Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 3  
San Francisco, den 01.06.97

Finanzkrise in der Firma    Urlaub auf Kauai/Hawaii    Immigranten-Gedanken    Englisch sprechen und verstehen    Trinkgeld    Schlussverkauf    Anti-Raucher-Kampagnen    Golf    Die Glide-Memorial-Church

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Finanzkrise in der Firma

Die Firma für die Michael arbeitet, hat nämlich gerade ihr Büro in San Francisco geschlossen. Aber ich muss dafür etwas weiter ausholen, sonst versteht mich ja kein Mensch.

Zunächst einmal muss man wissen, dass die Firma durch einen amerikanischen Geldgeber finanziert wird, und zwar sowohl das Büro in München als auch das Büro in San Francisco. Da es eine relativ neue und kleine Firma ist und ganz neue Software entwickelt, ist die Finanzlage nicht so krisensicher wie bei Weltfirmen wie z.B. Siemens oder Microsoft (Michael würde sich bei meinen Beispielen jetzt die Haare raufen, da er nicht gerade ein Fan dieser Unternehmen ist). Im Klartext heißt dies, dass irgendwann auch etwas verkauft werden muss. Leider sind die Amerikaner gerade nicht so interessiert an den Sachen die die Firma entwickelt; dafür aber die Deutschen. So hat der amerikanische Sponsor kurzerhand beschlossen, dass das Büro in San Francisco geschlossen wird und alle seine Hoffnungen auf das Büro in München gesetzt. Die Konsequenz ist, dass zum 15. Mai alle Mitarbeiter in San Francisco entlassen wurden. Für uns hätte das eigentlich bedeutet, dass wir sofort unsere Koffer hätten packen müssen (und ich hatte gerade erst alles richtig ausgepackt und die Bilder an die Wand gehängt), da unsere Aufenthaltsgenehmigung und Michaels Arbeitsgenehmigung ja völlig an die Firma Amerika gekoppelt sind.

Abbildung [1]: Michael setzt dem bösen Blick auf, weil er beim Arbeiten unterbrochen wurde
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Ihr fragt euch jetzt sicherlich zurecht, warum wir immer noch hier sind. Keine Angst, ich komme gleich dazu, ich wollte es nur etwas spannend machen. Also, wir haben einfach unendliches Glück gehabt. Michael und sein Kollege Peter sind die einzigen, die auch weiterhin für die Firma Amerika arbeiten. Dies ist deshalb möglich, weil der amerikanische Firmensitz auch weiterhin besteht. Die Firma in Amerika hat jetzt eben nur noch zwei Mitarbeiter und nicht mehr 30. Die Finanzen sind bis Anfang 1998 gesichert, da in Deutschland aber einige Projekte laufen werden, sehr wahrscheinlich sogar länger. Ja, und wer jetzt ganz aufmerksam beim Lesen war, wird sich fragen, wo Michael nun arbeitet, wenn es doch gar kein Büro mehr gibt in San Francisco. Das Büro befindet sich jetzt sozusagen in unserer Wohnung, d.h. Michael arbeitet zu Hause. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, dass in unserem Schlafzimmer ein riesiger Schreibtisch steht mit zwei Computern und zusätzlich noch einem Laptop. Ich hoffe sehr, dass wir uns in unserer kleinen Wohnung nicht ins Gehege kommen, aber solange wir noch hierbleiben können und ich nicht Michaels Sekretärin spielen muss, soll mir alles recht sein.

Michael wird jetzt in Ruhe die Situation abwarten. Alle hoffen natürlich darauf, dass die Firma den großen Durchbruch schafft. Sollte sich die Situation aber weiterhin verschlechtern, wird Michael versuchen, hier in San Francisco etwas Neues zu finden. Das ist allerdings nicht so einfach. Arbeit gibt es zwar genug, aber eine neue Firma müsste für Michael eine neue Arbeitsgenehmigung erwirken, was zwei Monate dauern kann und eine amerikanische Firma ist in der Regel gewohnt, dass der neue Mitarbeiter sofort anfangen kann, wegen der nicht vorhandenen Kündigungsfristen. Es nutzt dabei auch gar nichts, dass Michael hier schon gearbeitet hat. Der Fall würde wieder völlig neu behandelt werden. Es lebe die Bürokratie!!!!

Ich hoffe, dass ihr meinen etwas umständlichen Ausführungen folgen konntet und wem meine Erklärungen einfach zu lang waren, dem schreibe ich schnell noch Michaels Kurzfassung zum Stand der Dinge auf: "Es bleibt alles beim Alten, nur dass ich jetzt sogar von meinem Bett aus arbeiten darf!"

Trotzdem wir im nachhinein betrachtet mehr Glück als Verstand gehabt haben, war die Situation doch ziemlich belastend. Das Problem ist nämlich, dass man hier mit seiner Arbeit gleich alles verliert, d.h. z.B. die Krankenversicherung. Als Ausländer hätte Michael sowieso keine Arbeitslosenunterstützung bekommen, und diese ist auch für Amerikaner mehr als dürftig. Uns wäre wirklich nichts anderes übriggeblieben, als nach Deutschland zurückzukehren und das wollten wir auch nicht, weil wir uns gerade so richtig eingelebt haben. Ein sicheres Zeichen, dass wir zu echten Kaliforniern aufgestiegen sind, ist z.B. dass wir das letzte kleinere Erdbeben der Stärke 3.4 bereits verschlafen haben und nur davon erfuhren, weil meine Freundin Sylvia ganz aufgeregt anrief, ob wir etwas gemerkt hätten und es uns auch gutginge.

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Letzte Änderung: 06-Jul-2008