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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 30  
San Francisco, den 01.05.2001
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Rundbrief


Abbildung [1]: Die Fachwelt rätselt über Angelikas Fotos

Abbildung [2]: Die City Hall -- das Rathaus von San Francisco

Ursprünglich planten wir, Räumlichkeiten anzumieten, uns dort regelmäßig zu treffen und Ausstellungen zu zeigen. Der angespannte Mietmarkt in San Francisco zeigte uns aber schnell, dass dieses Ziel mehr Wunschdenken als Realität ist, und so versuchen wir, unsere Bilder in anderen Örtlichkeiten auszustellen. Es geht uns aber nicht nur um das Organisieren von Ausstellungen. Wir treffen uns, um gegenseitg unsere Fotos anzuschauen und konstruktive Kritik zu üben. Wir organisieren Workshops, um fotografische Techniken zu lernen, besuchen zusammen Museen oder laden Fotografen ein, die dann über ihre Fotos sprechen.

Nun aber zurück zum Rathaus. Dort finden regelmäßig die unterschiedlichsten Ausstellungen statt -- es gibt sogar einen "Kurator", der diese organisiert. Will man Fotos oder Ähnliches im Rathaus zeigen, setzt man sich mit dem Kurator in Verbindung, erklärt, warum sich gerade das Rathaus für die Ausstellung eignet, zeigt sein Portfolio und bekommt, wenn man Glück hat, das Okay. Ihr merkt schon, wir hatten Glück, denn unsere Fotos sind vom 20. März bis zum 27. Mai zu sehen. Jeder, der in diesem Zeitraum zufällig in San Francisco weilt, ist natürlich dazu verpflichtet, im Rathaus vorbeizuschauen. Ihr könnt dann die Fotos von 27 Mitgliedern bestaunen. Es gibt keine Themenvorgabe und jeder von uns hat drei bis vier Fotos eingereicht.

Abbildung [3]: Museumstaugliche Namensschilder in der Ausstellung im Rathaus!

Die offizielle Ausstellungseröffnung fand am 22.März statt und war höchst professionell aufgezogen. Nicht nur hatten wir gedruckte Postkarten als Ankündigung, die überall verteilt und verschickt wurden, sondern sandten auch sogenannte Pressepakete an diverse Zeitungen, in der Hoffnung, dass unsere Ausstellung mit Foto im Veranstellungskalender der Zeitungen angekündigt wird. In San Francisco ist das wegen des vielfältigen Kulturangebots gar nicht so leicht, aber sie wurde tatsächlich groß in den sogenannten "Pink Pages" (Wochenveranstaltungskalender) des Chronicles (Tageszeitung in San Francisco) angekündigt. Bei der Ausstellungseröffnung waren gut und gern 400 Leute. Selbst Michael, der nicht so leicht zu beeindrucken ist, war erstaunt. Zyniker unter euch werden jetzt sagen, dass zu solchen Veranstaltungen meist doch nur Freunde oder wohlgesinnte Bekannte kommen. Weit gefehlt!!! Selbst wenn jeder von uns 10 Freunde oder Bekannte zur Ausstellungseröffnung schleifte, komme ich nur auf 270. Ha! Und auch wenn ihr jetzt vielleicht denkt, ich nähere mich dem Größenwahn, sage ich euch, es gibt nichts Besseres, als seine eigenen Fotos in einer Ausstellung an der Wand hängen zu sehen.

Abbildung [4]: Drei Bilder im Rathaus!

Ich war so aufgeregt, dass ich am Tag vor der Ausstellungseröffnung schon einmal vorab ins Rathaus geschlichen bin, um völlig gerührt vor meinen eigenen Bildern zu stehen. Nur gut, dass mich keiner gesehen hat. Bei der Eröffnung haben mich dann viele Leute, die ich überhaupt nicht kenne -- ich betone Wildfremde -- auf meine Fotos angesprochen. Das liebe ich echt total an den Amis, die scheuen sich nicht ihre Begeisterung mitzuteilen und zu loben. Michael hat übrigens während der Eröffnung des öfteren hinter den Leuten gestanden, die sich meine Fotos anschauten, um ihre Kommentare aufzuschnappen und er hat mir nichts von vernichtender Kritik berichtet. Nun aber genug von meiner Fotografiererei.

Abbildung [5]: Angelika fotografiert Details von Ecken und Kanten

Wirtschaftskrise

Sicher habt ihr schon in diversen Zeitungen gelesen, dass sich der amerikanische Wirtschaftsboom deutlich verlangsamt hat. Nun ist es ja eine Sache, davon in der Zeitung zu lesen oder vor den Toren des Silicon Valleys zu sitzen und live dabei zu sein. Michael und mich hat doch sehr überrascht, wie schnell sich das Ganze verändert hat. Noch Ende 2000 suchten die High-Tech-Firmen Leute wie blöd und drei Monate später hagelte es Entlassungen und gerade gegründete und hochgepriesene Dot-Com-Firmen schlossen ihre Tore. Nun war ja abzusehen, dass das nicht immer so weitergehen konnte, denn schließlich weiß jeder, dass auf fette Jahre magere folgen. Hinzu kam, dass viele der jungen Dot-Com-Firmen ("Dot" bedeutet Punkt und "Com" Commercial, beides bezieht sich auf Bestandteile in der E-Mail-Adresse) zwar Investorengeld in Millionenhöhe bekamen, aber absolut keinen Profit machten. Und auch Millionen gehen irgendwann zur Neige.

