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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 34  
San Francisco, den 21.11.2001
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Abbildung [1]: Halloween: Noble Damen im Castro-Karneval

Angelika: Verwundert haben wir hier verfolgt, wie sich das amerikanische Fest "Halloween" in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut. Gerüchten zufolge gab es am 31. Oktober in Deutschland nicht nur Halloween-Parties, sondern auch durch die Nachbarschaft ziehende Kinder, die versuchten, Süßigkeiten zu ergattern. Bisher dachte ich eigentlich, dass es in Deutschland genügend Feiertage gibt. Ich weiß zwar, dass das Fest auf die keltischen Druiden zurückgeht, die vor mehr als 2000 Jahren den Gott der Finsternis in der Nacht vom 31. Oktober zum 1. November feierten und dass die Christen den heidnischen Brauch später zum Allerheiligenfest ummodelten. Nach Amerika kam das Fest schließlich mit den irischen und englischen Einwanderen Mitte des 19. Jahrhunderts.

Deutschland beruft sich aber nicht auf keltische Traditionen -- das Ganze riecht mir doch mehr nach "Nach-Amerika-Schielen" und Kommerz. Halloween-Kostüme und allerlei gruselige Masken lassen sich in Deutschland wohl auch gut verkaufen. Am meisten schreckt mich allerdings der Gedanke ab, dass wir irgendwann einmal wieder in Deutschland leben werden und uns dann gar nicht groß umzustellen brauchen. Wie langweilig das Leben doch ist, wenn man überall auf das Gleiche trifft! Die Großstädte dieser Welt geben jetzt schon einen Vorgeschmack darauf. Trifft doch der Reisende überall auf McDonalds und Kentucky Fried Chicken. Und Kaufhäuser in London, Paris, Berlin, Sydney, New York, Hongkong bieten Levis, Calvin Klein, Esprit, Benetton und Konsorten an. Ich will gar nicht, dass es in München einen GAP (amerikanische Bekleidungskette mit Sitz in San Francisco) gibt oder gar dass die amerikanische Kaffeehauskette "Starbucks" auch in Deutschland Einzug hält. Zugegeben, ich vermisse hier oft diverse Sachen, z.B. die Erdnussflips von Bahlsen, aber es gibt nichts Schöneres für mich, als bei einem Deutschlandbesuch mir genussvoll eine Tüte einzuverleiben oder voller Freude ein "Care-Paket" aus Deutschland zu erhalten, das so manche Leckerei erhält, die wir hier nicht kriegen. Haltet mich jetzt ruhig für ein wenig übergeschnappt. Jeder der mir den Schrecken des Einheitsbreis nicht glaubt, empfehle ich eine Tour durch die amerikanischen Vorstädte. Dort gibt es meist nur Einkaufszentren mit den gleichen Geschäften. Alles ist völlig austauschbar, egal ob man sich in Kalifornien oder Idaho oder sonstwo in den USA befindet.

Abbildung [2]: Der Ladenbesitzer rückt verängstigt Süßigkeiten raus, damit ihm das Kind keinen Streich spielt!

Nocheinmal zurück zu "Halloween": Der Begriff setzt sich aus den drei Wörtern "All Hallows Eve" zusammen, was eben "die Nacht vor Allerheiligen" bedeutet. Hier in den USA ziehen dann die Kinder kostümiert durch die Straßen und gehen von Haustür zu Haustür oder durchaus auch von Geschäft zu Geschäft und drohen "trick or treat" -- frei übersetzt: Entweder ihr rückt die Süßigkeiten heraus oder wir spielen euch einen Streich. Eine beliebte Beschäftigung um Halloween herum ist, dass amerikanische Familien zu den sogenannten "Pumpkin Patches" (Kürbisfarmen) ziehen und sich dort Kürbisse aussuchen, die dann ausgehöhlt und mit lustigen oder auch schaurig aussehenden Fratzen versehen werden. Zu Halloween stellt man dann eine Kerze in den ausgehöhlten Kürbis, die die Fratze zum Leuchten bringt.

