifornische Wasser dem französischen Original verblüffend ähnelt -- da zeigt sich der Amerikaner pragmatisch.

Die heilende Wirkung des Quellwassers kannten die Pomo-Indianer schon seit Jahrtausenden. 1854 öffnete das jetzige Resort seine Tore. Nach amerikanischen Maßstäben ist das uralt, eine historische Sensation. In Vichy Springs tummelten sich dann auch Größen wie Mark Twain, Robert Louis Stevenson, Jack London und der ein oder andere amerikanische Präsident. Damals galt man in San Francisco als "megacool", wenn man sich nach Vichy Springs aufmachte. Sogar eine Tanzhalle gab es, um den Vergnügungen nach einem erfrischenden Bad kein abruptes Ende zuzufügen. Heute geht alles etwas beschaulicher zu und man trifft nur noch auf berühmte Perlbuch-Autoren (haha!): Wir schliefen in einem gemütlichen, noch nicht vor allzu langer Zeit renovierten Zimmer und genossen neben ausgiebigen Bädern lange Spaziergänge auf dem riesigen Gelände.

Abbildung [2]: Auf dem Spaziergang in Vichy Springs: Der roteste Baum Amerikas

Das Baden im Heilwasser läuft wie folgt ab: Da es etwas unpraktisch und vielleicht auch nicht super umweltfreundlich wäre, wenn sich alle in der nicht gerade großen Quelle zum Baden einfänden, gibt es diverse, von der Quelle gespeiste Badewannen. Einige dieser Badewannen stehen unter freiem Himmel, andere in einer überdachten, langen Hütte, die mit Wänden unterteilt ist, so dass sich immer zwei Badewannen nebeneinander in einem kleinen Raum befinden. Auch in den überdachten Hütten gilt es, den Badeanzug oder die Badehose anzubehalten, was im prüden Amerika auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich erscheint, allerdings gibt es in Nordkalifornien mehrere Orte mit natürlichen Quellen, in die man auch unbekleidet steigen darf ("clothing optional" heißt das hier). Das liegt vielleicht auch daran, das sich in diese Orten viele freiheitsliebende Alt-Hippies oder "New-Age-Leute" sammeln.

Aber ich schweife ab. Die Badewannen besitzen einen riesigen Stöpsel aus Metall, den man einfach auf der einen Seite herauszieht, um ihn dann auf der anderen Seite wieder einzustöpseln. Schon fängt das Wasser an, zu sprudeln und die Badewanne füllt bis zum Rand, begrenzt durch den natürlichen Wasserdruck der Quelle. Steigt man in das Wasser ein, fühlt es sich zunächst nicht allzu warm an. Der Trick ist, ganz ruhig liegen zu bleiben. Dann legen sich langsam kleine Bläschen wie eine zweite Haut um den eigenen Körper. Die Adern erweitern sich, das Blut kommt in Wallung und der Körper erwärmt sich sozusagen von innen. Meist erwärmt sich zuerst die Magengegend und nacheinander dann die anderen Körperteile. Ein witziges Gefühl. Die Badewannen sind übrigens von den im Wasser enthaltenen Mineralien bräunlich gefärbt. Am ersten Abend stiegen wir im Halbdunkeln in die Bäder und Michael erheiterte mich mit Geschichten, was sich alles auf dem Grund der Badewanne befindet. Gut, dass ich hart gesotten bin. Wenn ihr einmal in der Gegend von Ukiah seid, stoppt in Vichy Springs. Man muss übrigens kein Hotelgast sein, damit man in das heilende Wasser steigen darf. Ein Tagespass verschafft einem den Zutritt.

Zur Heilerin nach Chinatown

Und hier eine weitere Geschichte bezüglich unkonventioneller Heilmethoden. In Amerika setzen sich erst langsam alternative Ideen wie die der Homöopathie durch. Ärzte teilen immer noch freizügig Antibiotika bei Schnupfen aus. Medikamente wie Aspirin kauft man in der Großpackung im Supermarkt. In San Francisco sind Methoden wie Akupunktur, Akupressur oder ganzheitliche Medizin allerdings kein Fremdwort. Die Einwanderer aus den verschiedensten Kulturkreisen bereichern San Francisco eben nicht nur kulinarisch. Darüber hinaus zeichnet sich San Francisco seit eh und je als Sammelbecken alternativer Strömungen aus. Für den Enthusiasten der Naturmedizin bietet der Stadtteil "Chinatown" eine wahre Fundgrube, denn die traditionelle chinesische Medizin begegnet einem hier auf Schritt und Tritt.

Ich erinnere mich noch gut an unsere Anfänge in San Francisco. Damals ging ich brav in meine Englischkurse ins City College (so etwas wie die Volkshochschule). Einer der Kursteilnehmer, ein älterer vietnamesischer Herr, klagte über Knieschmerzen, ging zu seinem normalen Doktor, der ihm gleich eine Operation am Knie verpassen wollte. Der besagte Herr eilte daraufhin nach Chinatown zur Akupunktur und die Knieschmerzen verschwanden. Das beeindruckte mich damals sehr. Auch faszinierten mich schon immer die kleinen Geschäfte, die in Chinatown die exotischten Kräuter verkaufen. Leider traute ich mich bisher nie, etwas zu kaufen, da ich erstens keine Ahnung habe, was bei welcher Erkrankung hilft und weil sich zweitens an den Kräuterbehältern nur Schilder mit chinesischen Schriftzeichen befinden. Meine Freundin Anne geht allerdings des öfteren zu einer chinesischen Heilkräuter-Spezialistin ("Chinese Herbalist") und erzählt davon stets begeistert. Und da mich schon seit geraumer Zeit ein undefinierbares Halsproblem quält, an dem sich die konventionellen Mediziner die Zähne ausbeißen, dachte ich mir, das probiere ich auch einmal aus.

