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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 24  
San Francisco, den 05.09.00
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Rundbrief


Abbildung [1]: Dolores Park, San Francisco: Michael ist so glücklich in seinem "Perlmeister.com" T-Shirt, dass er gedankenverloren auf die Skyline blickt und Angelika heute den Vortritt lässt.

(Angelika) Heute hat Michael mir doch tatsächlich den Vortritt gelassen. Ich mache also den Anfang. Na dann mal los:

Fitness

Wie ihr vielleicht wisst, gilt Kalifornien als absolute Fitnesshochburg. Hier gibt man sich gern gesundheitsbewusst, was nicht nur dazu geführt hat, dass das Rauchen fast überall verboten ist und die Supermarktregale voll sind von "nonfat" (ganz ohne Fett) oder lowfat (mit wenig Fett) Produkten, sondern auch Fitness-Center wie Pilze aus dem Boden schießen. Michael, der sich ja bekanntlich gern als "All Californian Boy" sieht, ist ja schon lange Mitglied in einem Fitness-Center (siehe Rundbrief 11/1999 und liegt mir seitdem in den Ohren, doch auch etwas für meine Gesundheit zu tun. Nach monatelangem Bearbeiten, wobei Michael keine psychologischen Tricks scheute, z.B. erhielt ich zu Weihnachten das Buch mit dem vielsagenden Titel "Fitness for Dummies" und einen Gutschein für eine persönliche Trainerstunde mit Turbotrainer Michael, gab ich schließlich nach und machte mich mit Michael auf zum 24h-Fitness-Center. Wer mich nun schon seit meiner frühesten Jugend kennt und weiß, wie sehr ich Sport (vor allen Dingen jegliche Form von Schulsport) hasse, wird dieses Ereignis gleich rot in seinem Kalender anstreichen. Damit die, die mich noch nicht so lange kennen, eine Vorstellung davon haben, wie sehr ich mit dem Konzept "Sport" auf Kriegsfuß stehe, erzähle ich euch noch schnell eine wahre Geschichte, die sich in einer Zeugniskonferenz der elften Klasse zutrug, an der ich als Klassensprecherin teilnehmen durfte. Als über meine Noten verhandelt wurde (ich wurde merkwürdigerweise nicht vor die Tür geschickt), stutzte man über meine einzige Vier im Zeugnis. Ihr habt richtig geraten, die hatte ich doch tatsächlich in Sport. Was meinen Lehrer, Herrn Pohl, der für seine wenig feinfühligen Kommentare bekannt war, schließlich betitelte er mich doch einmal als "Giftspritze" (aber ich schweife ab), zu der Bemerkung hinriss, dass er froh wäre, dass ich es scheinbar mehr im Kopf als in den Beinen hätte. Dieses und einige andere unschöne Erlebnisse ließen mich schon in recht zartem Alter schwören, weder an den Olympischen Spielen teilzunehmen noch je ein Fitness-Center zu betreten. Aber, man soll nie "nie" sagen, denn seit drei Wochen bin ich Mitglied in einem Fitness-Club und renne also auf Laufbändern, trampele wie wild auf Fahrrädern und steppe was das Zeug hält. Auch persönliche Trainerstunden habe ich, denn schließlich brauche ich als Sportmuffel Anleitung, wie man die Geräte denn richtig bedient, ohne sich zu ruinieren ("Sport ist Mord!"). Der Trainer sorgt also dafür, dass ich weiß, wieviele Muskeln ich habe und wie man diese kräftigt. Ihr braucht jetzt aber keine Angst zu haben und glauben, ich würde bald als Mrs. Schwarzenegger daher kommen. Da müsste ich schon 10 Jahre täglich trainieren und die Gefahr besteht nun wirklich nicht.

Abbildung [2]: Das 24-Hours-Fitness-Studio

Auch heute waren wir schon im Fitness-Center und als ich so auf meinem Laufband lief und in die Weite starrte, fiel mir doch plötzlich ein Buch ein, das ich einmal in der Schule lesen musste (ich scheine in letzter Zeit häufig in Erinnerungen zu schwelgen). Es hieß "Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea" und handelt davon, wie dieser besagte Häuptling Anfang des 20. Jahrhunderts nach Europa kommt und sich über so manche Errungenschaft wundert und auch lustig macht. Ich konnte nun nicht aufhören, daran zu denken, welche Bemerkungen er über ein Fitness-Center gemacht hätte:

Der Papalagi (so betitelt der Häuptling in seinen Reden den Europäer) liebt es, sich in geschlossenen Räumen, in die die Sonne nicht dringen kann, zu verausgaben. Er nutzt dabei allerlei Dinge, die Folterinstrumenten gleichen. Er zwängt sich in diese Maschinen und scheint dabei den Schmerz zu suchen, denn sein Gesicht ist versteinert und von Schweißtropfen übersät. Obwohl der Papalagi ansonsten sehr darauf bedacht ist, von einem Ort zum anderen zu gelangen und dabei nicht seine eigenen Beine und Füße zu benutzen, sondern allerlei Maschinen mit den merkwürdigen Namen Automobil, Flugzeug, Rolltreppe, Fahrstuhl, ist er in den Häusern, in die die Sonne nicht dringen kann, ganz verliebt in die Bänder, die sich bewegen, aber ihn nicht von einem Ort zum anderen bringen. Hierbei scheint es ihm die reinste Freude zu sein, seine Beine und Füße in ständiger Bewegung zu halten, um das Band nicht zu verlassen. Verwunderlich ist auch, dass Musik wie zu Festen aus rechteckigen Kästen aufspielt, aber niemand tanzt, trinkt, isst oder spricht. Kein Papalagi nickt in freundlicher Verbundenheit seinem Nachbarn zu, sondern starrt zu anderen Kästen, aus denen kleinere Papalagis flimmern...