Nicht ganz nachzuvollziehen ist allerdings, dass auch etablierte Firmen wie Intel, Cisco etc., die eigentlich im Geld schwimmen, hunderte -- und im Fall von Intel sogar tausende -- von Angestellten entlassen haben. Sicher zeigt sich in dieser Tendenz die Schnelllebigkeit des kalifornischen Silicon Valleys, aber auch die amerikanische Mentalität "Hire and Fire" (Einstellen und Entlassen) in der gewerkschaftsfreien High-Tech-Welt. In Deutschland würden die Gewerkschaften bei dieser Art von Massenentlassungen Amok laufen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die etablierten Firmen das Zusammenbrechen der Börsen und das Ende des Booms dazu genutzt haben, Mitarbeiter loszuwerden, denn viele der Spezialisten und Software-Ingenieure waren völlig überbezahlt.

Abbildung [6]: Gibt's wegen der Wirtschaftskrise günstig zu kaufen: Gebrauchte italienische Luxusautos

In San Francisco folgt aus der Entlassungswelle, dass es plötzlich wieder Wohnungen zu mieten gibt. Noch im Dezember gab es absolut nichts auf dem Markt. Ging man in unserem Viertel spazieren, sah man nur manchmal Schilder für völlig überteuerte Hausverkäufe. Nun stoßen wir plötzlich wieder auf Schilder "Apartment for Rent" ("Wohnung zu vermieten"). Viele müssen wegziehen, weil sie ihre Arbeit verloren haben. Die Aktien, die Teil ihres Gehalts waren, sind nichts mehr wert -- und damit ist das sündhaft teure Leben in San Francisco und Umgebung nicht mehr zu bezahlen. Leider hat die leichte Entspannung des Wohnungsmarktes aber noch nicht dazu geführt, dass die Mietpreise sinken. Die Vermieter glauben wohl noch nicht so recht daran, dass das goldene Zeitalter vorbei ist.

Abbildung [7]: Es gibt wieder Wohnungen zu mieten in Noe Valley

Sie jammern schon, dass sie durch Vermietungen nichts mehr verdienen. Ich habe allerdings kein Mitleid, da die Hochpreispolitik viele Künstler und ärmere Familien aus dieser Stadt vertrieben hat. Vielleicht hat ja das Ende des Mythos "das Internet kann alles und wird uns alle zu Millionären machen" ein gutes für San Francisco. Die Stadt kann aufatmen und zu ihrer alten Freundlichkeit zurückkehren, in der wieder viel Platz ist für Außenseiter, Familien, ältere Menschen, Künstler und nicht nur für jung-dynamische Dot-Commer mit Handy (oh je, das wird mir jetzt wieder herbe Kritik einhandeln). Wir hoffen nur, dass wir dann auch noch hier sind, um dies genießen zu können, denn für uns kann der veränderte Arbeitsmarkt viel weitreichendere Konsequenzen haben. Schließlich sind wir nur hier, weil es nicht genügend amerikanische Software-Ingenieure gab, um den Boom zu bewältigen. Und wir fragen uns schon, ob nicht bald die ersten schreien, dass die Ausländer Arbeitsplätze blockieren, die Amerikaner besetzen könnten.

Neuerungen im Einwanderungsgesetz

Neulich berichtete das Fernsehen darüber, dass viele entlassene H-1B-Inhaber keinen neuen Arbeitgeber finden, der auch bereit ist, die erneuten Visumsformalitäten auszusitzen, und somit eigentlich das Land verlassen müssten. Einer war dabei, der sich schon fast im Besitz einer Green Card befand, entlassen wurde, und nun seinen Green-Card-Antrag in den Mülleimer werfen kann. Da wurde uns dann doch etwas mulmig, denn auch wir warten ja auf unsere Green Card. Dabei hatten wir uns noch vor kurzem auf der sicheren Seite gefühlt, denn Clinton schenkte uns, kurz bevor er abdankte, einen neues Gesetz mit dem wohlklingenden Namen "American Competitiveness in the Twenty-first Century Act of 2000" ("Amerikanische Wettbewerbsfähigkeit im 21. Jahrhundert, Tatbestand 2000"). Interessanterweise findet sich im Titel nichts von "Green Card" oder "Einwanderung" -- absichtlich, denn auch im Einwanderungsland Amerika steht man Einwanderern nicht uneingeschränkt positiv gegenüber.

Das Gesetz passierte den konserativen Kongress in einer recht geheimnistuerisch abgehaltenen mündlichen Abstimmung -- es wurde bewusst nicht an die große Glocke gehängt, um keine nationale Debatte heraufzubeschwören. Die bahnbrechende Veränderung ist, dass das H-1B-Visum über die maximalen sechs Jahre hinaus verlängert werden kann -- vorausgesetzt, der Arbeitgeber hat die Green Card für den entsprechenden Arbeitnehmer schon ein Jahr vor Ablauf des H-1B-Visums beantragt. Das hört sich jetzt vielleicht für euch nicht so spektakulär an, aber für uns ist es eine Sensation. Ihr erinnert euch sicher, dass wir immer wieder erwähnt haben, dass das mit unserer Green Card verdammt knapp wird, da unsere sechs Jahre im Oktober 2002 ablaufen und es ewig dauert, bis die notwendigen drei Schritte durchlaufen sind. Durch das neue Gesetz kann Michaels H-1B-Visum also noch einmal verlängert werden, und zwar solange, bis unsere Green Card durch ist. Wie gesagt, wir hoffen darauf, dass wir noch in den Genuss dieser Neuerungen kommen und Bush nicht alles wieder rückgängig macht.

Pink-Slip Parties

Abbildung [8]: Pink-Slip-Parties für arbeitslose Dotcommer

Kalifornier sind ja bekannt dafür, dass sie einen unerschöpflichen Optimismus und Erfindungsreichtum an den Tag legen. So gibt es jetzt in San Francisco und anderen Städten des Silicon Valleys so genannte "Pink-Slip-Partys". Das sind Partys, die keinen anderen Zweck als den der informellen Stellensuche haben. "Pink Slip" heißt das Ganze deshalb, weil die Kündigung dem Arbeitnehmer in der Regel auf einem "Pink Slip" (rosa Formblatt) präsentiert wird. Bei diesen Feten tauschen sich also Jobsuchende und Stellenanbieter über einer Flasche Bier oder einem Glas Wein zwanglos in einer Diskothek aus. Ziel ist es, in angenehmer Atmosphäre Kontakte zu knüpfen und hoffentlich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Keine schlechte Idee!