Abbildung [3]: Chinesische Heilkräuter mit Rezeptur

Einen Termin zu machen, war gar nicht so einfach, da die Person, die sich am Telefon meldete, kaum Englisch sprach, ein sehr häufiges Phänomen in Chinatown. Schließlich gelang es mir aber doch. Nun müsst ihr euch das Ganze nicht etwa als Arztpraxis vorstellen. Ganz im Gegenteil, die Spezialistin saß an einem Schreibtisch im hinteren Teil des Kräuterladens. Vor ihrem Schreibtisch befanden sich ein paar Stühle für die Wartenden, d.h. jeder bekommt alles mit, auch der Kunde, der am Ladentresen steht und etwas kauft. Als ich das Geschäft betrat, reiste ich in Lichtgeschwindigkeit von San Francisco nach China. Im Laden befanden sich nur chinesische Kunden und chinesische Wortfetzen flogen mir um die Ohren. Sich in einer Umgebung zu befinden, in der man plötzlich selbst zur Minderheit zählt, ist eine äußerst interessante Erfahrung. Obwohl alle sehr freundlich zu mir waren, fühlte ich mich etwas deplaziert, da ich nichts verstand. Schließlich drang ich zu der Kräuterspezialistin vor und schilderte ihr meine Symptome. Sie stellte mir einige Fragen und schrieb in einer Affengeschwindigkeit chinesische Schriftzeichen auf ein Blatt Papier. Ich erblasste vor Neid, denn wir quälten uns ja gerade durch unsere ersten chinesischen Zeichen in unserem dritten Japanisch-Kurs. Dann maß sie meinen Puls, guckte meine Zunge an und reichte den Zettel an ihren Kollegen, der hinter dem Ladentresen stand, weiter. Der zog daraufhin alle möglichen Schubladen auf, wog Kräuter auf einer altmodischen Waage ab und verteilte alles auf fünf braune Tüten. Ich bezahlte 32 Dollar (5 Dollar für jede Kräutertüte und 7 Dollar für die Untersuchung) und ging. Zu Hause schaute ich mir erst einmal in aller Ruhe die Kräuterraritäten an. Da waren Sachen dabei, die ich noch nie in meinem Leben gesehen hatte. Aus dem Ganzen kochte ich mir dann einen Tee, indem ich die Kräuter mit vier Tassen Wasser vermengte und für ca. eine Stunde kochte. Trinken musste ich den Tee dann natürlich auch noch. Der schmeckte sogar gar nicht so schlecht. Leider nervt mein Hals immer noch, aber die Erfahrung war mir der Besuch bei der Kräuterspezialistin allemal wert.

Bayrische Einflüsse in den kalifornischen Bergen

Abbildung [4]: Auf der Hütte der Naturfreunde von San Francisco

Eine Besonderheit ganz anderer Art suchten wir neulich während einer unserer Wochendwanderungen im Mount-Tamalpais-Gebiet auf. Die Mount-Tamalpais-Region ist etwa 45 Autominuten nördlich von San Francisco und bietet tolle Wanderungen in hügeliger Landschaft mit schönen Ausblicken auf den Ozean. Schon länger wussten wir, dass sich dort im Wald eine Berghütte versteckt, auf deren Terrasse man picknicken und Bier trinken kann. Leider gelang es uns bis jetzt nicht, diese ausfindig zu machen. Doch da ich immer alle mögliche Reiseliteratur lese, fand ich in einem Wanderführer eine Beschreibung, wie man zur Hütte gelangt. Also machten wir uns eines Sonntags auf den Weg. Nun kommt euch das vielleicht als nichts Besonderes vor. Deshalb sei gesagt, dass sich das Konzept der Berghütten in Amerika noch nicht durchgesetzt hat. Kein Mensch kraxelt hier in den Bergen herum und erwartet am Ende des Weges eine Berghütte zu finden, um Hunger und Durst zu stillen.

Abbildung [5]: Naturfreunde -- kein FKK-Verein, nur Bergliebhaber

Wie kommt nun aber eine Berghütte nach Kalifornien? Der "Touristen-Verein Die Naturfreunde" steckt dahinter. 1895 in Wien als Bewegung der österreichischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei gegründet, wollten die Naturfreunde Arbeitern und ihren Familien ermöglichen, ihre Freizeit in der Natur zu verbringen. Der Verein erfreute sich in Europa schnell größter Beliebtheit. 1914 öffnete bereits das erste Vereinshaus in Amerika seine Tore -- natürlich, ihr dachtet es euch schon, in der Nähe von San Francisco im Mount-Tamalpais-Gebiet. Heute verbirgt sich hinter dem "Touristen-Verein Die Naturfreunde" der Zusammenschluss von Wanderern und Bergsteigern. Es gibt ca. 1400 Vereinshäuser in 21 Ländern. So kamen wir also in den Genuss, frischgezapftes deutsches Bier in der Sonne zu trinken und dabei die Aussicht zu genießen. Zu essen gab es allerdings nur amerikanische Kartoffelchips u.ä. aus der Tüte, denn die Hütte ist eben kein professionell betriebenes Restaurant sondern wird von den Vereinsmitgliedern unterhalten. Nur die kalifornische Landschaft erinnerte uns daran, dass wir nicht irgendwo in Österreich oder Bayern saßen, denn das Haus der Naturfreunde könnte man ohne weiteres dorthin verpflanzen. In San Francisco und Umgebung gibt es doch nichts, was es nicht gibt.

Abbildung [6]: Bayrische Einflüsse in Kalifornien

Ein Faux-Pas der Einwanderungsbehörde

Auch heute bleibt es mir nicht erspart, über die amerikanische Einwanderungsbehörde, mit der wir ja bekanntlich auf du und du stehen, zu berichten. Die Presse meldete, dass eine Flugschule in Florida letzte Woche ein Schreiben vom Immigration Office hinsichtlich Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi erhielt: Die Umänderung ihrer Touristenvisa zum Studentenvisa wurde genehmigt. Nur um eure Erinnerung aufzufrischen: Bei den genannten Personen handelt es sich um zwei der Terroristen, die vor sechs Monaten die Flugzeuge ins World Trade Center in New York flogen. Die Pressemeldung, die sich als wahr herausstellte, führte zu tumultartigen Zuständen. Bush und Konsorten zeigten sich tief bestürzt, wie so etwas nur passieren konnte. Es rollten Köpfe bei der Einwanderungsbehörde. Nun muss ich zur Ehrenrettung der Einwanderungsbehörde erwähnen, dass diese die Studentenvisa schon im Sommer 2001 (also vor den Anschlägen) genehmigte und dies Mohammed Atta und Marwan al-Shehhi schriftlich mitteilte. Leider dauerte es aber weitere sechs bis sieben Monate, um die Schulen zu informieren, da die Daten per Hand in das Computersystem der Einwanderungsbehörde eingegeben werden. Uns überraschte dieser Fauxpas nicht, denn wir wissen um das antiquierte Computersystem und erlebten selbst schon allerlei Haarsträubendes mit der Einwanderungsbehörde. Lachen könnte man über diese absurde Geschichte, wenn da nicht das Warten auf unsere eigene Greencard wäre. Denn wenn man jetzt der Einwanderungsbehörde verstärkt auf die Finger sieht und irgendwelche Umstrukturierungen vornimmt, verlangsamt sich alles noch mehr.