Und da ich gerade schon auf der Fitnesswelle reite, habe ich gleich auch noch mit Yoga angefangen bzw. meine Freundin Anne suchte einen Mitstreiter und da habe ich mich nicht lange bitten lassen. Ihr wisst schon, Yoga ist die uralte indische Technik, bei der man sich in alle möglichen und unmöglichen Körperpositionen begibt, um die Organe zu kräftigen, Muskeln zu dehnen und Körper und Seele zu entspannen. Auch richtiges Atmen ist dabei ganz wichtig. Im Yoga gibt es mittlerweile einen Haufen verschiedener Richtungen und Schulen (ich blicke da selber noch nicht so richtig durch). Das Ganze ist nämlich nicht nur körperliche Betätigung, sondern schon sehr philosophisch und religiös angehaucht. Anne und mir ging es aber nicht so sehr um das Letztere und da der Amerikaner ja bekanntlich sehr praktisch veranlagt ist, gibt es natürlich schon überall Kurse, in denen es mehr um den Fitnessaspekt von Yoga geht. Interessanterweise hat übrigens Madonna (Für die unter euch, die in der Musikszene nicht so bewandert sind: Madonna ist eine amerikanische Popsängerin.) dafür gesorgt, dass es einen wahren Yoga-Boom gibt. Madonna schwört nämlich seit geraumer Zeit auf Yoga und spricht darüber in jedem Interview. Im Internet habe ich gelesen, dass es in Kalifornien mittlerweile mehr Leute geben soll, die aktiv Yoga betreiben als in Indien. Ob es stimmt, weiß ich nicht so genau, aber es würde zum gesundheitsfanatischen Kalifornien passen.

Abbildung [3]: Das Yoga-Zentrum in der Dolores-Strasse

Was ich aber eigentlich erzählen wollte, ist, dass wir letzte Woche nicht in unseren gewohnten Yoga-Kurs gehen konnten. Da nun ganz in unserer Nachbarschaft ein Yoga-Institut ist, das von außen recht einladend ausschaut und zudem noch täglich sogenannte "Drop-In-Classes" (Kurse, an denen man völlig unangemeldet teilnehmen kann) für $8 anbietet, beschlossen Anne und ich, dieses auszuprobieren. Allerdings staunten wir nicht schlecht, als wir den Eingangsbereich des Hauses betraten und von Räucherstäbchen, Fotos von indischen Gurus und Votivkerzen umgeben waren. Als wir dann bei dem Empfangsmädel bezahlt hatten und die dann auch noch sagte, dass unser Kurs im Tempel stattfinden würde, verdrehten wir doch etwas die Augen und waren sehr froh, dass wir zu zweit waren. Mutig stiegen wir aber trotzdem die Treppen zu dem so genannten Tempel hinauf, wieder an unzähligen "Gurubildchen" vorbei. Na ja, das Ganze ging dann im esoterischen Stil weiter. Bevor wir mit unseren Übungen begannen, zündete die Yoga-Lehrerin ersteinmal Kerzen an, um danach das Gurubild anzubeten, das altarmäßig im Raum aufgebaut war. Als wir dann auch noch so etwas wie "Om, Om Shanti Shanti Shanti " singen mussten, und ich nur mühselig einen Lachkrampf unterdrücken konnte, beschloss ich, dass diese Art von Yoga doch nicht so ganz das Richtige für mich ist.

Die Fernsehsendung "Survivor"

Schon öfter haben wir ja von amerikanischen Medienereignissen berichtet. Und dieses Mal ist es wieder so weit. Wie wir in der Süddeutschen Zeitung lesen konnten, erfreut sich in Deutschland die Reality-Show (für die mit der englischen Sprache nicht so vertrauten: Reality = Wirklichkeit) "Big Brother" ja beim jüngeren Publikum erstaunlicher Beliebtheit. In den USA hat "Big Brother " aber überraschenderweise kaum Erfolg, sondern wurde von der Reality-Show "Survivor" (Survivor englisch für Überlebender) vom Fernsehsender CBS in den Schatten gestellt. Worum geht es nun bei "Survivor"? 16 Kandidaten ganz unterschiedlichen Alters, Geschlecht und Persönlichkeit, werden auf einer Insel mit dem wohlklingenden Namen "Pulau Tiga" in der Nähe von Malaysia ausgesetzt. 39 Tage sind für den "Überlebenskampf" angesetzt, ausgestrahlt in 13 Fernsehfolgen. Die Mitspieler werden zunächst in zwei rivalisierende Stämme (Tagi und Pagong Tribe) aufgeteilt und müssen nicht nur den Alltag mit primitivsten Mitteln gestalten (alles von Feuer machen, Fische fangen, Hütten bauen usw.), sondern in verschiedenen Wettbewerben gegeneinander antreten. Das ist dann fast so wie "Spiel ohne Grenzen". Es geht um Wettrudern, Speere werfen, wer am längsten tauchen kann; aber auch Würmer müssen verzehrt werden. Die Mannschaft, die verliert, muss einen aus ihrer Mitte abwählen, der sofort die Insel verlassen muss. Das geschieht am Ende jeder Show in einem feierlichen Tribunal. Nach mehreren Folgen werden die Stämme zusammengelegt. Weiter findet an jedem Ausstrahlungstag ein Wettbewerb statt, nur dass jetzt der Gewinner einen Talisman als Preis erhält, der verhindert, dass er abgewählt werden kann. Der allerletzte "Survivor" erhält als Gewinn eine Million Dollar und wird in der letzten Sendung von den sieben Leuten gewählt, die die Insel zuletzt verlassen mussten.