Steuererklärung

Am 15. April gaben wir wieder einmal pflichtgemäß unsere amerikanische Steuererklärung ab. Ich musste mich wochenlang durch einen Berg von skurrilen Formularen quälen, fand es aber interessant, in den Nachrichten zu erfahren, dass der amerikanische Präsident und Vizepräsident ihre Steuererklärung offenlegen. Beide sind dazu zwar nicht gesetzlich verpflichtet, aber seit der Steueraffäre Nixons ist das üblich (Jimmy Carter ging dabei mit leuchtendem Beispiel voran). So erfuhren wir, dass Bush $894.880 verdiente und $240.342 Steuern zahlte, was einem Steuersatz von 26,9 % entspricht. Vizepräsident Dick Cheney brachte es auf über 36 Millionen Dollar und zahlte darauf ca. 14,3 Millionen Dollar Steuern (39,6%). Bushs Einkommen besteht größtenteils aus Investmenteinkommen und aus dem Verkauf seines Anteils am Baseball-Team "Texas Rangers". Wer jetzt über die vermeintlich niedrigen Steuersätze für Spitzenverdiener schreit, irrt sich. Denn die Prozentsätze beziehen sich nur auf die Bundessteuer ("federal tax") und berücksichtigen nicht lokale Steuern (state/city tax), die in den meisten Bundesstaaten noch anfallen (allerdings nicht in Texas, wo Bush ja bis jetzt gelebt hat). Und natürlich reduziert sich der Prozentsatz, je mehr abgesetzt wird. So spendete Bush z.B. 16 Prozent seines Einkommens, was absetzbar ist. Außerdem werden Gewinne aus Aktiengeschäften in der Regel nur mit 20% versteuert. Cheney hingegen zahlte den Spitzensteuersatz für die Bundessteuer, weil es sich größenteils um reguläres Einkommen handelte. Und nun erteile ich Michael das Wort.

Konto/Schecks/Geldautomaten in den USA

(Michael) Danke! Hin und wieder taucht etwas Neues auf, da denke ich mir: Die Idee hätte auch von mir sein können. Neulich flatterte mit der Kontoabrechnung ein Prospekt ins Haus, der verhieß, dass man beim Bedienen des Geldautomaten der Bank Geld gewinnen könne. Diese Idee hatte ich bereits 1970! Aber ich muss für die deutschen Leser wohl etwas weiter ausholen und mache deswegen gleich ein Rundbrief-Schwerpunktthema draus: Geldgeschäfte in den USA!

Abbildung [9]: Prima Geschäftsidee: Die Verknüpfung von Bank- und Spielautomat

Das amerikanische Wort für Geldautomat ist "ATM", gesprochen "Ey-Tie-Ähm". Das steht für "Automatic Teller Machine", zu deutsch etwa: "Automatische Bankkassierermaschine". Die haben den deutschen Automaten drei Dinge voraus, und ich weiß nicht, ob ich ohne die noch leben könnte: Erstens darf man sich seine Geheimzahl selber aussuchen und kriegt nicht irgendeine verpasst, die sich kein Mensch merken kann. Zweitens gibt es eine Taste namens "Quick Cash". Man sagt der Bank einmal, welchen Betrag man üblicherweise vom Geldautomat abhebt und das merkt sich dann der Automat. Dann geht man nur noch hin, gibt die Geheimzahl ein, tippt "Quick Cash" und schon spuckt der ATM immer den gleichen Geldbetrag aus. Übrigens haben ATMs hier nur Zwanziger, weil niemand Riesenbeträge abhebt. Drittens, und darauf ziele ich eigentlich ab, kann man an amerikanischen ATMs nicht nur Geld abheben, sondern auch welches einzahlen.

Abbildung [10]: Ein amerikanischer Geldautomat: Man beachte, dass man im Rückspiegel beobachten kann, wer herumschleicht!

Hier in den USA wird statt mit Barem oft mit Schecks gezahlt. Und zwar sind das sogenannte "Personal Checks", also nicht etwa Euroscheck-ähnliche Dinger, die in jedem Fall garantieren, dass der Empfänger 400 Mark kriegt, sondern persönliche Schecks, die überhaupt nichts garantieren. Schreibt jemand einen Scheck und hat nicht genug Geld auf dem Konto, "bounced" der Scheck. Das Wort "bounce" heißt sowas wie "rausfliegen". Der Türsteher einer Bar oder Disco heißt "Bouncer". Oder war der Zug schon mit 24 Fahrrädern besetzt und der Schaffner weist einen zurück, erzählt man den Fahrradfahrerkollegen "I got bounced off the train, man, this sucks big time!". Aber ich weiche ab.

Schecks kriegt man von Leuten, die man kennt, um Summen von mehr als zwanzig Dollar zu begleichen, oder auch zum Beispiel als Zahlungsmittel für einen Mail-In-Rebate -- ihr wisst schon, wo man an der Kasse mehr zahlt, per Post einen Coupon einschickt und nach ein paar Wochen das Geld wieder rauskriegt.