Abbildung [3]: Eine Kürbisfarm (Pumpkin Patch) auf dem Land

Dieses Jahr stand selbst "Halloween" im Schatten der Terroranschläge im September. Viele Sicherheitsexperten meldeten Bedenken gegenüber den Menschenmassen bei den diversen Halloween-Parties an, die in diversen Städten am 31. Oktober auf der Straße stattfanden. So sagten viele Städte ihre Veranstaltungen ab. San Francisco ließ sich allerdings nicht abschrecken. Schon seit Jahren gibt es zu Halloween eine Straßenparty im Castro, dem Homosexuellenviertel in San Francisco. Da sieht man nicht nur die tollsten Kostüme, sondern auch sonst geht echt die Post ab. Den Spaß wollte sich keiner nehmen lassen. Bei der Party im Castro-Viertel handelt es sich übrigens um eine inoffizielle. Die Stadt San Francisco bemüht sich schon seit geraumer Zeit darum, die Party vollständig ans Civic Center (da wo das Rathaus in San Francisco ist) zu verlegen, da die Castro Street realitiv schmal ist und kaum mit den vielen Menschen fertig werden kann - es ist einfach nicht genug Platz. So findet jetzt immer die offizielle Party am Civic Center statt, was keinen zu kümmern scheint, und alle gehen zum Feiern ins Castro.

Abbildung [4]: Es geht rund vor dem Harvey's im Castro

Die Sicherheit zu Halloween stellt sich überhaupt als amerikanisches Dauerthema dar, vor allen Dingen was die Kinder betrifft, die von Haustür zu Haustür gehen. Da vor etlichen Jahren ein paar völlig Durchgeknallte Rasierklingen in Orangen versteckten, die sie den Kindern an der Haustür gaben, verteilt man mittlerweile nur noch abgepackte Süßigkeiten. Die Geschäfte verkaufen vor Halloween dann Großpackungen, in denen die Süßigkeiten alle einzeln eingeschweißt sind. Viele Familien, die in nicht so sicheren Vierteln (sprich: Saugegend mit brennenden Mülltonnen -- Michael) wohnen, fahren mit ihren Kindern in sichere Gegenden und lassen sie dort von Haustür zu Haustür gehen. Mit den Kindern im Tenderloin (wo ich nach wie vor zweimal die Woche ehrenamtlich tätig bin) gehen wir immer dieselbe Strecke, denn das Tenderloin gehört bekanntermaßen zu den etwas unsichereren Pflastern in San Francisco. Aber selbst die Süßigkeiten, die die uns vertrauten Geschäftsinhaber den Kindern aushändigen, dürfen die Kinder nicht gleich verspeisen, denn es gilt die Regel, dass die Eltern aus Sicherheitsgründen die Süßigkeiten zunächst begutachten müssen, wenn sie ihre Kinder abholen. Und dabei geht es eben nicht nur um eventuelle Allergien. Schon sehr traurig, das Ganze.

Abbildung [5]: Blutrünstige Verkleidung

Noch ein Feiertag: Thanksgiving

Und da ich gerade bei den Feiertagen bin, erkläre ich gleich auch noch, was es mit "Thanksgiving" auf sich hat. Thanksgiving findet in den USA am vierten Donnerstag im November statt. Obwohl in vielen Ländern "Erntedankfeste" im Kalender stehen, umweht das amerikanische eine Besonderheit. Die Pilgerväter, die 1620 von England über den großen Teich nach Amerika kamen, hatten ein unbeschreiblich hartes erstes Jahr in der Neuen Welt. Die ortsansässigen Indianer zeigten ihnen daraufhin, wie Mais und andere Getreidearten anzubauen sind, woraufhin die Ernte im darauffolgenden Jahr außergewöhnlich reich ausfiel. Auch das Rezept für Popcorn soll angeblich von den Indianern stammen. Zum Dank veranstalteten die Pilgerväter ein Festmahl für die Indianer. Heute ist "Thanksgiving" einer der höchsten Feiertage in Amerika. Die Familien kommen zusammen, was dazu geführt hat, dass die Zeit um Thanksgiving die Hauptreisezeit in den USA ist: Straßen sind verstopft, Flüge ausgebucht. Hinzukommt, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer nicht nur an Thanksgiving frei hat, sondern auch an dem drauffolgenden Freitag, was den meisten, wenn man das Wochenende dazu rechnet, vier freie Tage beschert. Ein echter Luxus in Amerika!