Abbildung [4]: Das Motto der Survivor-Show: Outwit-Outplay-Outlast (Austricksen-Ausspielen-Durchhalten)

Ihr werdet euch jetzt vielleicht fragen, was denn an der Sendung so besonders ist und dass dies mit Realität ja wohl überhaupt nichts zu tun hat. Ich gebe zu, dass laufende Kameras und Fernsehcrews wohl kaum ein echtes Robinson-Crusoe-Gefühl aufkommen lassen, aber irgendetwas ist an der Show dran. Jeder kennt sie, jeder redet darüber, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass durchschnittlich 24.5 Millionen Zuschauer zugeschaltet waren. Als die letzte Episode von Survivor I ausgestrahlt wurde, gab es überall "Survivor-Parties". Ironischerweise hat übrigens der Kandidat gewonnen, der von Anfang an kalt kalkulierend und strategisch gespielt hat und nicht gerade beliebt war in der Zuschauergunst. Das machte vielleicht auch die Faszination aus. Das Ganze gleicht mehr einem sozialpsychologischen Experiment über menschliches Verhalten in Gruppen. Um zu gewinnen, muss man sich nämlich sowohl mit Einzelnen verbünden als auch versuchen, stärkere Mitspieler gezielt auszuschalten. Man darf sich aber auch nicht zu sehr daneben benehmen und die anderen Teammitglieder verägern, da ja die letzten sieben den Gewinner wählen. Glück kommt auch dazu, denn man kann Immunität erhalten, in dem man die Wettbewerbe gewinnt. Kein Wunder also, dass die amerikanischen Medien voll von psychologischen Analysen waren, warum Richard (so heißt der glückliche Gewinner) gewonnen hat und die anderen nicht usw. Und natürlich kommen auch philosophische Fragen auf wie "Ist nun der Mensch von Grund auf böse oder gut?", "Hängt dies von der Situation, der Umgebung und Erziehung ab oder einer Belohnung, die ausgesetzt wird (1 Million Dollar)?". Na ja, ihr könnt euch sicher bald selber ein Urteil bilden. Die Sendung kommt bestimmt nach Deutschland. Auch Survivor II ist schon in Planung. Dieses Mal wird der Überlebenskampf in Australien stattfinden, wo es ja bekanntlich auch so einiges an lebensgefährlichem Getier gibt.

Handy-Plage

Da Michael euch in seinem Teil erklären wird, wie man in Amerika telefoniert, schreibe ich euch, sozusagen zum Thema passend, noch etwas über die Handy-Plage in Amerika. Aus aktuellem Anlass: Michael hat nämlich von seinem Chef ein Handy als Bonus zur Verfügung gestellt bekommen, weil er ein Software-Problem so elegant gelöst hat. Na ja, natürlich steckt auch dahinter, dass er immer erreichbar sein soll und das ist genau der Grund, warum ich auf Kriegsfuß mit Handys oder besser gesagt mit deren Besitzern stehe, die meinen, es überall benutzen zu müssen. Da ich weiß, dass das Handy sich in Deutschland auch allgemeiner Beliebtheit erfreut und ich keine bösen Zuschriften riskieren will, sei hier gleich angemerkt, dass ich einsehe, dass ein Handy in Notfällen wirklich gute Dienste leisten kann. Aber muss man es denn wirklich überall benutzen? Ich telefoniere ja wirklich gerne und lang, aber ich möchte meine Gespräche dann doch nicht mit der halben Welt teilen. In San Francisco ist das Ganze wirklich zur Plage geworden. Das Beste, was ich bis jetzt erlebt habe, ist, dass eine Frau in einer öffentlichen Toilette stand und fröhlich telefonierte, was mich dazu veranlasst hat, besonders laut und lang meine Hände zu waschen und den Händetrocker besonders lang laufen zu lassen, die machen nämlich schön viel Krach (ich kann ja so gemein sein). Auch das Telefonieren beim Auto fahren ist ein beliebter Sport und hat schon zu vielen Unfällen geführt. Da ich ja viel als Fußgänger unterwegs bin, kann ich ein Lied davon singen, dass Autofahrer fröhlich ins Handy quatschen und mich dabei halb über den Haufen fahren. In Kalifornien wird wegen der Unfälle mittlerweile überlegt, das Telefonieren mit dem Handy beim Auto fahren zu verbieten. Ich finde dabei interessant, dass Kalifornien ja äußerst militant gegen Raucher vorgeht, aber beim Handy traut sich keiner so recht, die Initiative zu ergreifen. Obwohl einige Restaurants in San Francisco mittlerweile mobiltelefonfreie Zonen sind. Meine Einstellung ist einfach: Alles zu seiner Zeit. Ich habe da so meine eigene Theorie, warum Leute Handys in aller Öffentlichkeit so gern benutzen: Damit auch jeder sieht, wie wichtig sie sind und wieviel Leute sie doch kennen.

Und da ich schon gerade bei den Negativentwicklungen der modernen Kommunikationstechnik bin, muss ich hier noch schnell loswerden, dass ich eine Errungenschaft, über die fast jeder amerikanische Haushalt verfügt, auf den Tod nicht ausstehen kann: Das so genannte "Call Waiting" (wörtlich übersetzt: ein Anruf wartet). "Call Waiting" sendet ein Tonsignal, falls jemand anders versucht, anzurufen, während man gerade telefoniert. Während man also mitten in ein Gespräch vertieft ist, ertönt plötzlich bei demjenigen das Signal, der über "Call Waiting" verfügt. Dieser kann dann zum anderen Gespräch springen und man hängt gelangweilt in der Leitung, bis der Teilnehmer wieder bereit ist, mit einem zu sprechen. Obwohl es ja in Deutschland schon vorgekommen ist, dass mich Leute verzweifelt zu erreichen versuchten, und schon die Störungsstelle anriefen, weil immer besetzt war, kommt mir "Call Waiting" nicht ins Haus.

