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  Rundbrief Nummer 3  
San Francisco, den 01.06.97
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Abbildung [1]: Am Strand von Kauai/Hawaii

Hallo, ihr Lieben!

(Angelika) Nun sind schon wieder einige Wochen vergangen und ich will endlich meinen dritten Rundbrief beginnen. Michael ist jetzt bereits seit guten sechs Monaten in San Francisco und ich lebe hier seit fast fünf Monaten. Trotz dieser Zeit ist das Leben auch weiterhin neu und spannend für uns, und es macht uns immer noch viel Spaß, Land und Leute zu entdecken. Die erste größere Krise haben wir auch gerade überstanden.

Finanzkrise in der Firma

Die Firma für die Michael arbeitet, hat nämlich gerade ihr Büro in San Francisco geschlossen. Aber ich muss dafür etwas weiter ausholen, sonst versteht mich ja kein Mensch.

Zunächst einmal muss man wissen, dass die Firma durch einen amerikanischen Geldgeber finanziert wird, und zwar sowohl das Büro in München als auch das Büro in San Francisco. Da es eine relativ neue und kleine Firma ist und ganz neue Software entwickelt, ist die Finanzlage nicht so krisensicher wie bei Weltfirmen wie z.B. Siemens oder Microsoft (Michael würde sich bei meinen Beispielen jetzt die Haare raufen, da er nicht gerade ein Fan dieser Unternehmen ist). Im Klartext heißt dies, dass irgendwann auch etwas verkauft werden muss. Leider sind die Amerikaner gerade nicht so interessiert an den Sachen die die Firma entwickelt; dafür aber die Deutschen. So hat der amerikanische Sponsor kurzerhand beschlossen, dass das Büro in San Francisco geschlossen wird und alle seine Hoffnungen auf das Büro in München gesetzt. Die Konsequenz ist, dass zum 15. Mai alle Mitarbeiter in San Francisco entlassen wurden. Für uns hätte das eigentlich bedeutet, dass wir sofort unsere Koffer hätten packen müssen (und ich hatte gerade erst alles richtig ausgepackt und die Bilder an die Wand gehängt), da unsere Aufenthaltsgenehmigung und Michaels Arbeitsgenehmigung ja völlig an die Firma Amerika gekoppelt sind.

Abbildung [2]: Michael setzt dem bösen Blick auf, weil er beim Arbeiten unterbrochen wurde

Ihr fragt euch jetzt sicherlich zurecht, warum wir immer noch hier sind. Keine Angst, ich komme gleich dazu, ich wollte es nur etwas spannend machen. Also, wir haben einfach unendliches Glück gehabt. Michael und sein Kollege Peter sind die einzigen, die auch weiterhin für die Firma Amerika arbeiten. Dies ist deshalb möglich, weil der amerikanische Firmensitz auch weiterhin besteht. Die Firma in Amerika hat jetzt eben nur noch zwei Mitarbeiter und nicht mehr 30. Die Finanzen sind bis Anfang 1998 gesichert, da in Deutschland aber einige Projekte laufen werden, sehr wahrscheinlich sogar länger. Ja, und wer jetzt ganz aufmerksam beim Lesen war, wird sich fragen, wo Michael nun arbeitet, wenn es doch gar kein Büro mehr gibt in San Francisco. Das Büro befindet sich jetzt sozusagen in unserer Wohnung, d.h. Michael arbeitet zu Hause. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, dass in unserem Schlafzimmer ein riesiger Schreibtisch steht mit zwei Computern und zusätzlich noch einem Laptop. Ich hoffe sehr, dass wir uns in unserer kleinen Wohnung nicht ins Gehege kommen, aber solange wir noch hierbleiben können und ich nicht Michaels Sekretärin spielen muss, soll mir alles recht sein.

Michael wird jetzt in Ruhe die Situation abwarten. Alle hoffen natürlich darauf, dass die Firma den großen Durchbruch schafft. Sollte sich die Situation aber weiterhin verschlechtern, wird Michael versuchen, hier in San Francisco etwas Neues zu finden. Das ist allerdings nicht so einfach. Arbeit gibt es zwar genug, aber eine neue Firma müsste für Michael eine neue Arbeitsgenehmigung erwirken, was zwei Monate dauern kann und eine amerikanische Firma ist in der Regel gewohnt, dass der neue Mitarbeiter sofort anfangen kann, wegen der nicht vorhandenen Kündigungsfristen. Es nutzt dabei auch gar nichts, dass Michael hier schon gearbeitet hat. Der Fall würde wieder völlig neu behandelt werden. Es lebe die Bürokratie!!!!