Traditionell kommt zu Thanksgiving natürlich Truthahnbraten mit Preiselbeeren-Sauce ("cranberry sauce") auf den Tisch. Auch Kürbiskuchen und süße Kartoffeln erfreuen sich größter Beliebtheit. Zum Fest gehört auch, dass man in sich geht und reflektiert, wofür man dankbar in seinem Leben ist. Bevor man sich den Bauch vollschlägt, sagt jeder am Tisch reihum, was ihn mit Dankbarkeit erfüllt: "I am thankful for ...".

Nach dem Essen sitzt man vor dem Fernseher und schaut "Football", wieso und weshalb konnte ich noch nicht herausfinden. Angenehm an Thanksgiving ist, dass keine Geschenke gekauft und Karten geschrieben werden müssen und dass durch die Lage im November die Weihnachtseinkaufssaison (samt Weihnachtsdekorationen) in den USA wesentlich später beginnt, genau genommen am Freitag nach Thanksgiving, denn da arbeitet ja kaum jemand und so bleibt Zeit zum Einkaufen. Unumstritten ist Thanksgiving allerdings nicht, vor allem in linksliberaleren Kreisen. Zunächst stößt vielen auf, dass die aktive Rolle der Indianer (hier übrigens "Native Americans" genannt) beim ersten Thanksgiving-Fest nicht genug betont wird. Und dann bleibt da natürlich die Ausrottung der Indianer im Raum stehen. Ein Thema, das in Amerika sowieso gern unter den Teppich gekehrt wird.

Allgemein ist die Geschichte mit den Feiertagen, mit denen man nicht aufgewachsen ist, ein interessantes Phänomen. Thanksgiving sagt mir herzlich wenig. Es ist nicht mehr als ein nettes Essen. Vielleicht erklärt das auch, warum sich viele Ausländer fern der Heimat mehr auf ihre vertrauten Sitten und Gebräuche berufen als in ihrem Ursprungsland. Thanksgiving hin oder her, wir freuen uns auf jeden Fall auf die freien Tage!

Abbildung [6]: Diese Gestalten feiern sicher nicht Thanksgiving

Zur Lage der Nation

Und nun noch ein paar Worte von mir zur Lage der Nation: Mittlerweile hat hier der Senat die Anti-Terror-Gesetze ratifiziert (ich erwähnte es in meinem letzten Rundbrief kurz). Das Gesetzespaket hat denn wohlklingenden Namen "Uniting and Strenghtening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism", abgekürzt U.S.A. P.A.T.R.I.O.T., damit man gleich weiß, woher der Wind weht.

Das Gesetz schränkt viele Bürgerrechte massiv ein. Und obwohl Bürgerrechte in Amerika als Heiligtum gelten und "zuviel" Staat jedem Amerikaner zutiefst suspekt ist, hörte man kaum kritsche Stimmen, weder von Politikern noch von der breiten Bevölkerung. Im Kongress stimmten nur 66 Abgeordnete gegen das Gesetz -- bei 356 Ja-Stimmen. Im Senat gab es bei 98 Befürwortern nur eine Gegenstimme.

Das Abhören von Telefonen und das Herumschnüffeln in privater E-Mail ist von nun an kein Problem mehr und entzieht sich fast vollständig der Kontrolle von Gerichten. Für Hausdurchsuchungen muss kein Hausdurchsuchungsbefehl mehr vorliegen und die Durchsuchungen können sogar in Abwesenheit der Bewohner stattfinden. Bank- und Arztgeheimnis gibt es praktisch nicht mehr oder wie der Senator Feingold so treffend bemerkte: Sitzt man nur mit einem Terrorverdächtigen in einem Flugzeug, darf in den eigenen Arzt-, Bank- oder Geschäftsunterlagen herumgewühlt werden. Das CIA, der amerikanische Auslandsgeheimdienst, spioniert nun auch im Inland. Bei dem geringsten Verdacht, dass Ausländer in terroristische Aktivitäten verwickelt sein könnten, ist es erlaubt, diese für sieben Tage ohne jegliche Beweise festzuhalten. Diese neue Regelung schließt auch Besitzer der amerikanischen Green Card ein. Unter bestimmten Umständen können sich diese sieben Tage sogar auf sechs Monate verlängern. Die Bürgerrechtsvereinigung ACLU ("American Civil Liberties Union") hält es für besondes gefährlich, wie das neue Gesetz terroristische Vereinigungen auf eigenem Boden definiert. Die Definitionen sind so breit und allgemein gefasst, dass zynische Stimmen behaupten, auch Greenpeace falle in diese Kategorie. Einen einzigen Lichtblick enthält das Anti-Terror-Gesetz: Der große Lauschangriff auf Telefone und Computer gilt zunächst nur für vier Jahre.