Den kann man dann am ATM einzahlen und kriegt den Betrag sofort gutgeschrieben. Verfügen kann man über das Geld allerdings erst, wenn die Transaktion besiegelt ist und die Bank das Geld vom Scheckaussteller eingetrieben hat, was bis zu einer Woche dauern kann. Natürlich kann man statt zum ATM auch einfach zum Schalter gehen. In den USA zahlt man üblicherweise keinerlei monatliche Gebühren für ein Girokonto -- allerdings kostet es bei unserer Bank jedes Mal zwei Dollar, sobald man etwas von den Angestellten und nicht vom Automaten machen lässt. Einen Scheck am ATM einzuzahlen, geht ganz einfach: Zuerst muss man den Scheck "endorsen". Man schreibt auf die Rückseite des Schecks, den man von irgendjemandem bekommen hat, seinen Namen, seine Kontonummer und unterschreibt. Dann geht man zum ATM, zieht aus einer Schublade dort einen Briefumschlag heraus, legt den Scheck hinein und pappt ihn zu. Dann schiebt man seine Automatenkarte in den ATM, tippt die Geheimzahl ein und wählt im Menü den Punkt "Deposit" (Einzahlung) aus. Man gibt den Betrag ein, der auf dem Scheck steht (wenn's ein krummer Betrag ist und man sich den nicht gemerkt hat, muss man blitzschnell wieder den Briefumschlag aufreißen!) und plötzlich rattert der Automat los und öffnet eine noch nie gesehene Klappe, die gierig den hingehaltenen Umschlag einsaugt. Was dann passiert, kann ich nur vermuten: Am nächsten Tag öffnet ein Bankangestellter den Umschlag, prüft, ob der Betrag korrekt war und nimmt die Buchung vor.

Abbildung [11]: Die Rückseite eines Schecks, 'endorsed' zum Einzahlen auf dem eigenen Konto.

Genau dieses Scheckeinzahlen (und auch Bargeld kann man so einzahlen) belohnt unsere Bank derzeit mit einer Gewinnchance. Immer, wenn man einen Scheck einzahlt und einem das Glück lacht, kann man den dreifachen eingezahlten Betrag gewinnen. Deswegen: Wer mir schon immer mal einen Scheck schicken wollte, der schicke ihn jetzt!!

Nun die Frage -- wie stelle ich einen Scheck aus? In Abbildung 11 seht ihr ein Muster. Nehmen wir an, ich hätte eine Rechnung von einer Firma "Bullerbü Enterprises" gekriegt, die auf 10 Dollar und 95 Cents lautete. Ich wäre damit einverstanden und wollte denen einen Scheck schicken. Dann schreibt man zunächst das Datum in das "Date"-Feld rechts oben. Monat, Tag, Jahr, mit Schräg- oder Bindestrichen getrennt, wie in Amerika üblich. Im Bild seht ihr den 31. Januar 2001 als 01-31-01 geschrieben. Übrigens kann man in Amerika Schecks vordatieren und damit verhindern, dass sie vor dem eingetragenen Datum eingelöst werden. In Deutschland ist das wurscht, der Scheck wird immer sofort eingelöst. In Amerika wird die Bank ihn nicht vor dem eingetragenen Datum einlösen.

Anschließend trägt man in das Feld "Pay to the order of" den Namen der Firma ein, die den Scheck kriegt, in diesem Fall "Bullerbü Enterprises". Es ist ganz wichtig, den Namen richtig zu schreiben, denn der Scheck ist nur für diese Firma oder Person gültig -- aus Sicherheitsgründen, denn schließlich kann er auf dem Postweg verlorengehen. Wie ein Eintrag "Zur Verrechnung" auf einem deutschen Scheck also.

Der Betrag kommt in das Feld mit dem Dollar vornedran, das Komma ist in Amerika ein Punkt, also heißt's 10.95 und nicht etwa 10,95. Nehmt das nicht auf die leichte Schulter, das Komma dient in Amerika zum Separieren von Tausendern, so heißt 1,000 Tausend, was man in Europa 1.000 schreiben würde. Und natürlich schreibt man die Eins ohne Aufstrich, aber das wissen die gebildeten Rundbriefleser und -leserinnen natürlich schon seit Jahren. Der Betrag wird in dem Feld darunter dann nochmal ausgeschrieben und zwar zuerst der ganzzahlige Wert, gefolgt von dem Wort "and" und dem Centbetrag als XX/100. In unserem Fall sind's 95 Cents, also heißt es "Ten and 95/100". Ganz schön ungewöhnlich, aber so macht man's in Amerika.

Wie bei deutschen Schecks sollte man die Leerräume in den Feldern mit Strichen füllen, damit niemand daran herumfummeln kann. Dann nicht vergessen, zu unterschreiben, und fertig ist der Lack. Ins Feld "For" kann man noch eine Art Verwendungszweck eintragen, beim Bezahlen der Telefonrechnung schreibt man da zweckmässigerweise die Telefonnummer rein und bei einem Zeitschriftenabonnement vielleicht den Namen der Zeitschrift und die Bezugsdauer, aber das ist alles freiwillig und wird höchstwahrscheinlich von niemandem zur Kenntnis genommen. Nur für die eigene Buchführung ist's manchmal ganz nützlich.

Abbildung [12]: Ein korrekt ausgestellter Scheck

Rechts oben auf dem Scheck steht übrigens die laufende Schecknummer (2145), und unten in der maschinenlesbaren Zeile stehen zuerst 9 und dann nochmal 4 Ziffern für die Routing-Information (eine Art Bankleitzahl) und dann zweimal fünf Nummern für die Kontonummer (12345-12345 in der Abbildung).

Dann klebt man eine 34-Cents-Marke auf einen Briefumschlag (so viel kostet ein Brief innerhalb der USA, der nicht mehr als eine Unze, etwa 28,35 Gramm, wiegt) und schickt den Zaster ab. Auf die eingegangene Rechnung schreibt man "Paid 01/31/01 Check #2145" und heftet sie im Ordner ab, damit man weiß, dass man die Rechnung bezahlt hat, falls irgendwann eine Mahnung kommt, und auch mit welchem Scheck. Geht der Scheck in der Post verloren, lässt man ihn bei der Bank sperren und schickt einen neuen. Das kommt in etwa 1% der Fälle vor. In sein Kontobüchlein trägt man ein, dass ein Scheck über den Betrag von $10.95 ausgeschrieben wurde und rechnet aus, wieviel noch auf dem Konto ist. Unterlässt man das, schreibt man unter Umständen Schecks aus, die gar nicht gedeckt sind, und die "bouncen" dann, und das ist uncool.