Fundraising in den USA

Abbildung [7]: So sammeln Kinder Geld für wohltätige Zwecke

Szenenwechsel: Neulich schlenderte ich einmal wieder die 24te Straße in unserem Viertel hoch und rannte an jeder Straßenecke in ein paar Schulkinder, die Kekse oder Schokolade verkauften. Früher habe ich nie verstanden, was es damit auf sich hat. Aber nachdem unsere Nachbarskinder auch schon an unsere Tür klopften, um ihre Schokolade loszuschlagen, weiß ich Bescheid. Die Kinder versuchen nicht etwa, der Schokoladenindustrie zu helfen, nein, sie sammeln Geld für ihre Schule, indem sie Riegel für 60 Cents mit einem Aufdruck versehen, $2.00 dafür verlangen und das Geld für einen guten Zweck weitergeben. Das nennt man in Amerika "fund raising". Die Schule unserer Nachbarskinder braucht z.B. neue Computer. Nun sammeln die Kinder nicht etwa, weil es ihrer Schule so schlecht geht. Das "Fund Raising" ist ein uramerikanisches Prinzip. Es zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben eines jeden Amerikaners. Da der amerikanische Staat nur dann hilft, wenn es gar nicht mehr anders geht, sind amerikanische gemeinnützige Einrichtungen und Organisationen auf Spenden angewiesen. Amerikaner sind nicht nur Weltmeister im Spenden sondern auch aüßerst kreativ, wenn es darum geht, wie man das Geld eintreibt. Es gibt Marathons und Bälle, deren Teilnehmer Sponsoren zusammentrommeln, um die hohen Eintrittsgelder (teilweise in Höhe mehrerer Tausend Dollar) zu bezahlen, die dann an den guten Zweck gehen. Man fährt Fahrrad von San Francisco nach Los Angeles und Kinder verkaufen auf dem Gehsteig Limonade. Am Wochenende sehen wir häufig Jugendliche, die mit Schildern wedeln, um Autos in einen Parkplatz zu lotsen. Dort waschen sie dann das Auto gegen Entgeld, das dann an die gemeinnützige Einrichtung geht. Gespendet wird im großen Stil: Ganze Museen und Universitäten wurden so geschaffen. In solchen Einrichtungen findet man in der Regel mindestens einen Mitarbeiter, dessen einzige Aufgabe es ist, Spenden von der Industrie und wohlhabenden Mitbürgern einzutreiben.

Abbildung [8]: Fundraising für Aids per Fahrrad

Hinzu kommt, dass es in den USA ein gesellschaftliches Muss ist, ehrenamtlich tätig zu werden. Ich kenne hier Leute, die voll berufstätig sind, mehr als 40 Wochenstunden arbeiten, Kinder haben und trotzdem mehrere Wochenstunden freiwillig gemeinnützige Arbeit leisten. Für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten, wird dem Amerikaner früh eingebläut. Im Tenderloin haben wir z.B. oft Schulkinder, die eine ganze Woche lang unentgeldlich bei uns mitarbeiten. Die Schule organisiert das. Das dient nicht etwa der Berufsfindung, sondern die Kinder lernen, etwas für die Gemeinschaft zu tun ("give back to the community").

Die Möglichkeiten, ehrenamtlich zu helfen, sind unbegrenzt. Ein bekanntes Programm in Amerika heißt "Big Brothers, Big Sisters". Dabei kümmert man sich wie ein Mentor um ein Kind. Man unternimmt Ausflüge, hilft bei schulischen Schwierigkeiten, undsoweiter. San Francisco verfügt übrigens über eine Organisation, die ehrenamtliche Tätigkeiten koordiniert ("Volunteer Bureau of San Francisco). Einrichtungen geben dort bekannt, wann und wofür sie Helfer brauchen. Interessierte können diese Informationen einsehen und sich dann entscheiden, wo sie tätig werden möchten. Ich fand über dieses Büro übrigens das Tenderloin Childcare Center, in dem ich seit viereinhalb Jahren zweimal die Woche "voluntiere". Ich denke übrigens, dass europäische Politiker diesen Aspekt privater Hilfsbereitschaft (Spenden und ehrenamtliche Tätigkeit) vergessen, wenn sie blind Elemente amerikanischer minimaler Sozialpolitik nach Europa verpflanzen wollen.

Noch einmal zurück zu unseren sammelnden Nachbarskindern. Der Schokoladenverkauf war nicht etwa freiwillig. Jeder Schüler musste zwei große Kartons an den Mann bringen. Früh übt sich, was ein Meister werden will...

Bahn frei für Michael!