Ein Land, das viel auf seine Demokratie hält, untergräbt diese empfindlich mit solchen Gesetzen. Auch der Vorschlag von Präsident Bush, die Terroristen vor ein Millitärgericht zu stellen, widerspricht den Prinzipien eines demokratischen Rechtsstaates. Denn Militärgerichte können fernab der Öffentlichkeit stattfinden, der Schuldspruch muss von der Jury nicht einstimmig gefällt werden - eine Zwei-Drittel-Mehrheit reicht. Die freie Wahl des eigenen Anwalts sowie die Berufungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Unverständlich bleibt auch, dass sich die USA händeringend gegen einen internationalen Gerichtshof wehren. Denn hier bestände die Möglichkeit, Terroristen zukünftig zu verurteilen. Die Bush-Regierung begründet ihre Ablehnung damit, dass die Gefahr besteht, dass sich dann auch amerikanische Staatsbürger vor diesem Gericht verantworten müssten. Hmmm...

Neuerdings diskutiert man in Amerika auch wieder die Folter. Nach einer Umfrage des Senders CNN sollen 45% der Amerikaner das Anwenden von Folter als Druckmittel befürworten, um Informationen über Terrorismus zu erhalten. Da hört sich doch wirklich alles auf. Wir leben momentan schon in verrückten Zeiten. Fast jeden Tag hören wir eine neue Milzbrandgeschichte. Erst heute starb wieder eine 94-jährige Frau in Connecticut an Lungenmilzbrand. Das FBI tappt aber nach wie vor im Dunkeln. Deshalb veröffentlichte es Anfang November eine Charakterisierung ("Profile") des möglichen Täters. Bisher kannte ich so etwas nur aus Hollywood-Filmen: Der Täter ist höchstwahrscheinlich männlich. Er ist ein Einzelgänger, sowohl zu Hause als auch am Arbeitsplatz. Das Eingehen von Beziehungen fällt ihm schwer. Die Gegend von Trenton ist ihm vertraut (in den Postämtern von Trenton wurden einige der mit Milzbrand infizierten Briefe sortiert). Er hat eine naturwissenschaftliche Ausbildung oder großes Interesse an Naturwissenschaften. Er kennt sich im Labor aus. In der Tat sind ihm Teströhrchen lieber als Menschen. Vielleicht nimmt er Antibiotika ... ob das bei der Suche helfen wird? Man weiß es nicht.

Amerika nach der Attacke

Michael: Durch die verschärften Sicherheitsbestimmungen im Flugverkehr kommt auch die "Süddeutsche Zeitung", deren Freitagsausgabe wir abonniert haben, leider nicht mehr pünktlich ins Haus. Wie wir neulich aus einer Notiz des Distributors erfuhren, muss das Druckerzeugnis mittlerweile zusammen mit der anderen Luftfracht zunächst für 24 Stunden in eine Kompressionskammer, damit sichergestellt ist, dass die messerscharf geschriebenen Artikel mit ihrer geballten journalistischen Sprengkraft kein Flugzeug in die Luft jagen. Oh Mann! Hoffentlich wohnen die Damen und Herren bei der FAA oder wer auch immer diese hirnrissigen Bestimmungen herausgibt, mal einem ordentlichen Sicherheitstraining bei, um blinden Aktionismus von sinnvollen Sicherheitsmaßnahmen zu unterscheiden. Ein exzellenter Artikel von einem Sicherheitsguru auf Computerebene, Bruce Schneier, findet sich in http://www.counterpane.com/crypto-gram-0109a.html#1.

Abbildung [7]: Die Süddeutsche muss in die Kompressionskammer, bevor sie zu uns kommt.