Übrigens werdet ihr euch fragen, wie man das macht, wenn man garantieren will, dass der Scheck gedeckt ist. Weil der "Personal Check" keine garantierte Deckung hat, nimmt ihn auch kaum jemand außer dem Supermarkt um die Ecke, der sich dann auch noch den Ausweis vorlegen lässt. Dort kann es dann sein, dass 'ge-bounce-te' Schecks öffentlich aufgehängt werden, damit jeder sieht, was denn das für ein Dödel ist, der nicht genug Geld auf dem Konto hat. Einen Scheck 'bouncen' zu lassen, gilt als ziemlich deppert, wem das einmal passiert, der ist auf immer untendurch. Kauft man also zum Beispiel einen Gebrauchtwagen, wird niemand einen "Personal Check" akzeptieren. Ist der Kaufpreis ausgehandelt, geht der Käufer zur Bank und erwirbt einen sogenannten "Cashier's Check", einen "Scheck des Kassierers", der garantiert eingelöst wird. Übrigens hat der Scheck einen abreißbaren Seitenstreifen. Ich habe gehört, dass, wenn man den abreißt, der "Cashier's Scheck" nicht mehr gültig ist! Die Bank fordert für einen "Cashier's Check" echtes Bargeld vom Konto, sonst wird sie ihn nicht ausstellen. Mit dem geht dann der Käufer zum Verkäufer und der Kauf wird besiegelt. Warum "Cashier's Check" und nicht gleich Bargeld? Wegen der Nachvollziehbarkeit der Transaktion. Bei Bargeld kann niemand beweisen, wer wann was kriegte. Wer hingegen einen Scheck über wieviel Dollar bei einer Bank eingelöst hat, ist amtlich, weil die Bank das protokolliert.

Was ist, wenn man den Gebrauchtwagen am Samstag kauft? In den USA ist der Kunde natürlich nicht der Depp, sondern König -- und so haben manche Banken selbstverständlich auch am Samstag auf. Übrigens ist das sehr lustig, weil dann dort "Casual Day" ist, also keiner der Angestellten Anzug mit Krawatte oder Kostüm tragen muss. Angelika und ich gingen vor vier Jahren, als wir gerade frisch im Land waren, mal am Samstag zwecks Kontoeröffnung zu einer Bank und jemand in Jeans und Hemd sprach uns in der Schalterhalle nach unseren Wünschen an. Verwirrt dachte ich: "Was will denn der Hausmeister von mir?", aber das war ein Bankangesteller vom Schalter, der im Kundenraum herumging! Schon witzig, was man so in sein Hirn einprogrammiert hat.

"Traveller Checks" die man in Deutschland bei der Bank kaufen kann, sind übrigens das ideale Zahlungsmittel für Touristen. Amex-Traveller-Checks nimmt hier in den USA jeder, solange sie in Dollars ausgestellt sind. Sogar der Laden um die Ecke oder ein Restaurant wird sie gerne gebührenfrei zum Begleichen der Rechnung akzeptieren, solange man nicht gerade eine 5-Dollar-Rechnung mit einem 100er-Traveller-Check bezahlt. Sonst sind Touristen am besten mit einer Kreditkarte dran, weil man da den besten Umrechnungskurs bekommt und nur etwa 1% Gebühren zahlt. Bei Bargeld ist der Umtauschkurs ungefähr 5% schlechter.

Lustig ist auch, was passiert, wenn man neu ins Land kommt und das erste Scheckbuch kriegt, üblicherweise mit etwa 20 sogenannten Beginner's-Checks ("Anfänger-Schecks") drin. Die nimmt absolut niemand an, außer dem Elektrizitätswerk und der Telefongesellschaft, denen man jeden Monat per Post einen Scheck schickt, um so seine Strom- und Telefonrechnung zu bezahlen. Kommt man mit den ersten Schecks nicht in Schwierigkeiten, kriegt man von der Bank nach einigen Wochen ein richtiges Scheckheft zugeschickt. Da viele Läden gegenüber Leuten, die gerade ihr erstes Scheckheft gekriegt haben, eher abweisend sind, wird die Bank vorschlagen, die Schecknummern nicht bei 1, sondern bei zum Beispiel 1000 beginnen zu lassen. Mit den Jahren baut man so "Credit" auf, Kreditwürdigkeit. Irgendwann nach einem Jahr kann man dann eine Kreditkarte beantragen. Es ist übrigens irrelevant, ob man in Deutschland schon eine Kreditkarte von der gleichen Firma (American Express, Visa, Master-/Eurocard) hatte, das interessiert die amerikanischen Kreditgesellschaften keinen Fatz. Die meisten Amerikaner kommen sehr früh in Kontakt mit Krediten und, ähnlich wie in Deutschland bei der "Schufa", wird im amerikanischen "Credit Report" vermerkt, wer seine Schulden zurückzahlte und wer nicht. Drei private Firmen führen "Credit Reports": TransUnion, Experian und Equifax. Weil das private Firmen sind, muss man höllisch aufpassen, dass sich da kein Fehler einschleicht. Meldet zum Beispiel eine Bank nur aus Jux, dass jemand seinen Kredit nicht bezahlt hat, kann man zwar Einspruch gegen den Eintrag erheben (der dann auch im Eintrag vermerkt wird), aber der Eintrag selbst bleibt. Ich habe gelesen, dass Leute jahrelang gegen diese willkürlich oder irrtümlich vorgenommenen Einträge vorgehen mussten, bis diese endlich korrigiert wurden. Die besten Geschichten stehen übrigens in dem sehr guten Buch "Database Nation" von Simson Garfinkel.