Ausländer

Bevor ich nun an Michael übergebe, möchte ich mich noch für die zahlreichen Zuschriften bezüglich meiner Anfrage zur wachsenden Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalität in Deutschland bedanken. Wir haben eure Meinungen mit Interesse gelesen und diskutiert. Viele von euch wiesen darauf hin, dass es ja nicht nur in Deutschland Rechtsradikalität gäbe, sondern auch in vielen europäischen Ländern und natürlich auch in den USA. Auch wurde mehrfach angemerkt, dass es ja auch Rassismus in den Vereinigten Staaten gibt. Wir haben dies nie abgestritten und finden jegliche Art von Rassismus und Rechtsradikalität -- egal in welchem Land -- erschreckend und äußerst gefährlich. Auf der anderen Seite denke ich, dass Deutschland aufgrund seiner Geschichte eine ganz besondere Verantwortung hat, Fremdenhass und Rechtsradikalität schon im Keim zu ersticken. Der Gedanke "nie wieder" muss in Deutschland für mich einfach vorherrschend sein. Was wirkliche Akzeptanz bedeutet ist mir besonders klar im Umgang mit einigen Juden geworden, die ich hier kennen gelernt habe. Niemand von ihnen lehnte mich ab oder wollte nichts mit mir zu tun haben, nur weil ich Deutsche bin. Dabei hatten viele bitterste Erfahrungen mit dem Nazi-Deutschland gemacht. Eine junge Studentin, mit der ich mich in einer meiner Berkeley-Kurse angefreundet hatte, hatte zum Beispiel ihre Großmutter im Konzentrationslager verloren.

Hm, da wird der Übergang jetzt schwer, aber ich wollte das nur noch loswerden..

(Michael) Na, das kann man wohl sagen. Deswegen auch noch mein Senf dazu: Als Ausländer zu leben, schärft die Sinne für Belange dieser Art. Mir ist es noch kein einziges Mal passiert, dass mich irgendein Dödel blöd angeredet hätte, nur weil ich Ausländer bin. Dem hätte ich auch was erzählt! Im Gegenteil, die Leute hören gespannt zu, wenn ich erzähle, wie's in Deutschland zugeht. Und so möchte ich auch, dass es in Deutschland ist. Baut keinen Scheiß! Macht mir keine Schande! Und nun zu erfreulicherem.

Eieiei, die Zeit vergeht! Ich wollte noch etwas nachtragen zum amerikanischen Unabhängigkeitstag. Der fiel heuer auf einen Dienstag, und deswegen war auch gleich noch der Montag frei -- ein Vier-Tages-Wochenende, wir weinten vor Glück. Mit dem "PERL MAN" fuhren wir rauf bis fast zur Grenze des Bundesstaates Oregon, wo der "Lassen Nationalpark" liegt.

Abbildung [5]: Ein blubberndes Schlammloch im Lassen Volcanic National Park

Abbildung [6]: Der "Perlman" in alpinem Gelände

Ein spezieller Wanderweg, der zu den heißen Quellen des Parks, wurde extra wieder aufgemacht, obwohl (um diese Jahreszeit!) noch ganz schön viel Schnee und Eis den Weg erschwerten. Die meisten Leute hatten nur Turnschuhe oder Sandalen an, und so manchen Wanderer derbatzte es. Einen Franzosen, den's rücklings in den Schlamm setzte und der fürderhin mit brauner Hose herumlaufen musste, habe ich elegant aus der Hüfte fotografiert.

Abbildung [7]: Angelika auf einem Schneefeld auf dem Weg zu den heißen Quellen

Abbildung [8]: Haha, den französischen Sandalentouristen hat's in den Schlamm gesetzt!

Die brodelnden Wasserlöcher in dem Nationalpark entstehen den Hinweisschildern gemäß dadurch, dass Wasser in 2500 Metern Höhe schon bei 90 Grad kocht und der Dampf, der durch vulkanische Aktivität im Erdinnern unter hohem Druck entsteht, sogar noch heißer ist. Kommt der Dampf mit dem Wasser in Berührung, kocht dieses sofort und es blubbert. Die Physiker unter den Rundbrieflesern erstummen unter der Kraft dieses wissenschaftlichen Beweises! Bald werde ich dergleichen im Magazin der Süddeutschen Zeitung in der Rubrik "Kinder fragen, Nobelpreisträger antworten" langatmig ausführen. Ha! Die Warnschilder rund um die Quellen rieten übrigens davon ab, direkt in die Quellen zu fassen, denn schon mancher hat böse Verbrennungen davon getragen. Einer soll sogar mal sein Bein in ein brodelndes Wasserloch gehalten haben! Davon blieb allerdings laut Reiseführer nicht allzu viel übrig. Das Wasser der Bäche, die sich dann den Berg hinunterstürzen, hat allerdings eine angenehme Temperatur, etwa wie in der Badewanne daheim. Ringsum lag noch Schnee, das Wasser dampfte nicht schlecht.

Abbildung [9]: Es raucht und zischt an den brodelnden Wasserlöchern

Abbildung [10]: Warnung vor den heißen Quellen

Außerdem riecht es ziemlich stark nach Schwefel dort, oder, besser gesagt, Schwefeldioxid. Der erste Eindruck, den man bekommt -- und den ich natürlich nicht müde wurde zu erwähnen -- ist, dass hier jemand nach dem Genuss von reichlich Eiern, Ziebeln und Bier einige, ähm, Ausdünstungen von sich gab. Was haben wir gelacht!

Und auch noch auf einen erloschenen Vulkan latschten wir hinauf. Nach dem halbstündigen Aufstieg gingen wir oben rund um den Kraterrand herum. Um den geneigten Rundbrieflesern auch noch Einblick in die hinterletzten Winkel der Welt zu geben, stieg der rasende Rundbriefreporter sogar noch in den Krater hinunter, bis zum Mittelpunkt. Dort legte er sich hin und streckte für ein Foto alle Viere von sich. Doch, oh weh, ein Missverständnis ereignete sich! Ich dachte, Angelika, die oben am Kraterrand geblieben war, hätte das Foto schon gemacht, aber sie war mit der wuchtigen Profikamera noch schwer am Werkeln, während ich schon wieder hochstieg. Oben angekommen, reichte meine Kraft nicht mehr, um nochmal hinabzusteigen. Jetzt sieht man auf dem Foto (siehe Pfeil!) nur eine klitzekleine gehende Gestalt am Kratergrund. Ich tobte!