Die BART, die U-Bahn in San Francisco, steht dem nicht nach und sperrt aus Sicherheitsgründen alle Bahnhofsklos zu. Hm, das wird die Terroristen sicher abschrecken. Man gewinnt den Eindruck, dass viele die Situation ausnutzen, um lästige Dinge abzuschaffen (Bahnhofsklos) oder bislang verhinderte Eingriffe in die Privatsphäre unter dem Deckmantel "Wir brauchen mehr Sicherheit" durchzudrücken. Am Flughafen stehen Soldaten in Tarnuniform und ellenlangen Gewehren herum. Na, die sind wenigstens sicherer als die Uzis (Maschinenpistolen), mit denen die deutsche Polizei in den frühen 70er Jahren auf dem Höhepunkt der Terrorismusszene die Flughäfen unsicher machte.

Abbildung [8]: Die U-Bahn in San Francisco sperrt die Bahnhofsklos zu.

Da mittlerweile jeder Angst hat, Post mit Milzbranderregern zu erhalten, hat die amerikanische Post ein Flugblatt herausgegeben, nach dessen Anweisungen man eingehende Sendungen kontrollieren soll. Ist die Sendung von jemandem, den man nicht kennt? Ist sie überfrankiert? Steht kein Absender drauf? Dann soll man die Sendung nicht aufmachen, nicht schütteln, nicht daran schnüffeln, sondern an die entsprechenden Behörden weiterleiten.

Abbildung [9]: Die Post gibt Ratschläge, wie Briefe mit Milzbranderregern aussehen könnten

Abbildung [10]: Am Eingang von Netscape/AOL

Am Eingang zum Netscape-Campus, auf dem rund 10 Gebäude stehen, steht, seitdem AOL Netscape gekauft hat, nicht nur das Netscape-N, sondern auch das AOL-Logo. Netscape hat die Gebäude übrigens nur gemietet und kürzlich einige davon aufgegeben. Vor etwa einem Jahr, auf dem Höhepunkt der Dot-Com-Seifenblase, erklärte sich die Firma Veritas bereit, sie zum Preis von 600 Millionen Dollar für 10 Jahre zu mieten. Nun ist natürlich der ganze Markt kollabiert und die Verhandlungen mit dem Vermieter wurden wieder aufgerollt. Man einigte sich darauf, dass Veritas die Gebäude nun für 280 Millionen Dollar kaufen darf. Zur Hälfte des ursprünglich verhandelten Mietpreises wechseln die Gebäude nun den Besitzer, das muss man sich mal vorstellen! Auch der Springbrunnen mit dem Netscape-Logo, vor dem Netscape-Gründer Marc Andreessen gerne für Zeitungen posierte, wurde verscherbelt: Ihn ziert nun das Logo der Firma "Verisign".

Abbildung [11]: Der Netscape-Springbrunnen gehört jetzt der Firma Verisign

Aber genug der düsteren Prognosen. Lasst euren Silicon-Valley-Haudegen mal schwadronieren, bevor endgültig alles zusammenkracht:

Zwischen den beigen Gebäuden stehen Parkbänke und Springbrunnen, damit man sich entspannen kann. Die jungen Leute! Der neue Chef von Netscape ist irgendwie 26 Jahre alt. Und ich komme mir immer uralt vor, wenn ich mir meine Kollegen ansehe, die gerade aus der Uni kommen. Ach ja, die Jugend muss noch viel lernen!

Abbildung [12]: Zwei Kollegen grübeln über irgendwas

Die Kleiderordnung ist natürlich kalifornisch-leger, ich glaube ich habe in vier Jahren noch niemanden mit Krawatte gesehen. Im Sommer sind kurze Hosen und T-Shirts angesagt, Baseball-Kappen sind auch beliebt. In Lederschuhen laufe ich mir neuerdings wüste Blasen, da ich seit fünf Jahren nur Turnschuhe oder Birkenstöcker trage. Zuhause im Schrank hängt in einer Plastikhülle verschweißt ein Jackett, ein Hemd, eine Krawatte und eine "schöne" Hose -- falls mal der Supergau eintritt und ich mich irgendwo vorstellen muss. Bis dahin bleibt das Plastik dran.

Abbildung [13]: Der Eingang zu meinem Cubicle. Ich bin der König von Bayern.