Ich hoffe, dass ihr meinen etwas umständlichen Ausführungen folgen konntet und wem meine Erklärungen einfach zu lang waren, dem schreibe ich schnell noch Michaels Kurzfassung zum Stand der Dinge auf: "Es bleibt alles beim Alten, nur dass ich jetzt sogar von meinem Bett aus arbeiten darf!"

Trotzdem wir im nachhinein betrachtet mehr Glück als Verstand gehabt haben, war die Situation doch ziemlich belastend. Das Problem ist nämlich, dass man hier mit seiner Arbeit gleich alles verliert, d.h. z.B. die Krankenversicherung. Als Ausländer hätte Michael sowieso keine Arbeitslosenunterstützung bekommen, und diese ist auch für Amerikaner mehr als dürftig. Uns wäre wirklich nichts anderes übriggeblieben, als nach Deutschland zurückzukehren und das wollten wir auch nicht, weil wir uns gerade so richtig eingelebt haben. Ein sicheres Zeichen, dass wir zu echten Kaliforniern aufgestiegen sind, ist z.B. dass wir das letzte kleinere Erdbeben der Stärke 3.4 bereits verschlafen haben und nur davon erfuhren, weil meine Freundin Sylvia ganz aufgeregt anrief, ob wir etwas gemerkt hätten und es uns auch gutginge.

Urlaub auf Kauai/Hawaii

Abbildung [3]: Am Strand von Kauai

Nach diesen unsicheren und aufregenden Zeiten sind wir deshalb ersteinmal kurzentschlossen für eine Woche nach Hawaii geflogen. Wir hatten uns für die eine Woche die Insel Kauai ausgesucht, da diese als nicht so touristisch gilt. Und es war wirklich paradiesisch schön: lange weiße Sandstrände, tolles Wetter, ein Ozean mit warmem Wasser und guten Wellen, üppig grüne Vegetation, eine phantastische Landschaft, ein nettes Hotel und freundliche Insulaner. Michael hat sich natürlich im Surfen versucht, ist aber doch an den Wellen gescheitert, was ihn besonders frustriert hat, da die zwölfjährigen Jungs mit Leichtigkeit die Wellen genommen haben. Ich war hingegen froh, dass ich nicht David Hasselhof von Baywatch zum Retten holen musste. Und ich sage euch, dass sah schon manchmal ziemlich gefährlich aus, wenn Michael von den Wellen herumgewirbelt wurde.

Abbildung [4]: Gebirgsformation auf Kauai: Der Waimea Canyon

Abbildung [5]: Nebel zieht auf

Abbildung [6]: Laster einer Zuckerrohrverarbeitungsfabrik

Abbildung [7]: Auch auf Kauai: Stommast mit Landschaft

Abbildung [8]: Teilnehmer des Englischkurses am City-College

My Dream -- by Maria B.

A 15 year-old dating a U.S. citizien in Nicaragua? Oh, yes! How we dream when we are 15! I had a yellow moon, shining stars and red hearts. I had a marriage, a white picket fence, a pink and blue pastel-colored home, some children, all the necessities of life. It didn't matter where -- here in the US or in Nicaragua. I had the perfect, loving, hard-working husband, the perfect, well-cared-for house, the perfect income, the perfect children -- and the perfect me: the wife, mother, housekeeper. Yes, everything! ... A dream ... Well! I got married to that old windbag, had two children. After a lot of trouble, I found out my mother-in-law did not like the idea of what had already happened with her son (a 48 year-old by this time). Well, no step back! He brought us to San Francisco -- two baby girls and me. By this time I was nearly 18. My first address was his mother's house. It was pure hell: a possessive mother who did not have one millimeter of desire to share her son with anyone and the man who enjoyed every bit of this relationship and the situation that brought such disastrous consequences to my children and me, because this man cared more about his egocentrism than the family he had created. My children and I almost drowned in the rage of jealousy and selfishness of these two people. Well, today -- 20 years later -- my children are alive, married, each one with two children. My daughter and I are still dealing with the painful consequences of the past. It seperates us; and, as a result I cannot see my grandchildren. Today my pain has been eased by the death of the mother-in-law and the adulthood of my children and the relief of having done the best I could. Well, as for me, I will grow. Now I have come into a new era of life. I'm taking classes in Introduction to Computers and English as a second language, and I'm finishing my General Education Degree, which I'm about to get.