Abbildung [11]: Aufstieg auf den Vulkan

Abbildung [12]: Vom Rand des Kraters ins Hinterland geblickt

Abbildung [13]: Ein Rundbrieferzähler ist todesmutig in den Krater hinabgestiegen

Auf dem Berg sieht es aus wie auf dem Mond, völlig irreal. Bei jedem Schritt sinkt man ein wenig in dem feinkörnigen braunen Kies ein, der auf der Oberfläche des Berges liegt. Übrigens sind Vulkane in den USA keineswegs erloschen, vor 10 Jahren brach der St. Helena in Oregon aus und legte quadratkilometerweise Wald in Schutt und Asche. Da waren wir vor sechs Jahren einmal, dort sieht's aus wie bei Hempels unterm Sofa. Doch zurück in die Zivilisation!

Tipps zum Telefonieren

In unserer Serie "Amerika für Touristen" nehmen wir heute durch, wie man hierzulande telefoniert. Zuerst einmal: Wie telefoniert man ins Land rein? Man hat eine amerikanische Telfonnummer, die wie (415) 642-4321 aussieht. Die Ziffern in Klammern sind der sogenannte Area-Code, die Vorwahl. Die letzten sieben Ziffern bezeichnen die Rufnummer. Der Bindestrich dient vor allem der optischen Unterteilung, manchmal kann man aus den drei Ziffern vor dem Bindestrich auch auf das Stadtviertel schließen.

Übrigens sind sieben Ziffern laut wissenschaftlichen Untersuchungen ("Amerikanische Forscher haben herausgefunden" schreibt die Bildzeitung immer) das Maximum dessen, was das menschliche Kurzzeitgedächtnis noch aufnehmen kann -- ideal, um die Nummer zu hören und gleich darauf hinzuschreiben. Nach der Telefonnummer gefragt sagt man die Zahlen schnell herunter, mit einer kurzen Pause anstelle des Bindestrichs.

Jede amerikanische Telefonnummer sieht so aus. Egal, ob der Teilnehmer auf Hawaii wohnt, in New York City oder irgendwo in den Bergen. Den Superschlauen unter euch, die nun entgegnen, dass so in großen Städten eventuell die Nummern ausgehen, entgegne ich entschlossen: Dann gibt es dort halt zwei oder mehr Area Codes, wie das zum Beispiel in New York City der Fall ist, wo 212 und 646 üblich sind.

Wir waren bei der Telefonnummer (415) 642-4321. Von Deutschland aus wählt man dann 001-415-642-4321, da die internationale Vorwahl für Amerika 001 ist. Hält man sich in derselben Stadt wie der anzurufende Teilnehmer auf, kann man den Area-Code weglassen und nur 642-4321 wählen. Aber Vorsicht: Das funktioniert in manchen ländlichen Gegenden nicht, wo ein Area-Code sich oft über weite Flächen erstreckt.

Was wählt man, wenn man sich zwar in den USA, aber nicht in der angegebenen Stadt aufhält? Richtig, man wählt den Area-Code mit. Aber, aufgepasst: Ihr müsst eine 1 voranstellen. Sowohl von der Telefonzelle als auch von privaten Telefonen aus muss dem Area-Code eine 1 vorangehen, sonst funktioniert's nicht. 1-415-642-4321 lautet die Nummer in diesem Fall. Eigentlich bekloppt, aber das ist so. Nur die neueren Mobiltelefone können's ohne die 1. 'Handy' ist übrigens ein deutsches Wort, das hier keiner mit Telefonen in Verbindung bringt, hier heißt das Wort schlicht und einfach 'praktisch'. Mobiltelefone heißen in den USA 'Cell Phones'.

Das Pendant zu den gebührenfreien 0130-Nummern in Deutschland sind hier die sogenannten 1-800-Nummern. Es handelt sich um Nummern mit dem Area-Code (800), denen, wie oben erläutert, immer eine 1 vorangehen muss. Neuerdings gibt's auch 1-877 und 1-888-Nummern, auch sie sind kostenfrei. Das Pendant zur deutschen 0190-Nummer ist in Amerika übrigens 1-900, da wird kräftig abgezockt. Übrigens funktionieren die 1-800-Nummern nicht vom Ausland aus. Gibt es keine zusätzliche "normale" Nummer, bleibt nur, eine der amerikanischen Telefongesellschaften (zum Beispiel AT&T) anzurufen und mit Kreditkarte zu zahlen.

Eine typische amerikanische Erfindung sind die Telefon-Buchstaben. Wie in Abbildung 13 dargestellt, sind jeder Zifferntaste auf amerikanischen Telefonen drei Buchstaben des Alphabets zugeordnet, nur die Tasten 1 und 0 bleiben frei. Sinn der Übung: So können sich Firmen Nummern aussuchen, die sinnvolle Wörter ergeben, die man sich leichter merken kann. Tönte die Radio-Werbung zum Beispiel "Melden Sie sich noch heute für einen Tandem-Fallschirmsprung an! Wählen Sie 1-800-759-3483!" könnte sich wohl niemand die Nummer merken. Statt dessen heißt es "1-800-SKYDIVE", das behält selbst der Dümmste.

Abbildung [14]: Den Zifferntasten 2 bis 9 sind jeweils drei Buchstaben des Alphabets zugeordnet: 2-ABC, 3-DEF, 4-GHI, 5-JKL, 6-MNO, 7-PRS, 8-TUV, 9-WXY. Q und Z gibt's nicht.

Was macht man als Tourist im Land? Man kann vom Hotel aus anrufen, aber die nehmen's von den Lebendigen. Meistens verlangen sie nicht nur eine Vermittlungsgebühr, bevor das Gespräch überhaupt anfängt, sondern auch die Gebühren sind viel höher verglichen mit dem, was man mit einem privaten Telefon zahlen würde. Besonders die luxuriösen Hotels verlangen manchmal Mondpreise, bei denen einem die Klappe herunterfällt.

