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  Rundbrief Nummer 27  
San Francisco, den 17.12.2000
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Abbildung [1]: Weihnachtsgrüße von Angelika und Michael

Weihnachten steht vor der Tür. Zu dieser Jahreszeit geht man ja gerne in sich und denkt auch einmal kritisch über das eine oder andere nach. Ich ergreife die günstige Gelegenheit, in unserem Weihnachtsbrief ein brandheißes Thema anzusprechen -- auch auf die Gefahr hin, dass nicht jeder von euch in Begeisterungsstürme ausbricht. Seht es mir bitte nach, wenn es nicht nur "Friede und Freude" zur Bescherung gibt.

Während hier in Amerika jeder das Dauerthema "Präsidentenwahl" bespricht, geht es bei euch gerade um die "deutsche Leitkultur". Nun bin ich bei diesem Wort schon arg ins Grübeln gekommen. Was ist denn eigentlich damit gemeint? Auch die unzähligen Artikel und Kommentare in der Süddeutschen Zeitung und in der New York Times halfen mir da nicht so richtig weiter. Deshalb drehe ich den Spieß spaßeshalber einmal um. Was wäre, wenn Michael und ich hier in den USA der "amerikanischen Leitkultur" folgen sollten?

Hieße das nun, dass wir von nun an nur noch Englisch zu Hause miteinander sprechen und nur amerikanische Autoren lesen dürften? Wären deutsche Zeitungen und Nachrichten noch okay? Müssten wir Thanksgiving, den hochheiligsten aller amerikanischen Feiertage, ehren, obwohl ich das Nationalgericht "Truthahn" für viel zu trocken halte und beileibe nicht mehr in diesem Feiertag sehe als ein schönes langes Wochenende? Erwartete man von uns, am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag in Amerika, fahnenschwenkend das traditionelle Feuerwerk zu bewundern? Sollten wir zu Beginn von Baseball- oder Footballspielen im Stadion die amerikanische Nationalhymne mitsingen und die Hand dazu aufs Herz legen? Dürften wir noch traditionsgemäß unsere Geschenke am 24.12. abends öffnen oder müssten wir alles auf den 25. morgens verlegen, wie es die Amerikaner tun? Wäre ein Adventskranz noch okay oder müsste der Weihnachtsbaum schon fertig geschmückt und mit elektrischen Kerzen verziert am ersten Adventswochenende -- wie hier Sitte -- im Wohnzimmer stehen?

Ich höre schon euren Aufschrei: Das ist doch lächerlich! Keinen Menschen interessiert, wer wann seinen Weihnachtsbaum aufstellt! Hmm, mag sein. Aber was ist, wenn Moslems in Deutschland darauf bestehen, dass ihr "Ramadan" geehrt wird und nicht wollen, dass ihre Kinder an schulischen Weihnachtsfeiern teilnehmen?

Ihr merkt schon, ich finde die Debatte um die "deutsche Leitkultur" so deplaziert wie nur was. Schon die Wortwahl halte ich für fragwürdig, lässt sich doch in diesen Begriff viel Ungutes hineininterpretieren. Es klingt so, als gäbe es eine überlegene Kultur, der alle zu folgen hätten. Auch die New York Times hatte es schwer, diesen Begriff ins Englische zu übersetzen. Der Artikel ließ teilweise "Leitkultur" stehen oder versuchte "Guiding Culture". Ich finde ja, dass es in den Diskussionen sowieso viel mehr darum gehen sollte, Ansätze für ein konstruktives Miteinander zu finden. Hier ein paar Beispiele zum Nachdenken:

Michael kam neulich nach Hause und erzählte mir, dass sein Kollege, ein Moslem, Freitag morgens keine Meetings anberaumt, weil er dann zum Gottesdienst in die Moschee geht - kein Problem. Auch erfreut sich Michael gerade daran, dass sein anderer Kollege, normalerweise ein As im Tischtennis, wegen des Ramadans streng fastet und so nun immer gegen Michael verliert, weil er sich etwas wackelig auf den Beinen fühlt (dies nur so am Rande zu eurer Erheiterung). Dann gibt es da noch die amerikanische Lösung, dass jeder so genannte "personal holidays" (persönliche Feiertage) bekommt, die er nehmen kann, wann er will. So kann der Chinese sein Neujahrsfest feiern, der Jude "Hanukkah", der Atheist seinen Geburtstag und Michael den zweiten Weihnachtsfeiertag freinehmen. Ostern und Pfingsten gibt es hier dann aber auch gar keinen zusätzlichen freien Tag und an Weihnachten ist nur der 25. frei.

Manchmal denkt der Amerikaner wirklich recht praktisch. Und damit ihr mir jetzt nicht vorwerft, ich wäre total veramerikanisiert und sähe die USA nicht mehr kritisch genug, füge ich schnell hinzu, dass ich umgekehrt die Auffassung der meisten Amerikaner ziemlich befremdlich finde, ihr Land wäre das großartigste aller und jeder könne nur froh sein, hier zu leben. Im Wahlkampf hörte man diesen fast schon naiven Stolz auf das eigene Land aus dem Mund von sowohl George Bush als auch Al Gore wieder und wieder - und beide denken sich nichts dabei. Auch der Spruch "God bless America!" ("Gott schütze Amerika!") ist durchaus wörtlich zu verstehen. Andererseits wird aber den zahlreichen Immigranten durchaus zugestanden, die eigene Kultur auszuleben, solange die Sicherheit Amerikas nicht bedroht ist. So findet man eben Viertel wie North Beach (italienisches Viertel), Japantown oder Chinatown in San Francisco, in denen man nicht nur auf die kulinarischen Genüsse des jeweiligen Landes stößt (einschließlich des japanischen Supermarktes, von dem Michael ja im letzten Rundbrief berichtete), sondern wo auch Raum bleibt, die jeweiligen kulturellen Einzigartigkeiten zu gestalten, was sich dann unter anderem auch am Straßenbild zeigt. Das fasziniert viele Besucher in San Francisco immer. In Chinatown kann man ein wenig in eine andere Welt eintauchen.

Und zum guten Schluss noch eine Anmerkung zum Thema "Zweisprachigkeit". Sie wird meiner Ansicht nach viel zu wenig als Vorteil gesehen und genutzt. Ja, es ist sinnvoll und notwendig, als Ausländer in Deutschland oder anderswo, die Sprache des Landes zu sprechen. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen, hier ohne Englischkentnisse zu leben. Trotzdem ist es wichtig, die Muttersprache weiter zu pflegen, und sie in den eigenen vier Wänden zu sprechen. Zweisprachigkeit ist ein Plus und kein Makel.

So, nun höre ich auch schon wieder auf mit den ernsten Themen. Bleibt mir nur noch, euch allen ein schönes Weihnachtsfest zu wünschen.

Und im Sinne der Zweisprachigkeit: Merry Christmas!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 30-Apr-2018