Aktuell im Fernsehkasten

Michael: Beim Fernsehen in den USA stellt sich die Frage: Kabel oder Schüssel? Nachdem AT&T (denen das Kabel gehört) in der Fernsehwerbung lustige Geschichten bringt, nach denen Schüsselbesitzer geistig unterbelichtet sind, haben wir uns Kabel zugelegt. Damit kriegt man etwa 60 verschiedene Kanäle rein. Das ist allerdings so viel, dass der TV-Guide, die wöchentliche Fernsehzeitschrift in den USA, so dick wie das Telefonbuch einer deutschen Kleinstadt ist! In dem Buch "Understanding USA" habe ich gelesen, dass der TV-Guide, diese völlig nutzlose Zeitschrift, Woche für Woche 12.5 Millionen Exemplare auflegt und dafür im Jahr mit Werbung 1,17 Milliarden Dollar einnimmt! Übrigens ein sehr interessantes Buch, dieses "Understanding USA". Dort erfährt man zum Beispiel, dass in Florida hauptsächlich Leute über 60 wohnen und von den Döspaddeln in Süd-Texas kaum jemand auf eine Uni geht. Oder dass weiße Männer über 50 etwa 10% der Bevölkerung ausmachen, aber 33% aller Selbstmörder. Oder dass zwischen 1990 und 1998 die Kosten für Universitäten in den USA um 54.2% gestiegen sind, während im gleichen Zeitraum die Preise für Fernseher um 52.2% fielen. Oder dass 30% aller männlichen Schwarzen zwischen 20 und 30 Jahren in den USA mal im Gefängnis waren. Oder 43 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben. Oder New Orleans mit 37% Übergewichtigen den nationalen Rekord hält. Aber ich weiche ab.

Abbildung [9]: Das Fernsehprogramm eines einzigen Abends!

Abbildung 9 zeigt die Auswahl eines Fernsehabends von 18:00 bis Mitternacht -- völlig unbenutzbar, wenn man nicht sowieso schon weiß, was man sehen will. Aber zum Glück haben wir ja -- wie in einem der letzten Rundbriefe ausgeführt -- TiVo, den denkenden TV-Computer, der Tag und Nacht durch alle Kanäle durchorgelt, alles aufnimmt, was seinen Besitzern gefällt und es stets abspielbereit parat hat.

Das führte dazu, dass wir mittlerweile keine Ahnung mehr haben, was auf welchem Kanal kommt, der TiVo hat's einfach irgendwann aufgezeichnet. Man klickt die Sendung einfach anhand des Titels in der TiVo-Liste an und führt sie sich zu Gemüte. Auch klappert natürlich kein normaler Mensch Kanal 40 und drüber ab -- das können nur Leute, die den ganzen Tag in Unterhosen auf der Couch sitzen, "Budweiser"-Bier trinken und mit der Fernbedienung herumzappen. Mach' ich natürlich nicht.

Auch der TiVo-Kasten hat den ganzen Tag nichts zu tun, als auf den absurdesten Kanalnummern interessante Sendungen für seine Besitzer zusammenzusuchen. Das geht, wie ich schon mal geschrieben habe, indem der Kasten lernt, was den Besitzern gefällt und da kann's schon mal sein, dass der Kasten etwas entdeckt, was seine Besitzer niemals herausgefunden hätten. "Travels with Harry" (Kanal 47) ist zum Beispiel so ein Glückstreffer. Da wir gerne Reisemagazine wie "Back Area Backroads" (über die Gegend um San Francisco) sehen, dachte sich der TiVo-Kasten, dass uns vielleicht auch "Travels with Harry" gefallen würde, eine Sendung, in der ein gewisser Harry Smith in Smalltown-Amerika herumreist und Traditionen und Absurditäten ausgräbt. Und TiVo hatte recht, begeistert sehen wir die Sendung jede Woche! Ein anderes Beispiel ist "Louis Theroux's weird Weekends" (Kanal 48), in der ein britischer Reporter von der BBC in der Welt herumreist und die ausgeflipptesten Dinge entdeckt.

Abbildung [10]: Harry Smith von "Travels mit Harry" sitzt vor seinem Tasserl Kaffee und stellt wieder die absurdesten Vorgänge aus Smalltown-Amerika vor.

Bei soviel Fernsehangeboten gibt's auch Sendungen für Randgruppen, wie zum Beispiel Leute, die Bilder malen, in denen Elche vor Gebirgen stehen. In Abbildung 11 seht ihr den Malerfritzen, der stundenlang erklärt und auch vorführt, wie man solche Bilder malt. Dass ich derlei Unfug gerne sehe, weiß TiVo mittlerweile und nimmt's zu Angelikas Verdruss immer auf, auch wenn gerade "Oprah" kommt!

Abbildung [11]: Der Malerfritze zeigt, wie man Bilder mit Elchen im Vorder- und Gebirgen im Hintergrund malt.

Vor den Fernsehsendungen müssen die Sender übrigens immer einblenden, wieviel Sex und Gewalt gleich gezeigt wird. In Abbildung 12 seht ihr, dass gleich "mild violence" (milde Gewalt, haha!), "adult content" (es kann um Drogen oder so gehen) und "adult language" (kommt vor, dass jemand "shit" oder "fuck" sagt) hageln wird. Für Nacktszenen gibt's auch noch weitere Kategorien, das wird in Amerika besonders streng gehandelt. Im normalen Programm wird nie, und ich meine nie jemand nackt oder auch nur halbnackt gezeigt. Die Szenen werden entweder ganz rausgeschnitten oder an den entsprechenden Stellen unscharf gemacht. Im Pay-TV (also die Sender für die man extra zahlen muss wie HBO, das amerikanische "Premiere") darf es dann auch mal freizügiger zugehen, da gibt es "brief nudity" (nur schemenhaft), "full nudity" (man sieht was) und sogar "strong sexual content". Wobei das im prüden Amerika nicht viel heißt, ein einziger Abend auf RTL in Deutschland wäre durchgehend volle Kanne "strong sexual content".

Abbildung [12]: Vor der Fernsehsendung wird angezeigt, wieviel Sex und Gewalt sie enthält.

Außerdem ist das Fernsehen hier stark regionalisiert. Ähnlich wie in Bayern die ARD im Vorabendprogramm bayerische Sendungen bringt, hat hier jede Stadt ihr eigenes Fernsehprogramm. So kann es schon mal sein, dass die 10-Uhr-Nachrichten auf Kanal 5 als Aufmacher die Meldung bringen, dass die Stadt plant, den Brückenzoll über die Bay Bridge um einen Dollar zu erhöhen. Als wir erst ein paar Monate in San Francisco waren, begingen wir mal den Fehler, auf einem unserer Ausflüge kurz hinter der Golden Gate Bridge ein Fernsehprogramm zu kaufen -- was sich hinterher als nutzlos herausstellte, da in Tiburon und Sausalito ganz andere Kanalnummern gelten.