Abbildung [13]: Die Mitgliedskarte vom Costco. Auf der anderen Seite steht ein maschinenlesbarer Barcode

Wer einmal aus der Reihe fiel (und sei's nur, dass er die Miete nicht zahlte, eine Ratenzahlung versäumte oder mal das Geld auf dem Konto ausging), hat es ganz schwer, diesen Fehler wieder auszubessern. Beantragt man eine Kreditkarte, fragt die Kartenfirma den "Credit Report" ab und sieht nach, wie kreditwürdig der potentielle neue Kunde denn ist. Im Fall eines frisch aus Deutschland eingereisten Ausländers ist diese Abfrage ein leeres Blatt Papier, was zur Abweisung des Antrags führt. Das gleiche gilt übrigens, wenn man eine Wohnung mietet: Der Vermieter fragt den "Credit Report" ab, und wenn da Schlechtes oder gar nichts drinsteht, kriegt man die Wohnung nicht. Ich musste damals mit Engelszungen auf unseren Vermieter einreden, bis ich die Wohnung endlich bekam -- denn mein Credit-Report war schlicht leer.

"Credit" zu haben, Kreditwürdigkeit zu besitzen, ist ganz wichtig in Amerika. Wer Beträge von mehr als 20 Dollar bar bezahlt, wird im Supermarkt schief angesehen, da denkt der Kassierer: Ja gibt denn dem keiner eine Kreditkarte oder einen Scheck, was ist wohl mit dem los? Ich zahle aber nach wie vor gern bar, was die von mir denken, ist mir wurscht. Mich macht's im Gegenteil immer wahnsinnig, wenn wieder irgendein Depp eine 5-Dollar-Rechnung mit Kreditkarte zahlt und das dann ewig dauert -- in Amerika durchaus üblich. Wer einen guten "Credit Report" hat, kriegt dann jeden Tag ungefähr zwei Angebote (per Post oder Telefonanruf) für neue Kreditkarten. Das setzt bei Ausländern, die nicht negativ aufgefallen sind, nach etwa zwei Jahren ein, weil sie dann im System bekannt sind.

Bargeld hingegen schafft Anonymität -- niemand kann nachvollziehen, wo wer wann was gekauft hat. Den Supermärkten ist aber natürlich daran gelegen, Daten über das Kaufverhalten zu sammeln und wieder zurück an die werbetreibende Wirtschaft zu verkaufen, die einen dann gezielt mit maßgeschneiderter Werbung bombardiert. So steht auf dem Scheck zum Beispiel die Telefonnummer, die der Supermarkt dann an die Leute verkauft, die einen um 8 Uhr abends anrufen, um einem irgendwas anzudrehen. Schreibt die Bank die Telefonnummer nicht auf den Scheck, wird der Kassierer danach fragen. Man kann natürlich sagen, dass man's nicht sagen will oder einfach 123-4567 angeben, aber lustig ist's schon. Supermärkte wie der "Safeway" geben Kundenkarten raus und bestimmte Sonderangebote kriegt man nur zum verbilligten Preis, wenn man mit die Kundenkarte vorlegt. Und unseren Lieblingssupermarkt "Costco" kann man ohne Mitgliedskarte gar nicht erst betreten! So weiß der Supermarkt natürlich, wer da was kaufte und hat wieder Datenmaterial, um den Computer zu füttern. Ich finde das keineswegs schlecht, denn die Werbung, die heutzutage auf einen einhämmert, ist nur deswegen so nervig, weil sie so ungezielt abgefeuert wird. Wenn der Fernseher eine Sendung für 5 Minuten unterbricht, um irgendwelche Bier- oder Waschmittelwerbung zu bringen, ist das verschwendete Zeit. Wenn in der gleichen Zeit Computerläden ihre Produkte anpriesen, hätte ich dagegen womöglich nichts einzuwenden.

Gung Ho

Ich wäre "gung ho", sozusagen! Denn schon sind wir wieder bei unserer Rubrik "Lerne amerikanisch sprechen mit den Profis". "Gung ho" (gesprochen Gang ho) ist ein Ausdruck, der von einigen während des zweiten Weltkriegs in Asien stationierten US-Truppen stammt: Er leitet sich vom Mandarin-Chinesischen 'gonghe' ab und meint, dass man entusiastisch einstimmt mit dem, was alle anderen machen. "I am gung ho with ..." heißt, dass man freudig zustimmt. Ohne Schmarr'n, das ist ein recht gebräuchlicher Ausdruck!

Marathon-Planung

Am 8. Juli werde ich den San-Francisco-Marathon mitlaufen. Jawohl, ihr habt richtig gehört: Der rasende Rundbriefreporter wird sich seine Laufschuhe umschnallen und mit ein paar tausend Verrückten 42,195 km weit quer durch San Francisco rennen. Nun bin ich zwar recht gut in Form, aber für so eine Tortur muss ein spezielles Training ran: Seit 8. März trainiere ich schon viermal pro Woche nach einem erprobten Spezialprogramm. Angefangen habe ich mit 5-Kilometer-Läufen, und steigere die Strecke wöchentlich, so dass sich die Muskeln langsam aufbauen können und keine Gefahr für Verletzungen besteht. Der längste Trainingslauf ist übrigens eine Woche vor dem San-Francisco-Marathon und 29 Kilometer lang. Die ganzen 42 läuft man also nur am Marathontag selbst und dann wahrscheinlich eine Woche lang überhaupt nicht mehr.