Die andere Alternative, von Telefonzellen aus mit Kleingeld zu telefonieren, ist allenfalls bei Ortsgesprächen anzuraten, die meist 35 Cents kosten (obwohl Ortsgespräche in den USA, wenn man ein eigenes Telefon hat, kostenlos sind!). Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Amerikaurlaub: Als ich auf diese Weise nach Deutschland telefonieren wollte, schaltete sich eine Telefondame ein und machte mich freundlich darauf aufmerksam, dass ich für die ersten drei Minuten irgendwas um die sechs Dollar achtzig in Münzen einwerfen müsse. Das muss man sich einmal vorstellen: Die größten gebräuchlichen Münzen hierzulande sind die Vierteldollars, von denen man also 28 Stück mit sich herumtragen soll! Entrüstet legte ich auf. Am Rande sei bemerkt, dass dies damals dazu führte, dass ich 13 Wochen lang nicht zu Hause anrief, was später tumultartige Zustände auslösen sollte, aber ich schweife ab.

Nutzt man eine öffentliche Telefonzelle und will ein Ortsgespräch führen, hebt man den Hörer ab, wirft dann 35 Cents hinein (die Telefone nehmen Fünferl, Zehnerl und Fünfundzwanzigerl) und wählt die siebenstellige Nummer -- fertig. Ist's andererseits ein Ferngespräch, wählt man, nachdem man den Hörer abgehoben hat, gleich die 1, die Vorwahl und die Nummer. Dann schaltet sich eine Automatenstimme ein, die etwas wie "Please deposit 80 Cents" sagt. Wirft man den geforderten Betrag ein, wird durchgestellt. Manchmal muss man übrigens selbst dann die Vorwahl mitwählen (und den Ferngesprächstarif zahlen!), wenn man sich im gleichen Vorwahlbezirk aufhält. Das kriegt man schnell raus, indem man's zuerst als Ortsgespräch versucht, dann kommt schon eine Automatenstimme, die einem erklärt, wie's richtig geht.

Abbildung [15]: Eine typische Telefonzelle am Straßenrand

Übrigens gibt's hier in Amerika immer einen "Operator", eine Telefondame, falls man nicht weiter weiß. Wählt man nur eine 0, meldet sich eine Dame der örtlichen Telefongesellschaft, die freundliche Ratschläge gibt oder Verbindungen herstellt.

In öffentlichen Telefonzellen können sich auch die tollsten Dinge ereignen: Christian Huber und ich erlebten einmal in einem Fernsprecher im Flughafen, dass kurze Zeit nach einem Gespräch -- der Hörer lag schon einige Zeit wieder auf der Gabel und wir hatten uns auf eine Bank gesetzt -- plötzlich das Telefon zu schellen begann. Wir lachten, aber als es nach dem zehnten Mal immer noch nicht aufhörte, gingen wir neugierig ran. Es war die Telefondame, die uns darauf aufmerksam machte, dass für das letzte Gespräch noch einige Cents zu entrichten seien -- die wir dann ganz geschockt auch gleich einwarfen.

Aber, wie gesagt, von der Telefoniererei mit Bargeld vom öffentlichen Fernsprecher aus rate ich ab. Besser ist es, sich im Supermarkt oder Tante-Emma-Laden eine so genannte Pre-Paid-Calling-Card (zum Beispiel von MCI) zu kaufen. Da legt man um die zwanzig Dollar hin und bekommt heutzutage dafür Telefoneinheiten, die etwa 200 Minuten nach Deutschland reichen -- unschlagbar billig. Man nimmt die Karte zur nächsten Telefonzelle, hebt den Hörer ab und tippt, ohne Geld einzuwerfen, die 1-800-Nummer ein. Dann fragt die freundliche Stimme nach dem Kartencode, den man auch noch eintippt, und schon kann man telefonieren. Wie gesagt, man braucht also kein "Kartentelefon", sowas gibt's in Amerika gar nicht. So schlägt man auch den Hotel-Telefon-Neppern ein Schnippchen, denn die 1-800-Nummer kostet auch dort meist nichts. In Ausnahmefällen wird doch die Vermittlungsgebühr fällig, also aufmerksam die im Hotelzimmer herumliegenden Broschüren studieren, sonst kann's zu bösen Überraschungen kommen, besonders in den teuren Geschäftshotels (z.B. Hyatt). Und meist muss man vom Hotelzimmer aus eine Zahl (z.B. 9) wählen, bevor man überhaupt rauswählen kann.

Um von den USA nach Deutschland zu telefonieren, müsst ihr übrigens nach der internationalen Vorwahl 01149 die "0" bei der Ortsvorwahl weglassen. Wenn ihr also die Münchener Telefonnummer 089/523540 wollt, wählt ihr einfach 01149-89-523540, egal ob vom Fernsprecher oder von einem privaten Anschluss aus.

Für Hilfe bei einem Notfall ruft man übrigens die Nummer 911 an, die etwa der deutschen 110-Nummer entspricht. Für 911 braucht's auch kein Geld und man kann Verkehrsunfälle, Brände und Überfälle melden.

Hat man weder Geld noch Calling-Card einstecken, muss aber unbedingt jemanden anrufen, kann man "Collect" anrufen -- das heißt der Empfänger zahlt die Kosten. Das funktioniert nur innerhalb der USA und geht so: An der Telefonzelle wählt man 1-800-COLLECT (oder 1-800-CALLATT, steht für "Call AT&T", die Telefongesellschaft) und die Automatenstimme wird dazu auffordern, die gewünschte Rufnummer einzugeben. Außerdem kann man einen kurzen Text auf Band aufnehmen, der dem Empfänger vorgespielt wird (z.B. "Hey, ich bin's, der Michael, lass mich nicht hängen!!"), damit dieser entscheiden kann, ob er das Gespräch annehmen und für die Kosten aufkommen will. Sagt der schließlich "ja", kommt das Gespräch zustande.