Auch gibt es in den USA ja vier verschiedene Zeitzonen: Kommt eine landesweit ausgestrahlte Sendung bei uns in San Francisco um 20:00 (Pacific Time), lief sie in der Mountain-Time-Zeitzone (Chicago) bereits um 19:00, in der Central-Time-Zone (Texas) um 18:00 und nach Eastern-Time (New York) um 17:00. Das führt besonders bei mit Spannung erwarteten Sendungen wie dem Finale von "Survivor" zu Konflikten: Da die Sendungen wegen hoher Werbeeinnahmen zur lokalen besten Sendezeit laufen müssen, wissen die New Yorker schon drei Stunden früher, wie's ausgegangen ist.

Abbildung [13]: Das Zahnarztteam von "Jang and Associates" in der Fernsehwerbung

Regionalität spiegelt sich auch in der Werbung wieder: Es kann schon mal sein, dass plötzlich ein chinesischer Zahnarzt aus San Francisco mit einem unglaublichen Akzent seine Dienste anpreist. Anders als in Deutschland dürfen hier ja Ärzte und Anwälte Werbung machen wie jede andere Firma auch. Ich kugele mich regelmäßig am Boden, wenn der Spot sich dem Ende nähert, das Zahnarztteam von "Jang and Associates" sich aufreiht, der Chef "Jang and Associates!" ruft und auf Kommando ein Lächeln aufsetzt, während sein Zahnarztteam "We'll take gooood care of ya!" murmelt (Abbildung 13). Für die erste Zahnuntersuchung, einschließlich Röntgenaufnahmen und schriftlichem Kostenvoranschlag berechnen die fleißigen Zahnunternehmer übrigens nur $18 statt dem regulären Preis von $135, wie der Werbespot mitteilt (Abbildung 14).

Abbildung [14]: Schlagerpreise für Zahnuntersuchung und Röntgenaufnahmen

Da in San Francisco viele Ausländer wohnen, deren Muttersprache nicht unbedingt Englisch ist, reserviert das Fernsehen Kanäle für japanische, chinesische und spanische Sendungen. Letztere sind für Mexikaner und haben die angenehme Eigenschaft, dass dort Sportarten wie Fußball übertragen werden, während dieser Sport von normalen Sendern sogar während der Weltmeisterschaft ignoriert wird! Das "Gooooooool" bei jedem Tor ist jedoch gewöhnungsbedürftig. Im japanischen Kanal sah ich mal einen amerikanischen Footballspieler, der in einem Werbespot in recht gutem Japanisch einen grünen Tee einer bestimmten Marke anpries. Eine Kultsendung im japanischen Fernsehen ist der sogenannte "Iron Chef". Da treten zwei Köche, meist ein asiatischer und ein europäischer/amerikanischer gegeneinander an. Beide müssen binnen einer Stunde ein 4-gängiges Menü zaubern, um die japanische Jury (die natürlich japanisch plappert, englische Untertitel zeigen die Übersetzung) mit ausgefallenen Leckereien zu überzeugen. Wegen des großen Erfolges der Sendung, die auch viele Amerikaner dem japanischen Kanal in die Arme trieb, startete der amerikanische Sender UPN die Sendung "Iron Chef America", die von dem mittlerweise greisen und aufgedunsenen William Shatner (Käpt'n Kirk von der Enterprise) moderiert wird, dem seine Frau im Swimmingpool ertrunken ist. Ein Desaster natürlich.

Abbildung [15]: Auf obskuren Kanälen werden "Germany live" und "Germany today" in den USA ausgestrahlt

Für die wenigen Deutschen in San Francisco gibt's allerdings keinen eigenen Kanal aber KMTV auf Kanal 32 bringt in San Francisco öfter mal was. Irgendwann in der Nacht um vier oder so kommt eine Sendung namens "Deutschland heute" von der "Deutschen Welle", die wöchentlich die wichtigsten Nachrichten und einige Sonderberichte bringt. Die Sendung gibt's auf Deutsch und auf Englisch. In der englischen Version treten öfter mal deutsche Prominente auf, die dann mit brachialem Englisch herumpoltern, bis ich Tränen lache. Neulich war Bergschrat Reinhold Messner (Abbildung 16) da, der zum x-ten Mal die Geschichte vom Nanga Parbat erzählte. Die englische Version war zwar grammatikalisch auf dem Niveau eines Fünftklässlers und die Aussprache schlimmer als die von Helmut Kohl, aber er scherte sich nicht drum und lieferte ein erstaunliches Ergebnis -- der Mann hat Format, Hut ab!

Der TiVo weiß, dass mich alles, was mit Deutschland zu tun hat, interessiert und zeichnet's vorsichtshalber auf. Meistens geht's um irgendeinen Schmarren, zum Beispiel neulich um eine ältere deutsche Dame, die am Südpol an einem Marathon teilnahm. Manche Deutsche leben ja schon 40 Jahre und mehr hier, für die ist das sicher unterhaltsam. Die andere deutsche Sendung "Germany Live" stellt immer schwerpunktmäßig eine deutsche Stadt vor. Kürzlich war Lübeck dran. Elektrisiert saß ich im Fernsehsessel! Lübeck! Mensch! Aber diese Produktionen sind so liebenswert unprofessionell gemacht (anscheinend mit sehr kleinem Budget produziert), dass ich sie mir tatsächlich manchmal ansehe.

Abbildung [16]: Bergschrat Messner gibt ein Interview auf Englisch

Abbildung [17]: Ein bombeninteressantes Thema: Der Oder-Havel-Kanal

Eine weitere Quelle reinen Fernsehgenusses sind die Werbespots der US-Armee, die ja ihre Berufssoldaten offiziell anwerben muss und nicht wie in Deutschland auf kostenloses Kanonenfutter zurückgreifen darf. Unterlegt von Heavy-Metal-Musik landen da von glücklichen Piloten gelenkte F-16s auf Flugzeugträgern und mit Tarnfarbe angemalte Kampfschwimmer lassen sich von Schlauchbooten mit Gewehr im Anschlag cool ins Wasser gleiten. Wehe dem, der die Knarre danach putzen muss, sage ich da als alter Veteran dazu! "Accelerate your Life" ("Beschleunige dein Leben") heißt der derzeitige Slogan. Und "Paid for by the US Navy" steht unten drunter.