Den Text kann man ungefähr wie folgt übersetzen:

Mein Traum -- von Maria B.

Eine Fünfzehnjährige, die mit einem Amerikaner in Nicaragua ausgeht? Oh, ja! Was für Träume wir haben, wenn wir 15 sind. Ich hatte (in meinen Träumen) einen gelben Mond, glänzende Sterne und rote Herzen im Sinn. Ich hatte eine Ehe, einen weißen Gartenzaun, ein rosa und bläulich gestrichenes Haus, einige Kinder, alle Notwendigkeiten des Lebens. Es war egal wo -- hier in den Vereinigten Staaten oder in Nicaragua. Ich hatte den perfekten, liebevollen, hart arbeitenden Ehemann, das perfekte, gut gepflegte Haus, die perfekten Kinder und das perfekte Ich: Ehefrau, Mutter, Haushälterin. Ja, alles dies ... Ein Traum! ... Nun, ich heiratete diesen Windhund, bekam zwei Kinder. Nach vielen Schwierigkeiten bekam ich heraus, dass meine Schwiegermutter nicht mochte, was mit ihrem Sohn bisher passiert war (der 48 Jahre alt war zu diesem Zeitpunkt). Nun ja, es gab keinen Schritt zurück. Er brachte uns nach San Francisco- zwei kleine Mädchen und mich. Ich war zu diesem Zeitpunkt fast 18. Meine erste Adresse war das Haus seiner Mutter. Es war die reine Hölle: Eine besitzergreifende Mutter, die nicht den geringsten Wunsch hatte, ihren Sohn mit jemandem zu teilen und einen Mann, der jedes kleine Stück dieser Beziehung genoss und eine Situation, die meinen Kindern und mir verhängnisvolle Folgen einbrachte, weil der Mann sich mehr um seinen Egozentrismus kümmerte als um die Familie, die er geschaffen hatte. Meine Kinder und ich gingen fast unter in dieser Manie von Eifersucht und Selbstsucht zwischen diesen beiden Menschen. Nun, heute -- 20 Jahre später -- sind meine Kinder am Leben, verheiratet, jedes hat zwei eigene Kinder. Meine Tochter und ich kämpfen immer noch mit den schmerzhaften Folgen der Vergangenheit. Es entzweit uns, und das Ergebnis ist, dass ich meine Enkelkinder nicht sehen kann. Heutzutage sind meine Schmerzen gelindert worden durch den Tod meiner Schwiegermutter und das Erwachsenwerden meiner Kinder und die Erleichterung, dass ich das Beste getan habe, was mir möglich war. Nun, was mich betrifft, ich werde wachsen. Ich bin in einem neuen Lebensabschnitt. Ich mache einen Computereinführungskurs und den Englisch-Intensivkurs und ich beende mein G.E.D. (so etwas ähnliches wie ein Hauptschulabschluss bei uns), das ich im Begriff bin zu bekommen.

Hier folgt nun mein Text:

My Dream -- von Angelika Schilli

Thinking about a very special dream of mine, a lot of different things come to my mind; for example, to live in an old Victorian house at the beach, to study medicine, to write a famous book or to be a popular photographer. Although some of these dreams are very unrealistic, it is good to have them, because perhaps some day a dream will come true. You never know. So I like to play with my imagination; for example, if I go to the beach, I'll look for a niece place for my dream house. If I read a book, I'll think about my own book. But most of all, I want to be a photographer. I love to take pictures, so you often see me with a camera wandering around and looking for a good subject. It's the play of the light and the colors that are fascinating to me. In my opinion, a picture tells you a lot about the feelings of the person who took the picture. That means you can express your feelings with a photo. When I came to San Francisco, the first thing I did was to take pictures of my new neighborhood. I've learned a lot with the help of my camera about my new surroundings. For me, San Francisco is a very good place for photography. It's a colorful city with interesting people and dramatic views. So in a way my dream to be a photographer has come true. I'm not a famous one, but I can enjoy my hobby every day, and the pictures I've taken will always be a memory of my time in San Franciso.