Abbildung [16]: 0.35 Cents für ein Ortsgespräch

Kommt man einmal nicht weiter, kann man immer den "Operator" anrufen, indem man einfach die 0 wählt. Kosten tut das nichts, auch von der Telefonzelle aus nicht. Bietet der Operator aber an, die Nummer gleich zu wählen, sollte man dies ablehnen, weil das dann tatsächlich einen Aufpreis kostet.

Telefonzellen haben übrigens meistens eine eigene Nummer, die auf dem Apparat steht. So kann man jemanden mit wenig Geld kurz anrufen, die Nummer durchgeben und um einen Rückruf bitten. Die Telefonauskunft erreicht man mit 411 für Rufnummern im lokalen Bereich. Für andere Area-Codes ist es 1 + Areacode + 522-1212, aber Vorsicht, das kann kosten.

Verfügt man über einen privaten Telefonanschluss, unterscheidet man zwischen dem lokalen Anbieter und dem für die Ferngespräche. In unserer Gegend heißt die lokale Telefongesellschaft Pacific Bell. Der zahlt man etwa 19 Dollar im Monat als Grundgebühr, die alle lokalen Telefongespräche enthält. Telefonieren wir also innerhalb der Stadt oder wählen uns über ein Modem im Internet ein, kostet das nichts. Nada. Njet. Nischt. Das führt natürlich dazu, dass man hier eine andere Einstellung zum Internet bekommt -- man ist den ganzen Tag online.

Für Ferngespräche wählt man zwischen einer Reihe von Anbietern, so genannten Long-Distance-Providern aus. Die offiziellen sind AT&T, MCI und Sprint. Meldet man ein Telefon an, muss man sich für einen dieser drei entscheiden. Diese Firmen machen sich Konkurrenz, wie man es sich kaum vorstellen kann. Weil wir bei AT&T sind, erhalten wir öfter mal Anrufe von MCI, die uns immer wieder ködern, doch zu ihnen zu wechseln. In Amerika ist es ja erlaubt, dass Firmen private Telefonnummern anrufen, um Sachen zu verkaufen. Das erfolgt meist abends, so gegen 8, wenn die meisten Leute zu Hause sind. Da hört man dann Sachen wie: "Wissen Sie, dass wir ihnen ein viel besseres Angebot als AT&T machen können? Bei uns kostet's nur 17 Cent in der Minute, nach Deutschland zu telefonieren!". Umgekehrt schickt AT&T Briefe an Kunden der anderen Telefongesellschaften und bietet $100 in bar an, falls man zu AT&T wechselt.

Aber Vorsicht: Falls man nicht wie ein Fuchs auf die Gebühren achtet, hauen einen diese Firmen gerne über's Ohr. Den regulären Tarif zu zahlen, gilt als anfängerhaft. Man muss mit der Telefongesellschaft immer einen Spezialtarif aushandeln. Eine Minute nach Deutschland zu telefonieren, kostet bei AT&T standardmäßig etwa einen Dollar -- ein Mondpreis. Wir haben einen Spezialdeal ausgehandelt, bei dem wir $3.95 im Monat zusätzlich an Festgebühr zahlen aber nur 17 Cents pro Minute nach Deutschland, und 9 Cents am Sonntag! Nicht zu reden von den Vergünstigungen bei Vollmond und Ebbe im Ozean.

Das hiesige Magazin "Money" (vergleichbar etwa mit den deutschen Zeitschriften "Capital" oder auch "Der Geizhals") hat neulich testweise drei Personen, die Telefonrechnungen von $25, $50 und $70 im Monat hatten, bei ihren Telefongesellschaften anrufen lassen. Sie sollten kein konkretes Angebot nennen, sondern einfach nur fragen, ob's denn nicht etwas billiger ginge. Prompt wurden den Leuten Pläne angeboten, die ihre Telefonrechnungen auf $9, $15 und $32 im Monat reduzierten. Alles Verhandlungssache.

Die Telefonrechnung schlüsselt dann immer genau auf, wieviel man denn durch all die Spezialdeals gespart hat (man kann in X verschiedenen Sparprogrammen zur gleichen Zeit sein, wir sind, glaube ich gerade in zweien eingeschrieben). Bei uns heißt es dann: Ihre Rechnung lautet auf $44.16. Sie haben $457.63 gespart. Kein Scherz, in Abbildung 15 seht ihr eine Kopie der Rechnung! Das waren natürlich Sternstunden der Verhandlungstechnik -- probiert das nicht zu Hause, Kinder, wir sind trainierte Profis!

Abbildung [17]: Ein Ausschnitt aus unserer Telefonrechnung: 457 Dollar gespart!

Übrigens wird in amerikanischen Telefonrechnungen minutiös aufgeschlüsselt, wann man welche Nummer angerufen hat, wie lange das Gespräch gedauert hat und wieviel es deswegen kostet. Die Rechnung ist üblicherweise vier bis sechs Seiten lang, hat dutzende von undurchsichtigen Steuern und Gebühren drauf und man braucht mindestens Abitur, wenn nicht sogar einen Doktor in Betriebswirtschaft, um durchzublicken. Zum Beispiel kostet ein Erstanschluss im Monat etwa 19 Dollar. Exakt elf (11) verschiedene Posten sind aufgeschlüsselt: Der größte Anteil ist "Residence Flat Rate Service", die Grundgebühr, die als Festpreis alle lokalen Gespräche schon enthält. Dann kommen Dinge, die ich, ehrlich gesagt, nicht ganz verstehe, da ich kein diplomierter Betriebswirt bin. Vielleicht kann mir ja der ein oder andere entsprechend ausgebildete Rundbriefleser weiterhelfen: Von "Number Portability Svc Charge" ($0.34), über "CA High Cost Fund Surcharge" ($0.27) bis "State Regulatory Fee" ($0.01) geht es da, ich hefte das Ganze jeden Monat unter "Klarer Nepp, aber das knöpfe ich euch anderswo wieder ab" ab.