Abbildung [18]: Männer mit Ballermännern im Army-Spot

Abbildung [19]: Ein stolzer Pilot der US Army

Überhaupt ist die Masse der Werbung, die das amerikanische Fernsehen einbaut, absolut unerträglich. Ich glaube, dass zur besten Sendezeit auf eine Stunde Fernsehen 25 Minuten Werbung kommen. So füllt ein eineinhalbstündiger Spielfilm fast drei Stunden. In der ersten Stunde kommen die Werbeblöcke noch zaghaft, damit nicht zu viele Zuschauer abspringen, aber am Ende, wenn's spannend wird und jeder den Ausgang miterleben will, wird der Film alle fünf Minuten für fünf Minuten unterbrochen. Passen übrigens nicht alle vorgesehenen Werbeblöcke in den verfügbaren Sendezeitraum, wird der Film gerne auch gekürzt. Teilweise kapiert man dann den Film gar nicht mehr, weil wichtige Szenen fehlen. Da hilft nur, sich entweder einen Premium-Kanal wie HBO (wie Premiere in Deutschland) für $30 im Monat zuzulegen und TiVo alles aufnehmen zu lassen oder Videos auszuleihen.

Abbildung [20]: Die US Navy zeichnet verantwortlich für diesen Werbespot

Das bringt mich auf ein weiteres Thema: Vor fünf Jahren habe ich, noch in Deutschland wohnend, nicht begriffen, dass deutsch synchronisierte amerikanische Filme wertvolle Informationen verlieren. Klar, ich bin damals auch in München öfter in das "Atlantis"-Kino in der Schwanthaler Straße gegangen, um Filme wie "Terminator" in der Orginalfassung zu sehen -- Arnie Schwarzenegger ist bekanntlich unbezahlbar, wenn er in seinem brachialen Österreicher-Englisch herumpoltert. Aber bis dato war mir entgangen, dass der Amerikaner mittels Dialekten und Akzenten feine Nuancen in Filme einbaut. Genau wie man Münchner und Hamburger im deutschen Fernsehen sofort am Dialekt erkennt, gibt es in der englischsprachigen Welt leicht feststellbare Unterschiede zwischen Kaliforniern, Bewohnern der Ostküste (New York etc.), Südstaatlern (New Orleans etc.), Hillbillies (Mais- und Kartoffelstaaten der USA), Kanadiern, Australiern, Iren, Briten, Schotten und Ausländern, die Englisch mit einem Akzent sprechen: Asiaten, Inder, Italiener, Spanier, Russen und Deutsche.

Diese Tradition wird in Hollywood weiter gepflegt. Macht in einem Film eine bis dato unbekannte Figur den Mund auf, kann ein im Kino sitzender Amerikaner innerhalb von drei Sekunden feststellen, von welchem Kontintent der Betreffende stammt. Genau wie jemand in einer Hamburger Bäckerei mit "Gehm's mer mol zwoa Semmel, bittschön!" sofort als Bayer identifiziert würde, fällt in Filmen wie "Crocodile Dundee" auf, dass der Held die Leute mit einem australischen "G'Day Mate" begrüsst, was in den USA unerhört ist. Derlei geht in der deutschen Übersetzung natürlich verloren -- es sei denn, der Crocodile-Dundie spräche in New York bayerisch, was freilich ungeahnte komische Energien freisetzen könnte, wenn er dem Türsteher ein firmes "Grüß Gott!" entgegenschleuderte.

In den in den USA nicht knappen Nazi-Filmen sprechen die Rädelsführer kurze deutsche Sequenzen, die jeder Amerikaner kennt: "Schnell, Schnell!", "Marsch!", "Blitzkrieg!" -- und sonst natürlich ein hanebüchenes Englisch. Sie äußern das englische "th" als säuselelndes "s" (amerikanisch "z") und das sonst eher bei aufgerollter Zunge im hinteren Gaumenbereich wohnhafte englische "r" wird entweder bayerisch gerollt oder norddeutsch geraspelt. Das eher als "uua" gesprochene englische "w" sprechen sie deutsch aus, ähnlich wie der Amerikaner "v" ausspricht. Wundern sich also zwei aufgescheuchte Nazis in einem Film, wo denn ihr Anführer sei, sagen sie in korrektem Filmenglisch "Vere is ze Hauptmann?".

Das muss man sich klarmachen: Alle Akteure in amerikanischen Filmen, egal welcher Nationalität, sprechen aus naheliegenden Gründen Englisch. Aber der Nazi spricht in Kriegsfilmen mit deutschem Akzent, der Australier sein breites Singsang, der Schwarze in den Hiphop-Klamotten Straßendialekt, der Wall-Street-Typ aus New York seinen trockenen Ostküstenakzent und der Brite natürlich Schulenglisch, der Schotte rollt das "r". Mir hat jemand erzählt, dass in der letzten "Krieg der Sterne"-Episode die Bösen alle entweder mit japanischem oder deutschen Akzent sprechen. Oder wer von euch wusste, dass der Mann aus dem Maschinenraum vom "Raumschiff Enterprise" nur deswegen "Scotty" heißt, weil er das "r" rollt wie ein Schotte?

Im Zuge der Olympia-Berichterstattung brachte das Fernsehen einen Bericht über den bayrischen Nationalhelden und -rodler Georg Hackl, der auch die "fliegende Weißwurst" genannt wird und diesmal leider die Goldmedaille verbockt hat. Dem Schorsch sein Englisch ist natürlich ein wenig, ähm, limitiert. Er sprach deutsch, während eine amerikanische Stimme seine im Hintergrund hörbaren Äußerungen mit der Übersetzung für die amerikanischen Zuschauer unterlegte. Aber das Faszinierende war: Der Übersetzer sprach amerikanisch mit deutschem Akzent! Nicht mal gekünstelt -- der Sender hat also extra einen Exildeutschen engagiert, um das Interview mit dem Hacklschorsch so zu bringen, dass auch der letzte Amerikaner versteht: Der Schorsch ist aus Deutschland.