Und die Übersetzung lautet:

Mein Traum -- von Angelika Schilli

Wenn ich über einen besonderen Traum von mir nachdenke, kommen mir ganz verschiedene Dinge in den Sinn, zum Beispiel, in einem alten viktorianischen Haus am Strand zu wohnen, Medizin zu studieren, ein berühmtes Buch zu schreiben oder eine populäre Fotografin zu werden. Obwohl einige dieser Träume sehr unrealistisch sind, ist es gut, sie zu haben, weil vielleicht eines Tages ein Traum wahr werden wird. Man weiß ja nie. So spiele ich gern mit meiner Phantasie; wenn ich z.B. an den Strand gehe, schaue ich nach einem netten Platz für mein Traumhaus. Wenn ich ein Buch lese, denke ich an mein eigenes Buch. Aber am meistem möchte ich eine Fotografin sein. Ich liebe es, Fotos zu machen; so sieht man mich oft mit meiner Kamera herumschlendern, um nach einem guten Motiv Ausschau zu halten. Es ist das Spiel des Lichtes und der Farben, das mich fasziniert. Meiner Meinung nach sagt ein Foto viel über die Gefühle der Person aus, die das Foto gemacht hat. Das heißt, dass man seine Gefühle mit Hilfe eines Fotos ausdrücken kann. Als ich nach San Francisco gekommen bin, habe ich als erstes in meinem neuen Stadtteil Fotos gemacht. Ich habe mit Hilfe meiner Kamera viel über meine neue Umgebung gelernt. Für mich ist San Francisco ein sehr guter Ort zum Fotografieren. Es ist eine farbenfrohe Stadt mit interessanten Menschen und dramatischen Ausblicken. So ist in gewisser Weise mein Traum, eine Fotografin zu werden, wahr geworden. Ich bin zwar keine berühmte, aber ich kann mein Hobby jeden Tag genießen und die Fotos, die ich gemacht habe, werden immer eine Erinnerung an meine Zeit in San Francisco sein.

Englisch sprechen und verstehen

Apropos Englisch, viele fragen mich immer wieder, ob mein Englisch schon perfekt ist. Ich würde es so sagen, vieles fällt mir leichter (z.B. das Telefonieren), ich verstehe jetzt auch kompliziertere Sachen und ich muss nicht mehr solange überlegen, wenn ich etwas sagen will. Trotzdem stoße ich auch immer wieder an meine sprachliche Grenzen, vor allen Dingen wenn man sich auf einem höheren Niveau unterhalten will. Auch witzig zu sein ist in einer anderen Sprache ziemlich schwierig. Ich denke aber, dass dies normal ist; schließlich spreche ich Deutsch doch schon etwas länger als Englisch. Was mir schon auffällt, ist, dass mir vieles, was ich in der Schule gelernt habe, wieder einfällt (z.B. Grammatik), auch das Schreiben von kleinen Texten klappt wieder ganz gut, das Sprechen fällt mir immer noch am Schwersten, aber das war schon in der Schule so. Ein großes Problem ist auch, dass ich mich oft nicht traue oder Sachen viel zu kompliziert ausdrücken will. Na ja, ich habe ja noch viel Zeit zum Üben. Ab Montag gehe ich ersteinmal in einen vierwöchigen Englisch-Sommerkurs an meinem City-College und dann ist hier ersteinmal alles zu wegen der Sommerferien. Ab 26. Juni bin ich dann in Deutschland. Ich lande zunächst in München und werde dort bis zum 5. Juli bleiben. Ab 5.7. bin ich dann bis zum 22.7. in Oldenburg. Wer mich also sehen möchte, merke sich diese Termine vor.

So, natürlich sollen auch in diesem Rundbrief die Anmerkungen bezüglich Amerikas Alltäglichkeiten nicht fehlen:

Trinkgeld

Zunächst ist da das Thema "Trinkgeld" zu erwähnen. Geht man in Amerika auf Reisen, sollte man stets ein ganzes Bündel von Ein-Dollarnoten bei sich tragen, da der Kofferträger im Hotel, das Zimmermädchen usw. dafür sorgen werden, dass dieses Bündel möglichst schnell schrumpft. Aber auch sonst ist es eine absolute Todsünde, kein Trinkgeld zu geben. Das liegt daran, dass z.B. die Bedienung oder der Frisör ein so niedriges Grundgehalt haben, dass sie ohne das zusätzliche Trinkgeld nicht überleben können. Ist der Service also gut, was in Amerika in der Regel immer der Fall ist, gibt man mindestens 15% Trinkgeld, ist der Service spitze, auch 20%. Ich sage euch, in Amerika beruft man sich wieder auf das gute, alte Kopfrechnen. In Kalifornien gibt es allerdings einen ganz einfachen Trick, da die Verkaufssteuer (d.h. was bei uns die Mehrwertsteuer ist) 7,5% beträgt, braucht man nur die einzeln ausgewiesene Verkaufssteuer zu verdoppeln und schon hat man seine 15% ausgerechnet. Aber Vorsicht; da die Steuer in jedem Bundesstaat der USA anders ist (z.B. in Hawaii beträgt sie nur 3%), kann man diesen Trick nicht blind anwenden. Die Verkaufssteuer (sales tax) wird übrigens immer erst beim Bezahlen auf den Preis aufgeschlagen, was dazuführt, dass man wegen der meist krummen Beträge nie so schnell ausrechnen kann, was man eigentlich bezahlen muss und somit nie das passende Kleingeld bereit hat, das heißt man läuft mit einer Unmenge an Kleingeld herum, was man eh nicht wieder los wird aus den eben erwähnten Gründen.

Schlussverkauf

Bezüglich des Verkaufens gibt es übrigens noch ein weiteres "Naturgesetz", nämlich dass es andauernd irgendwelche Sonderangebote und so etwas wie bei uns Schlussverkäufe gibt, die dann die lustigsten Namen und Anlässe haben. Das große Kaufhaus Macy's hat z.B. in regelmäßigen Abständen den sogenannten "White Flower Sale". Dabei gibt es nicht etwa, wie der Name vermuten ließe, weiße Blumen im Sonderangebot, sondern alles Mögliche. Ich habe bis jetzt immer noch nicht herausgefunden, ob die Bezeichnung einen tieferen Sinn hat. Überhaupt sind die Amerikaner recht erfinderisch, um Kunden zu fangen oder zu behalten. Kauft man in einem Laden bestimmte Sachen immer wieder ein, bekommt man z.B. so etwas wie Bonuspunkte. So bekomme ich z.B. für jede Glückwunschkarte, die ich in meinem Schreibwarengeschäft kaufe, einen Stempel. Habe ich 25 Stempel gesammelt, erhalte ich bei meinem nächsten Kartenkauf 5 Dollar Rabatt. Am lustigsten finde ich aber die Coupons. Diese befinden sich meist in Prospekten, die der Tageszeitung beiliegen oder man bekommt ganze Couponhefte als Wurfsendung mit der Post. Ein Coupon steht meist für ein bestimmtes Produkt z.B. Zahnpasta von Colgate. Kauft man bei seinem nächsten Einkauf diese Marke und legt den Coupon an der Supermarktkasse vor, erhält man ebenfalls einen Preisnachlass oder man wird animiert, zwei Zahnpastatuben zu kaufen, um dann eine umsonst zu bekommen (auf Englisch liest sich das wie folgt: "Buy two, get one free!"). Es gibt da wirklich die tollsten Varianten.

Anti-Raucher-Kampagnen

Abbildung [9]: Anti-Raucher-Werbung

Ein weiteres unerschöpfliches Thema ist hier nach wie vor das Thema "Rauchen", was sich mittlerweile zum richtigen Krieg zwischen Rauchern und Nichtrauchern entwickelt hat. In öffentlichen Gebäuden wie z.B. Flughäfen darf man schon lange nicht mehr zur Zigarette greifen, ebenso in Büros. Das, denke ich, ist noch vergleichbar mit deutschen Verhältnissen. Aber seit neustem gibt es auch keine Raucherzonen in Restaurants mehr, das heißt überall, wo Essen serviert wird, darf gar nicht mehr geraucht werden. Die Raucher können nur noch auf Bars oder die Straße ausweichen, aber in San Francisco wurden bereits Vorstöße gemacht, dass auch in Bars nicht mehr geraucht werden darf, was dann allerdings doch die Raucher und einige liberalere Nichtraucher hat aufbegehren lassen, so dass man es noch nicht durchsetzen konnte. Einige Politiker diskutieren auch allen Ernstes, dass das Rauchen auf der Straße verboten werden soll. Mittlerweile gibt es auch verschiedene Gegenreklamen zur Zigarettenwerbung, so gibt es z.B. ein Plakat mit den Marlboro- Cowboys, wo der eine dem anderen von seinem Lungenödem erzählt. Raucher sieht man meist nur noch verstohlen in der Ecke stehen. Mich erinnert das oft an Jugendliche, die heimlich rauchen. Obwohl ich selber Nichtraucherin bin und die Luft in den Restaurants sehr genieße, amüsiert mich doch die Verbissenheit, mit der das Thema diskutiert wird. Da werden Schadensersatzklagen gegen Zigarettenhersteller geführt, weil Raucher erkrankt sind. Ich halte das doch etwas für übertrieben, denn schließlich wird ja keiner gezwungen zu rauchen. Überhaupt kann ich nicht nachvollziehen, wie in einem Land, in dem es riesige Proteste gibt, wenn die Waffenfreiheit eingeschränkt werden soll, auf der anderen Seite Raucher fast wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden, die uns den sicheren Tod bringen werden. Schließlich würde ich behaupten, dass hier mehr Menschen Opfer einer Waffe werden als Opfer des passiven Rauchens. Bezüglich der Waffen scheint dann doch wieder die alte Cowboymentalität durchzukommen. Und zum Abschluss dieses Themas noch ein Zitat des Piloten bei unserer Landung in San Francisco nach unserem Trip nach Las Vegas. Er informierte uns, dass in San Francisco nicht geraucht werden darf. Er meinte natürlich nur den Flughafen, obwohl seine Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen hat. So, das waren für heute die Alltagsgeschichten. Bevor ich den Brief beende, möchte ich euch aber noch mit zwei weiteren Dingen unterhalten:

Golf

Zunächst einmal hat Michael das Golfspielen entdeckt. Das liegt natürlich daran, dass Golfspielen hier eher ein Sport für jedermann ist und somit auch nicht astronomische Summen kostet. Auf jeden Fall geht er jetzt jede Woche zum Golfspielen und findet es großartig. Letzte Woche kam er gleich mit lauter Schwielen an den Händen zurück. Nun versucht er, mich auch zum Spielen zu bewegen, aber irgendwie kann ich mich noch nicht so richtig mit diesem Gedanken anfreunden. Ich habe einfach noch nicht verstanden, was so toll daran ist, einen Ball über die grüne Wiese zu schießen, um ihn dann irgendwann in ein Loch zu verfrachten. Ja ja, die höheren Weihen des Golfens!

Die Glide-Memorial-Church

Und zum guten Schluss möchte ich euch noch kurz von unserem Gottesdienstbesuch in der Glide Memorial Church in San Francisco berichten. Die Kirche befindet sich zunächst einmal in einem ziemlich schlechtem Viertel in San Francisco. Das hat uns aber trotzdem nicht davon abgehalten, uns dort eines sonntags hinzubegeben. Und ihr könnt euch echt nicht vorstellen, wie es in dem Gottesdienst abging. Zunächst einmal sang der total peppige Gospelchor, wobei die Gottesdienstbesucher im Takt mitklatschten und tanzten. Die Predigt des schwarzen Pfarrers wurde immer wieder durch enthusiastische Zwischenrufe unterbrochen wie "Amen" oder "Yes, he is right!" und war auch so ziemlich lebendig und modern. Die Gottesdienstbesucher hatten alle möglichen Hautfarben, kamen aus unterschiedlichsten Bildungsschichten und Religionen und jedes Alter war vertreten. Ich bin mir nicht sicher, ob jedem von euch so eine Art "Show" gefallen würde, aber wir haben uns wohlgefühlt. Irgendwie war in dem Gottesdienst das San Francisco vertreten, das Michael und mir besonders gefällt: "Liberal, lebendig, farbenfroh!" Die Gemeinde ist übrigens nicht nur wegen ihrer extravaganten Gottesdienste sondern wegen ihres sozialen Engagements bekannt. Da in dem Viertel, in dem sich die Kirche befindet, die Obdachlosen-, Drogen- und Gewaltproblematik sehr stark präsent ist, gibt die Gemeinde nicht nur drei Mahlzeiten pro Tag an bis zu 3500 Personen aus, sondern hat auch eine Tageseinrichtung für Kinder, Computerkurse, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern, Programme gegen Drogen und Aids, Projekte zur Reduzierung der Gewalt in den Familien usw. Die Gemeinde arbeitet viel mit Freiwilligen (bis zu 5000 pro Jahr) und ich bin stark am überlegen, ob ich mich nicht für den vorschulischen Bereich melde, in dem Kinder aus schwierigen Familien täglich betreut werden. Aber zunächst steht ja ersteinmal mein Deutschlandbesuch an.

So, jetzt habe ich genug berichtet. Wir denken an euch!

Alles Liebe!

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017