Kalifornische Weintipps

So, nun zu einer neuen Rubrik im Rundbrief: Jedes Mal werden wir zwei Weine aus einem kalifornischen Weinbaugebiet untersuchen. Wir fahren ja seit je her gern am Wochenende ins Napa oder auch ins Sonoma Valley und probieren uns dort durch die reichlich angebotenen Weine. Da ich kein professioneller Weintester bin, kann es natürlich sein, dass meine Empfehlungen nicht den gestrengen Richtlinien der Profis folgen. Paula Bosch, die immer die Weinempfehlung im Magazin der Süddeutschen Zeitung schreibt, würde ob meiner amateurhaften Ausführungen sicher empört aufschreien, aber, hey, jeder fängt mal an! Außerdem sei vorab darauf hingewiesen, dass das Ganze eine sehr, sehr subjektive Angelegenheit ist -- aber vielleicht gerade deshalb ganz reizvoll. Objektiv war ich schließlich noch nie!

Abbildung [18]: Der Sonoma Creek Cabernet Sauvignon, 1998

Ein Wein, den ich beim "Costco", unserem Mega-Supermarkt, entdeckt habe, halte ich für ein besonderes Schnäppchen: der "Sonoma Creek" Cabernet Sauvignon von 1998. Wer noch nie einen kalifornischen Rotwein probiert hat, wird sich wundern, wie wuchtig und ausgebaut hier die meisten Roten daherkommen. Den "Sonoma Creek" würde ich so in der Kategorie mittelwuchtig einordnen, leichtes aber sehr, sehr angenehmes Tannin. In der "Nase" findet sich höchst angenehmes frisches Eichenholz, stundenlang möchte man seinen Zinken ins Glas halten! Der Geschmack bietet eine Fülle von Früchten, angefangen von den Cabernet-typischen dunklen Kirschen, bis zu Brombeeren, das alles bei knackiger Säure! Angenehmer und langer-langer Nachgeschmack! Ein außergewöhnlicher Fang für nur 10 Dollar. 9 von 10 Punkten, ohne Schmarr'n.

Abbildung [19]: Der Woodbridge Cabernet Sauvignon, 1997

Ach, ich vergaß zu erwähnen, der zweite Wein, der hier immer vorgestellt wird, ist, damit's lustig wird, ein Sauerampfer. Heute: Der "Woodbridge" Cabernet Sauvignon von 1997. Die Marke "Woodbridge" ist ja eine der bekannteren, den Wein gibt's fast überall zu kaufen. Das ist die Billig-Marke von Robert Mondavi. Im Wine-Spectator bekam die Sorte "Zinfandel" (roter Zinfandel, nicht zu verwechseln mit der rosafarbenen Plörre, die viele Amerikaner gerne trinken) von "Woodbridge" neulich mal eine hohe Punktzahl, und, weil ich vergessen hatte, welche Rebenart, kaufte ich die 1.5-Liter-Flasche "Cabernet Sauvignon" für ungefähr 13 Dollar. Was für ein Fehlgriff! Der Wein schmeckt ein wenig nach einem drei Tage nicht geleerten Mülleimer, in dem Apfelschalen vor sich hinrotten und hat einen seltsamen, leicht bitteren Nachgeschmack. Allein vom Geruch kriege ich Kopfweh! 2 von 10 Punkten. In der Wüste würde ich ihn wohl trinken, aber hier, wo man Auswahl hat, nicht. Die Flasche ist noch dreiviertel voll, wer will, kann uns in San Francisco besuchen und sie austrinken, ich bin fertig damit.

Erdbeben

Abbildung [20]: Ein Erdbeben der Stärke 5.2

Übrigens hatten wir neulich ein Erdbeben der Stärke 5.2! Am Samstag, den 3.9. kamen wir spät heim, weil unsere Freundin Anne ihren Schlüssel eingeschlossen hatte und wir deshalb einige Zeit in der Bar des Fairmont-Hotels ausharren mussten. Ich las noch im Bett, Angelika schlief schon. Plötzlich fing die Wohnung an zu vibrieren, und es dauerte und dauerte, sicher insgesamt 10 Sekunden lang. Es ging nichts zu Bruch, das Epizentrum war in Yountville im Napa, wo wir öfter zu Weinproben hinfahren. Ich las zunächst ruhig in meinem Buch weiter ( Go West, Ostdeutsche in Amerika, Andreas Lehmann) und als Angelika aufwachte, dachte sie zunächst, ich würde mir mal wieder einen Spaß erlauben. Aber es war ganz echt. Nachdem es aufgehört hatte zu wackeln, sprangen wir gleich aus dem Bett und ins Internet, wo nicht nur die aktuelle Erdbebenkarte Lage und Stärke des Bebens aufzeigte (siehe Abbildung), sondern auch zwei Arbeitskollegen von mir herumlungerten, von denen einer direkt neben dem Epizentrum wohnte. Wir chatteten ein wenig, es war wohl alles nicht so schlimm, er sagte, die Geräusche seien tatsächlich schlimmer gewesen als die Vibrationen. Am nächsten Tag im Fernseh zeigten sie dann, dass es wohl doch einige Schäden angerichtet hatte, viele Supermärkte mit umgekippten Regalen wurden gezeigt, sogar mit Live-Aufnahmen von den Überwachungskameras. Und wohl auch ein paar Verletzte gab's. Einer wurde im Rollstuhl vorgefahren, hatte aber nur einen gigantischen Verband um den großen Zeh, weil er barfuß in die Scherben seines zersplitterten Aquariums getreten war!

Mit dieser lustigen Geschichte wollen wir's gut sein lassen für heute. Seid alle herzlich gegrüßt und schaltet wieder ein -- wenn es wieder heißt: It's Rundbrief-Time!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-May-2017