Und amerikanische Fernsehserien werden, wie ihr natürlich wisst, gerne von deutschen Sendern eingedeutscht und übernommen. Ich habe gelesen, dass immer mehr Deutsche, die in Deutschland verhaftet werden, darauf bestehen, dass ihnen ihre Rechte ("Alles, was sie sagen, kann vor Gericht gegen sie verwendet werden blabla ...") vorgelesen werden. Diese Dummies wissen wohl nicht, dass das die sogenannten Miranda-Rights sind, die nur in den USA gültig sind! Die Leute sehen einfach zuviele amerikanische Krimiserien.

Die Rundbriefredaktion

Immer wieder fragen die Rundbrief-Fans: "Wie kommen nur diese absurden Rundbrief-Themen zustande? Stellt ihr extra Wahnsinnige ein, die sich die ausdenken?" Heute wollen wir einmal hinter die Kulissen der Rundbrief-Redaktion blicken: Abbildung 21 zeigt Michael bei der Rundbriefproduktion. Natürlich steckt Alkohol (Humpen Rotwein aufm Tisch) und laute Fun-Punk-Musik dahinter (in der Hand halte ich das Album "Drop your Pants and Jacket" von Blink 182). Weiter inspiriert die Skyline von San San Francisco, die sich am offenen Fenster zeigt. Wenn ihr das Bild vergrößert, seht ihr in der Ferne ein helles Rechteck, das sind die Scheinwerfer tausender Autos, die von Oakland über die Bay-Bridge nach San-Francisco reinfahren. Wer wollte woanders wohnen!

Abbildung [21]: Die knallharten Arbeitsbedingungen in der Rundbriefredaktion

Blutgruppen

Neben der Sprache lernen wir im Japanischkurs auch so manche kulturelle Eigenheit kennen. Erstaunt stellten wir fest, dass es in Japan üblich ist, seinen Gegenüber sofort ziemlich direkt nach seiner Blutgruppe zu fragen. Die Zugehörigkeit zu A, B, O, AB ist etwa ähnlich wichtig wie die Sternzeichen in der westlichen Welt. Wie man auf http://www.geocities.com/~castleinthesky/blood.htm schön nachlesen kann, sind Leute mit der Blutgruppe A angeblich sehr ernst, zielstrebig, zuverlässig, aber auch dickköpfig. Träger der Blutgruppe B hingegen zeigen vielfältige Interessen, so viele, dass sie manchmal zu schnell von einem Thema zum nächsten springen. Sie sind oft geistig abwesend und suchen nicht direkt den Kontakt zu anderen Menschen, tendieren aber dazu, außerordentliche Leistungen zu zeigen und sind üblicherweise große Spaßvögel. Träger der Blutgruppe 0 bringen Harmonie in jede Gruppe, sind gutmütig, friedfertig, werden von jedem geliebt, erscheinen auf den ersten Blick pflegeleicht, können aber eine erstaunliche Dickköpfigkeit an den Tag legen. Und Leute mit der Blutgruppe AB schließlich sorgen sich rührend um andere und haben viele Freunde. Sie sind streng gegen sich selbst und die Menschen, die ihnen nahe stehen, bringen aber eine gehörige Portion Sentimentalität für Außenstehende auf. Übrigens herrscht in Amerika die Blutgruppe 0 vor, während in Japan die Blutgruppe A am häufigsten vertreten ist. Nun dürft ihr raten, welche Blutgruppe(n) Angelika und ich haben -- die erste richtige Einsendung wird mit einer selbstgepressten Rundbrief-CD belohnt, mit der ihr auf dem Computer alle Rundbriefe von 1996 bis 2002 lesen könnt, ohne euch ins Internet einzuwählen!

Und auch noch weitere Eigenheiten entnehme ich unserem Schulbuch: So ist es völlig normal, dass Japaner fragen, wie alt der Gesprächspartner ist. Ist es eine unverheiratete Frau über 25, kommt sofort die Frage "Warum sind sie noch nicht verheiratet?" nach. Keineswegs unhöflich gemeint, dient nur der Unterhaltung! Ist man ein paar Jahre verheiratet und hat keine Kinder, sind "Warum haben Sie noch keine Kinder?" und "Sie sollten schnellstens Kinder haben" durchaus kulturell üblich. Das Schulbuch gibt den Rat, solche Fragen niemals mit "Das geht Sie überhaupt nichts an" zu kontern, das würde die Konversation zerstören. Vielmehr soll man derlei als Smalltalk betrachten und humorvoll antworten oder einfach lächeln und nichts sagen, das ist kulturell total in Ordnung.

Wir haben übrigens beide unsere "Beginning 3"-Prüfung im knallharten Kurs an der Soko-Gakuen-Schule in San Franciscos Japantown bestanden (Angelika 99%, ich 90%) und sind mit den wichtigsten Formulierungen, 250 Hiragana/Katakana sowie 80 Kanjii-Zeichen für unseren Japan-Urlaub gut gerüstet. Manchmal lobt uns die Japanisch-Lehrerin sogar -- mein liebster Satz: "Very good! -- for this level" (sehr gut! -- für dieses Niveau).

Das Rundbrief-Top-Produkt

Und schließlich zum heutigen Rundbrief-Top-Produkt: Die CD-Aufbewahrer von Discgear, den mir Angelika mal geschenkt hat. Weil ich ja bekanntlich lieber hungern als ohne Musik leben wollte, sammelt sich bei mir schon mal die ein oder andere CD an. Die kleinen Plexiglaskästen (sogenannte Jewel-Cases), in denen CDs heutzutage verkauft werden, schmeiße ich immer sofort weg, das ist die unnützeste Erfindung seit dem knickbaren Strohhalm. Hübe ich die alle auf, wäre meine CD-Sammlung höher als das Bank-of-America-Gebäude in San Francisco. Vielmehr nutze ich die futuristisch aussehende Boxen von der Firma Discgear, die nur etwa 30cm breit sind und in denen 80 CDs Platz finden (neuerdings gibt's sogar welche mit 100!). Ein wohltuende Alternative zu den 300-Mark-aber-es-gehen-nur-60-CDs-rein-Ständer aus den Yuppie-Läden. Damit man die CDs auch wieder rauskriegt, ist auf der Vorderseite der Box ein Schieber, den man auf eine Nummer zwischen 1 und 80 stellt. Öffnet man anschließend den Deckel, schnalzt genau die ausgewählte CD hoch und man kann sie mühelos mit den Fingern entnehmen und in den CD-Spieler einlegen. Andererseits klebt auf jeder CD ein kleiner Aufkleber, auf dem steht, in welchen Kasten und an welche Stelle das Scheiberl gehört, falls mal wieder 20 CDs in der Wohnung herumliegen, weil man zu faul war, sie zurück in den Kasten zustellen.