Abbildung [14]: Ein entspannendes Kicker-Spiel

Auch gibt es Pool-Billard, Kicker-Automaten, eine Minigolf-Anlage, draußen ein Beach-Volleyball-Feld, Basketball-Courts, eine Rollerhockeyanlage, und ein Putting-Green für Golfspieler. Auch ein eigenes Fitnesscenter mit Tretmühlen, Muskelmaschinen, allerlei modernem Gerät und Duschen wurde gebaut. Der zugrundeliegende Gedankengang ist freilich der, dass fast jeder Preis gerechtfertigt ist, die Leute so lange wie möglich in der Firma zu halten. Neulich las ich einen Artikel, in dem stand, dass jeder Manager von Softwareentwicklern sich fragen muss, was er falsch macht, wenn die Leute schon um 6 Uhr abends heimgehen ( http://arsdigita.com/asj/managing-software-engineers).

Abbildung [15]: Beachvolleyball freitags um fünf bei Netscape

Ich habe übrigens ein kleines Programm eingerichtet, das eine Tischtennis-Rangtabelle implementiert und sich steigender Beliebtheit erfreut. Die Leute in der Abteilung können sich gegenseitig herausfordern und ihren Rang verbessern, indem sie nach minutiös von mir festgelegten Regeln gegeneinander antreten.

Abbildung [16]: Ein Kollege im Tischtennis-Raum

Außerdem steht im Tischtennisraum eine kleine Web-Cam (Computer-Kamera), die jede Minute ein Bild vom Tischtennisraum aufnimmt, so dass man ihn vom Arbeitsplatz aus über einen normalen Webbrowser beobachten und damit sehen kann, ob die Tischtennisplatte gerade frei für ein Match ist.

Aber wie gesagt, die Zeiten sind vorbei: Derlei Gerät kann man derzeit günstig auf Zwangsversteigerungen von pleite gegangenen sogenannten "DotCom"-Firmen erwerben. Das reißt natürlich auch die übrige Wirtschaft rein, denn wenn die Silicon-Jockeys keine Millionen mehr verdienen, schmeißen sie das Geld auch nicht mehr mit vollen Händen raus. So ging zum Beispiel die Firma, die einmal die Woche auf dem Netscape-Parkplatz die Autos von Hand wusch und wachste, kürzlich pleite. Auch für Partyveranstalter, T-Shirt-Bedrucker und Spielgerätehersteller brechen harte Zeiten heran.

Abbildung [17]: Das Gladiators-Spiel während des Sommerfests 2001

In San Francisco machen die Luxusrestaurants, in denen die Angestellten der Internetfirmen vornehm ihr Mittagessen einnahmen, reihenweise die Schotten dicht. Die "$1000-Kommode-aber-die-Schubladen-gehen-nicht-richtig-zu"-Möbelläden ächzen unter der Wirtschaftskrise. Vermieter müssen "$2000-für-zwei-kleine-Zimmer-aber-der-Putz-fällt-von-den-Wänden"-Wohnungen leerstehen lassen. Wir sind bestürzt!

Heim nach Deutschland?

Während die Firmen im Silicon Valley unter der Krise ächzen, scheint in Deutschland noch harscher Mangel an Computerfritzen zu herrschen. Wie anders könnte man es sich erklären, dass die "Region Stuttgart" die in die USA abgezischten Computer-Superhelden wieder zurückruft und mit allerlei lustigem Quatsch wie "kostenloser Stadtrundfahrt" ködert?

Abbildung [18]: No Place Like Home -- Die Region Stuttgart holt die ausgerissenen Helden aus dem Silicon Valley zurück.

Auf der Webseite www.move-back.de war sogar angekündigt, dass am 5. September 2001 über den Großräumen New York, Los Angeles und San Francisco Flugzeuge mit riesigen Werbebannern die Leute dazu auffordern würden, doch bittschön in die Heimat zurückzukehren. Gesehen ham wir nix. War wahrscheinlich eine schwäbische Schnapsidee, die drei Jahre in der Schublade gelegen hat. Na, wenn's wenigstens 100 Mark Begrüßungsgeld gegeben hätt', wie anno dunnemals für die DDRler, hätte ich's mir auch überlegt ... aber mal Spaß beiseite: Leute, ich glaube, dass euch in Deutschland harte Zeiten bevorstehen. Ich wage die Prognose, dass es den deutschen Markt mit etwa 6-12-monatiger Verzögerung ebenso treffen wird.

