Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 33  
San Francisco, den 20.09.2001

Terroranschläge    San Francisco, den 18. September 2001:    San Francisco, den 7. Oktober 2001

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San Francisco, den 18. September 2001:

Auch eine Woche nach den Terroristenattentaten befindet sich Amerika weiterhin im Schockzustand. Leider werden die Stimmen, die Rache, Vergeltung und härtestes militärisches Vorgehen als angemessene Antwort auf terroristische Gewalt ansehen, immer lauter. San Francisco versucht, in die Normalität zurückzufinden. Schon am Mittwoch letzter Woche öffneten alle städtischen und staatlichen Gebäude wieder ihre Tore. Auch die Schulen und Universitäten blieben nur einen Tag geschlossen. Man spielt wieder Baseball, Konzerte finden statt, Menschen gehen zur Arbeit. Die Highways verstopfen wie eh und je zur Rush Hour. Der zweite Blick verrät allerdings, dass die Auswirkungen der Katastrophe tief sitzen. Obwohl New York und Washington doch meilenweit entfernt liegen, betrifft viele in San Francisco und Umgebung das Unglück ganz unmittelbar. Ein Teilnehmer aus einem meiner Fotokurse verlor zwei seiner Freunde, die im World Trade Center arbeiteten. Einige Kollegen von Michael sitzen immer noch in Dulles, dem AOL Hauptsitz, fest. Sie befanden sich am vergangenen Dienstag auf Geschäftsreise an der Ostküste und warten nun geduldig, bis sich der amerikanische Flugverkehr normalisiert.

Selbst in der liberalen Hochburg San Francisco sieht man überall amerikanische Flaggen wehen. Sie begegnen uns auf Schritt und Tritt: in Schaufenstern von Geschäften, an Wohnhäusern und an Autoantennen.

Abbildung [1]: Viele Leute in San Francisco hängen Flaggen an ihr Haus.
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Viele heften sich weiß-rot-blaue Schleifchen an die Pullover oder Jacken. Nun tritt der Amerikaner seiner Landesfahne allgemein recht unbefangen und unkritisch entgegen. Schon in normalen Zeiten findet man öffentliche Gebäude geradezu umhüllt vom Sternenbanner und auch in so manchem Vorgarten lässt sich die Flagge nicht nur an Feiertagen finden. Aber dieser trotzig zur Schau getragene Nationalismus ist nicht jedem geheuer. Ich fühle mich z.B. arg an üble Fahnen schwingende Zeiten in Deutschland erinnert. Vereint will Amerika jetzt auftreten, Patriot zu sein ist das Gebot der Stunde. Ein republikanisch (gemeint ist die amerikanische Partei) angehauchter Immobilienmakler aus unserem Viertel, der sich auch sonst nicht scheut, seine Überzeugungen öffentlich bekannt zu geben, fordert mit Hinweisschildern in seinem Schaufenster die Bewohner des Viertels dazu auf, die Flagge rauszuhängen.

Abbildung [2]: Der republikanische Immobilienmakler fordert in seinem Schaufenster dazu auf, Flagge zu zeigen.
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Auch in dem als tolerant geltenden San Francisco häufen sich die verbalen und physischen Übergriffe auf muslimische, pälastinensische oder arabische (hier häufig "Arab American" genannt) Mitbürger. In der Mission (Stadtteil von San Francisco) bewarf ein Unbekannter z.B. den Eingang zu einer islamischen Einrichtung mit einem mit Blut gefüllten Beutel. Genausohäufig wie auf die amerikanische Flagge stoßen wir deshalb jetzt auf gelbe Plakate in unserem Viertel, die in den Schaufenster und Fenstern von Privatwohnungen hängen, und die Nachbarschaft zur "hate free zone" (hassfreien Zone) erklären.

Abbildung [3]: Ein Plakat erklärt eine "hassfreie Zone".
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Obwohl korrekt ist, dass Umfragen zufolge ca. 90% der amerikanischen Bevölkerung militärische Vergeltungsmaßnahmen auf die terroristischen Anschläge für richtig halten, kennen wir hier viele Amerikaner, die nicht zu diesen 90% gehören und äußerst besorgt sind, wie die USA reagieren wird. Die Kongressabgeordnete Barbara Lee (demokratische Partei) gehört für mich in diesen Tagen auch zu diesem anderen, auf Besonnenheit bedachten Amerika. Sie stimmte als einzige Abgeordnete gegen militärische Vergeltungsmaßnahmen (420 zu 1 Stimme). Sie zeigte sich darüber besorgt, dass eine übereilte militärische Reaktion noch nicht abzuschätzende Folgen haben und leicht außer Kontrolle geraten kann. Barbara Lee vertritt übrigens die Städte Berkeley und Oakland; beide befinden sich auf der anderen Seite der Bucht gegenüber von San Francisco.

Leider fehlt es Präsident Bush oft an dieser Besonnenheit. Abzulesen ist dies vor allen Dingen an seiner Wortwahl in den letzten Tagen. So sprach er z.B. davon die "Terroristen in ihren Löchern auszuräuchern" oder "dass er Osama bin Laden tot oder lebendig will". Mit diesen Sprüchen kommt er zwar bei einem großen Teil der amerikanischen Bevölkerung an, aber auf diplomatischer Ebene richtet er großen Schaden an.

Abbildung [4]: Der Dritte-Welt-Laden gibt zu bedenken, dass Rache allein keine Schmerzlinderung bringt
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Nervosität macht sich neben der Trauer zunehmend in San Francisco breit, denn keiner weiß, was da noch alles kommen wird. Auch die fehlenden Touristen und leeren Restaurants sprechen Bände. Vom normalen Alltag sind wir noch weit entfernt.

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Letzte Änderung: 06-Jul-2008