Beim San-Francisco-Marathon rennt man quer durch die Stadt an vielen Sehenswürdigkeiten vorbei. Wenn ihr schon mal in San Francisco wart, werdet ihr Teile der Strecke wiedererkennen: Man startet im Golden Gate Park, rennt nördlich über den Presidio zur Golden Gate Bridge, dann über Fisherman's Wharf den Embarcadero an der Bay entlang runter, bis ins Internetfirmenviertel "SoMa", dann kurz durch's mexikanische Viertel "Mission", fast bei uns zuhause in "Noe" vorbei, die Laguna-Street hoch bis zur Market und wieder ganz rauf bis zum Golden Gate Park. Quer durch den Park bis zum Ozean, wo die Wellen des Pazifiks an den Strand knallen, dann an der Strandpromenade entlang runter bis zum Lake Merced, Kehrtwendung und die gleiche Straße wieder rauf bis zum Golden Gate Park -- und ins Ziel. Also langweilig wird's bestimmt nicht, ich muss nur durchhalten. Und das ist ganz einfach: Man muss genügend Wasser trinken und darf dann einfach nicht aufhören zu laufen!

Zur Geschichte des Marathons: Ungefähr 490 vor Christus schlugen die Griechen den heranrückenden Darius (König von Persien) und seine Truppen in die Flucht -- eine erfolreiche Schlacht, ungefähr 40 Kilometer von Athen entfernt, in einer Gegend namens "Marathon". Als die Schlacht gewonnen war, setzte sich ein Läufer in Bewegung, um den Athenern in Athen die freudige Nachricht zu überbringen. Er rannte die ganzen 40 Kilometer zur Stadt, übernahm sich dabei allerdings und konnte nur noch "Sieg!" rufen, bevor er tot zusammenbrach.

Bei den ersten olympischen Spielen 1896 in Athen war denn auch der Marathon sofort eine Disziplin, weil es als beinahe übermenschlich galt, diese Distanz rennend zu überwinden. 1912 bei den olympischen Spielen in Schweden wurde dann die Distanz noch einmal auf die heute üblichen 42,195 Kilometer korrigiert, eigentlich aus Zufall, weil die Läufer genau bis zum Thron des Königs von Schweden laufen sollten.

Das Problem am Marathon sind nicht die 42 Kilometer, nur die letzten zehn sind die Hölle auf Erden. Das kommt so: Die Muskeln des Körpers beziehen ihre Energie aus Adenosintriphosphat (ATP), das der Körper während eines lockeren Dauerlaufs aus etwa 50% Kohlehydraten und 50% Fetten erzeugt. Nach etwa 30 bis 35 Kilometern sind alle Kohlenhydrate verbraucht und der Körper beginnt, Energie aus reinem Fett zu generieren. Das soll recht schmerzhaft sein und es kostet einiges an Willenskraft, diese Grenze zu durchbrechen. Auf amerikanisch heißt das "To hit the wall" (gegen die Wand knallen). Man muss langsamer laufen und seinen bleiernen Körper mühsam bis zum Ende schleppen. Nimmt man während des Laufs regelmäßig Kohlenhydrate in Form von Getränken wie Gatorade zu sich, kann man diese Grenze hinauszögern, wenn man's geschickt macht, sogar bis zum Ende des Marathons. Ich habe mehrere Bücher zum Thema gelesen und bin mir sicher, dass ich es schaffen kann. Im Juli-Rundbrief werde ich dann sicher langatmig darüber berichten und angeben wie zehn nackte Wilde, keine Sorge.

Wein des Monats

Abbildung [15]: Charles Krug, Napa Valley Cabernet Sauvignon, 1998

Und hier wieder die beliebte Rubrik: Jetzt-trink'-mer-no-ein-Fla-scherl-Wein! Diesmal ein delikates Weinderl, das für 13 Dollar beim Riesensupermarkt Costco im Regal stand und anscheinend nur dem rasenden Rundbriefreporter ins Auge fiel. Hält man seinen Zinken ins Glas, strömt einem etwas entgegen, was der amerikanische Weinkenner als 'liquorish' bezeichnen würde, also eine fast Brandy-ähnliche Note. Auch dem Duft von Mon-Cheri nicht unähnlich. Sehr lecker. Auf dem Gaumen schön ausgewogen, feine, unaufdringliche Tannine, ein wunderbar schwerer Rotwein, der sich am besten dazu eignet, sich am Abend in einen schweren italienischen Ledersessel zu kuscheln und ein hervorragendes Perl-Buch zu lesen. Aaah ....

Top-Produkt: Der TiVo-Kasten

Abbildung [16]: Kabelbox, Video-Rekorder und TiVo-Kasten

Und hier das Rundbrief-Top-Produkt: Der TiVo-Kasten. Ihr in Deutschland habt ja mittlerweile auch das Problem, dass nur noch Kacke im Fernsehkasten kommt, die auch noch laufend von Werbung unterbrochen wird. In Amerika ist das noch viel schlimmer und deswegen hat sich die Firma TiVo einen Kasten ausgedacht, der einen kleinen Computer enthält, der das Fernsehprogramm laufend auf eine Festplatte aufzeichnet, während man fernsieht.

Hat man dann einen Satz in einer Fernsehsendung überhört, weil man wieder viel zu laut Kartoffelchips gefuttert hat, kann man schnell auf die TiVo-Fernbedienung drücken und in der Zeit zurückspringen -- bis zu einer halben Stunde. Dann sieht man das Programm allerdings zeitversetzt: Man sieht sich die Vergangenheit an, während der TiVo-Kasten weiter die Gegenwart aufzeichnet. Eine geschickte Möglichkeit, die immer wieder eingestreute Werbung auszublenden ist natürlich, TiVo die Sendung aufzeichnen zu lassen, etwas zeitversetzt anzusehen und die Werbeblöcke im Schnelldurchlauf zu überspringen.