Die Platte des Monats

Abbildung [19]: "Puffy Ami Yumi", die Pop-Sensation aus Japan

Und hier kommt wieder Diskjockey Mike mit der brandaktuellen "CD des Monats". Diesmal: "Spike" von der japanischen Pop-Sensation "Puffy Ami Yumi". Die Platte hat mir Angelika zum Geburtstag geschenkt und seitdem höre ich sie Tag und Nacht, der blanke Wahnsinn. Allerdings habe ich von einer japanischen Kollegin erfahren, dass in Japan ausschließlich weibliche Teenager auf "Puffy Ami Yumi" abfahren, aber total, und sogar deren Frisuren kopieren. Der Stil ist so eine Mischung aus Beach Boys und Green Day -- eine Art Kaufhaus-Punk. Wer die französischen "Les Rita Mitsuko" kennt, weiss wovon ich rede. Die im Japanischen üblichen kurzen, abgehackten Vokale, auf die die Wörter enden, klingen so witzig und angenehm und manchmal verstehe ich sogar Bruchstücke wie "hitori de" = allein und "watashi mo" = ich auch! Eine Megaplatte, sofort kaufen bei einem Spezialplattenhändler eurer Wahl!

Die unnützesten Sportartikel der Welt

Und hier die neue Reihe: Die unnützesten Sportartikel Amerikas. Wie ihr vielleicht wisst, gibt sich der Amerikaner keineswegs so natürlichen Sportarten wie Fußball hin, sondern zieht sich dafür Ritterrüstungen und Helme an, nimmt den Ball mit der Hand und foult wie nicht gescheit. Geheimnisvolles Amerika! Nie werde ich die Regeln dieses Sports verstehen. Aber nachdem bei uns auf dem Klo stets Sportartikelprospekte zur Lektüre bereitstehen, stelle ich heute mal die beiden unnützesten Waren vor, die ich dort gefunden habe: Erstens mal der kleine Ständer, der einen eiförmigen Football aufrecht hält (Abbildung 20).

Abbildung [20]: Ein Ständer, um den eiförmigen Football aufrecht zu halten.

Es gibt beim amerikanischen Football nämlich die Situation, dass einer tatsächlich das Ei mit dem Fuß ins Tor befördern muss. Das kommt vielleicht drei-, viermal im Spiel vor und dafür kommt jedesmal ein abgehalfterter europäischer Fußballspieler von der Bank (Lothar, das wär doch noch was!), ein anderer Spieler hält das Football-Ei mit der Hand aufrecht, und der abgehalfterte europäische Fußballer bolzt den Ball aus 30, 40 Metern in ein Tor, das etwa so breit wie ein Fußballtor ist, aber 10 Meter hoch und es steht kein Torwart drin. Um diese Situation mangels eines ballhaltenden Mitspielers zu trainieren, gibt's im Sportartikelkatalog von Eastbay den praktischen Footballhalter aus Metall. Für nur $19.95! Naja, wer's braucht.

Abbildung [21]: Der Green Bay Packer schwört auf den Muff.

Football wird in sehr unterschiedlichen Klimazonen in den USA gespielt. Berühmt sind die Greenbay Packers, die irgendwo im saukalten Wisconsin, wo es im Winter gerne mal 20 Grad minus hat, kalifornische Mannschaften einladen, die sich dann den Arsch abfrieren und verlieren. Doch, halt, den kalifornischen Sonnyboys kann geholfen werden: Mit dem Muff für Footballspieler. Das ist ein kleines umhängbares Pelzröhrchen, in das man seine Hände während der beim Football nicht seltenen Spielpausen hineinsteckt und mittels des künstlichen Taschenofens drinnen aufwärmt. Alles Schnullis, diese Footballspieler. Markieren den starken Mann und wärmen sich in Omas Muff. Ha!

Das war's mal wieder aus unserer heiteren Welt in Amerika. Gehabt's euch wohl, bis zum Weihnachtsrundbrief! Eure Amerikaabenteurer

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017