Abbildung [22]: Das CD-Ordnungssystem von Discgear. Im Hintergrund die selbstgeschriebene Sortierungs-Software.

Aber das ist nicht alles: Vorne auf dem Kasten bringt man ein Inhaltsverzeichnis an, das jeder Nummer einen Titel und einen Interpreten zuordnet. Die Software allerdings, die Discgear mitliefert, ist leicht müllig und nicht zu empfehlen. Da ich aber vom Fach bin, geht's natürlich noch weiter: Auf meiner Webseite gibt's ein Programm, das nach einem eingegebenen Stichwort sucht (zum Beispiel "Red Hot Chili Peppers") und mir daraufhin angibt, in welchen meiner Discgear-Kästen auf welchen Positionen CDs von dieser Gruppe stehen. Wer will, dem schicke ich gerne das kleine Perl-Programm. Und in meiner monatlichen Kolumne für's deutsche Linux-Magazin, die ich seit fast fünf Jahren schreibe, habe ich in der März-Ausgabe ein kleines Programm zur Beschriftung des Kastens vorgestellt (http://www.linux-magazin.de/ausgabe/2002/03/perl/perl.htm). Den Discgear-Aufbewahrer gibt's auf www.discgear.com, nicht ganz billig, aber sehr praktisch. Treibt die Yuppieläden in den Ruin!

Coupons

Schon öfter habe ich geschrieben, dass es in den USA ganz wichtig ist, auf's Geld zu schauen. Es ist hier eine Art Volkssport, Waren immer dort zu kaufen, wo sie am billigsten sind, auch wenn's manchmal etwas umständlich ist. So senden zum Beispiel die Supermärkte hier laufend Werbung raus, an der sogenannte "Coupons" heften. Legt man den Coupon im Laden vor, kriegt man die Ware zum offerierten Preis, kauft man sie ohne Coupon, zahlt man mehr. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wieviele Leute tatsächlich die Coupons aus der Zeitung ausschneiden, im Supermarkt vorlegen und dann einen Dollar sparen, wenn sie 3 Packungen des angepriesenen Produkts kaufen. Das ist in den USA ganz normal und man wird keineswegs schief angesehen, wenn man an der Kasse 20 zusammengesammelte Coupons abgibt. Außer natürlich, derjenige hat das Pech, dass ich weiter hinten in der Schlange stehe -- ich bin der, der provozierend ausatmet und mit den Augen rollt. Auf den Coupons sind Barcodes und die Kassencomputer sind so schlau, dass sie, wenn sie die Coupons einscannen, den richtigen Rabatt von der Gesamtrechnung abziehen, auch wenn man sie erst hinterher aus der Tasche zieht und dem Kassierer gibt oder die im Kleingedruckten festgelegte Grenze von "nur einmal pro Haushalt" überschreitet -- der Kassierer gibt sie dem Computer zu fressen und der erledigt den Rest, geht ganz schnell.

Abbildung [23]: Eine Anzeige für Katzenfutter in der Zeitung. Kauft man zwei Dosen, kriegt man eine umsonst, wenn man den Coupon vorlegt!

Heute vertraue ich euch mal exklusiv meine persönliche Theorie darüber an, warum der eklatante Unterschied zwischen Arm und Reich in Amerika noch keine Revolution ausgelöst hat: Man kann nämlich hier mit total wenig Geld auskommen, wenn man systematisch Sonderangebote ausnutzt. Nehmt nur einmal McDonald's: Ein Hamburger kostet irgendwie 29 Cents. In einem traditionellen Restaurant kostet ein (zugegebenermaßen besserer) Hamburger 6 Dollar. 100g Hackfleisch im Supermarkt kosten 50 Cents. 100g Filet Mignon hingegen 6 Dollar. Das Billigste ist in den USA also immer extrem billig, auch im internationalen Vergleich. Will man aber etwas, das nur ein bißchen besser ist, kostet's gleich das Zehnfache.

Abbildung [24]: Werbung im Briefkasten: Tollwutimpfung für Katzen (nur 4 Dollar), Sushi (5 Dollar Ermäßigung bei einer Zeche von 25 Dollar), Zähneweißmachen beim Zahnarzt (nur 99 Dollar statt 250 Dollar).

Abbildung [25]: Ein Zahnarzt lässt Zettel verteilen, um Werbung für seine Praxis zu betreiben

Zusätzlich zu den Coupons in Zeitungsanzeigen kommt bei uns einmal im Monat ein Briefumschlag voll mit Coupons für die Geschäfte um die Ecke an. Während ich den Umschlag sonst ungeöffnet wegwerfe, habe ich für den Rundbrief einmal einen genauen Blick hinein geworfen: Wie ihr in Abbildung 24 seht, ist alles dabei: Von der Tollwutimpfung für Katzen (4 Dollar) über japanisches Sushi ($5 Ermäßigung bei einer Zeche von $25) und einem Coupon für einen Zahnarzt, der die Zähne weißer macht und dafür als Sonderangebot nur $99 statt sonst $250 verlangt. Die Gemeinschaftspraxis von Terry Nguyen (klingt vietnamesisch) und David Barrelier (offensichtlich französchischer Abstammung), beide DDS, also Zahnärzte, macht's möglich. Na, aber mit dem Team von Jang Associates können die beiden wohl nicht mithalten!

Damit ist Schluss für heute, liebe Freunde im fernen Deutschland! Euch allen:

Frohe Ostern!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017