Da schreien die ersten: Hahaha, das kann mein Videorekorder auch! Dazu sagt euer Onkel aus Amerika: Nicht so voreilig, Kinder. Der TiVo-Kasten kann gleichzeitig eine Sendung aufnehmen und eine andere, schon gespeicherte, abspielen. Oder sogar den Anfang einer aufgezeichneten Sendung abspielen, während diese noch gar nicht zu Ende ist! Kommt man also zu spät nach Hause und die Lieblingsfernsehshow hat schon angefangen, muss man nicht gleich durchdrehen und zum Waffenschrank rennen (siehe vorletzer Rundbrief), sondern lässt einfach den TiVo-Kasten den Anfang der Sendung abspielen, während er das Ende weiter aufzeichnet. So sieht man die Sendung lediglich etwas zeitversetzt! Bei den Werbepausen kann man dann durch Vorspulen immer wieder ein paar Minuten aufholen, bis man wieder in der Gegenwart ist!

Diese Zeitverzögerung kommt auch dann zum Einsatz, falls man live etwas im Fernsehen sieht, aber schnell zum Telefon rennen muss, weil wieder ein Depp zur besten Fernsehzeit anruft. Da drückt man einfach die "Pause"-Taste und der TiVo-Kasten nimmt die Sendung weiter auf. Drückt man später die "Play"-Taste, fährt der TiVo-Kasten am Unterbrechungszeitpunkt mit dem Abspielen fort, zeichnet aber weiterhin die Gegenwart auf.

Außerdem kennt der Kasten auch noch das ganze Fernsehprogramm auswendig, weil er in der Nacht heimlich in der TiVo-Zentrale anruft und sich das aktuelle Tagesprogramm runterlädt. Dem TiVo-Kasten muss man dann dank schlauer Software nicht sagen "Schalte am Dienstag um 19:00 auf Kanal 2 ein und nimm eine halbe Stunde auf", sondern man sagt ihm den Namen der Sendung. Sage ich zum Beispiel "Seinfeld", fragt er mich, ob ich nur die nächste Sendung will, die gleich irgendwo läuft oder vielleicht sogar einen sogenannten "Season Pass", eine "Dauerkarte", mit dem er dann jede "Seinfeld"-Sendung aufzeichnet, die irgendwann irgendwo auf den 60 oder so Kanälen läuft, die wir empfangen können. In dem Kasten haben 30 Stunden Fernsehen Platz und man muss nicht mühselig mit Video-Kassetten hantieren, da der Computer in dem Kasten das auf seiner Festplatte speichert.

Abbildung [17]: Der TiVo hat fleißig aufgezeichnet und bietet ein individuell zusammengestelltes Fernsehprogramm an.

Man kommt abends heim, schaltet den Fernsehkasten ein und kriegt ein Menü mit Sendungen angeboten, die während der letzten Nacht und des vergangenen Tages aufgezeichnet wurden. In meinem Fall steht da eine Liste mit "Seinfeld", den "Simpsons", den 6-Uhr-Nachrichten und diversen Spielfilmen, die auf dem PayTV-Sender HBO (wie Premiere in Deutschland) liefen.

Man zeichnet einfach alles auf, lieber zuviel als zuwenig (löschen kann man's immer noch) -- auch Nachrichtensendungen. Weil selbst das nicht reicht, den ganzen TiVo-Speicher zu füllen, versucht der Kasten, falls noch Platz ist, Sendungen aufzuzeichnen, die denjenigen ähnlich sind, die man selbst ausgewählt hat. Auf der Fernbedienung des TiVo-Kastens sind dann zwei Tasten: Daumen nach unten und Daumen nach oben. Damit kann man dem Kasten Bonus- oder Strafpunkte geben, je nachdem wie gut die ausgewählten Sendungen gefallen. Der Kasten lernt ständig und wird immer besser.

Abbildung [18]: Der TiVo kennt das Fernsehprogramm und kann auf Knopfdruck sogar sagen, um was es in der aktuellen Episode geht. Der Balken unten zeigt an, wie weit man das aufzeichnete Programm bereits abgespult hat. Kann man natürlich wegklicken.

Außerdem teilt er diese Entscheidungen während der nächtlichen Telefonate der TiVo-Zentrale mit, die diese Informationen angeblich anonymisiert und an die werbetreibende Wirtschaft weiterverkauft -- ein Videorekorder und Allensbach-Institut in einem. Man kann allerdings dort anrufen und verlangen, dass seine Daten nicht verwendet werden, das wird prompt erledigt. Ich mag den Kasten aber richtig gern und er hat meine Fernsehgewohnheiten total verändert, denn ich warte nicht mehr, bis irgendwas im Fernsehen kommt, sondern habe soviel auf Konserve, dass ich, falls ich mal Zeit zum Fernsehen habe, sofort einschalten und alles das "wegkucken" kann, was der Kasten aufgezeichnet hat und mich interessiert. Auch Angelika hat sich mittlerweile mit dem Kasten angefreundet und rennt gar nicht mehr überstürzt zum Fernseher, wenn eine Sendung kommt, sondern sieht dank meiner TiVo-Intensivkurse dann fern, wenn sie Zeit hat! Außerdem bin ich immer derjenige, der am lautesten seine Kartoffelchips schmatzt und deswegen öfter mal einen Dialog verpasst. Kein Problem mehr. Danke, TiVo! Ein echtes Rundbrief-Top-Produkt!

Oder auf amerikanisch: "The best thing since sliced bread". Das Beste seit der Erfindung geschnittenen Brotes. Das ist eine gängige Redewendung, mit der man andeutet, dass man etwas für eine großartige Erfindung hält. In Amerika kann man sich nämlich in Bäckereien und Supermärkten einen soeben gekauften Brotlaib von einer Maschine in supergleichmäßige Scheiben schneiden lassen. In der Tat eine großartige Erfindung, an der die Deutschen noch lange kauen werden. Übrigens sagt Angelika öfter mal "Das sind ja wieder Bemmen!", wenn ich Brot in extradicken Scheiben aufschneide -- kann mir jemand die ethymologische Herkunft dieses anscheinend norddeutschen Wortes nahebringen? Bis zum nächsten Mal!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017