Mike Schilli Angelika Schilli
Zwei Deutsche in San Francisco
und ihre Sicht der Welt.

  Rundbrief Nummer 23  
San Francisco, den 01.08.00

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Mietbedingungen in San Francisco

Michael hat sich ja die Mühe gemacht und euch mit einem Warenkorb beglückt. Vielleicht habt ihr dabei im ersten Moment gedacht, bei dem Preis von $2000 für eine Zweizimmerwohnung in unserem Viertel handelt es sich um einen Druckfehler. Schön wär's! Nein, die schwindelerregend hohen Mieten sind leider bittere Realität in San Francisco.

Viele von euch wissen ja, dass wir für unsere Zweizimmerwohnung "nur" $1100 zahlen. Das liegt einzig und allein an der Tatsache, dass es in San Francisco so etwas Soziales wie eine Mietpreisbindung, "Rent Control" genannt, gibt -- was übrigens total unüblich ist im kapitalistischen Amerika. In der Regel bestimmt hier knallhart der Markt: Ist die Nachfrage groß, sind die Preise entsprechend hoch. "Rent Control" in San Francisco bedeutet nun schlicht und einfach, dass die Miete pro Jahr nur um einen gewissen Prozentsatz erhöht werden darf. Dieser Prozentsatz wird von der Behörde namens "San Francisco Rent Board" jedes Jahr neu festgelegt. Für das Jahr 2000 kann der Vermieter demnach die Miete um 2.9% erhöhen.

Allerdings gibt es einen entscheidenen Haken bei der Sache: Die Mietpreisbindung gilt nur für Gebäude, die vor Juni 1979 (unser Gebäude ist Gott sei Dank schon älteren Datums) gebaut wurden und allgemein nur für Wohnungen, die nicht kommerziell genutzt werden. Das heißt, dass unser Zeitungsladen um die Ecke nicht auf "Rent Control" hoffen kann. Auch darf der Vermieter Erhöhungen kumulieren lassen, d.h erhöht er die Miete in einem Jahr nicht, kann er im folgenden Jahr nicht nur um den in diesem Jahr gültigen Prozentsatz erhöhen, sondern den Prozentsatz des letzten Jahres dazu addieren. Zu katastrophalen Auswüchsen hat in San Francisco allerdings die Tatsache geführt, dass der Vermieter so viel verlangen kann, wie er will, wenn ein Mieter aus der Wohnung auszieht. Da der Wohnungsmarkt sich in den letzten Jahren in San Francisco so dramatisch verändert hat, passieren solche Sachen, dass beim Auszug eines Mieters, der lange in der gleichen Wohnung gelebt hat, Mieterhöhungen von 200%-300% oder mehr ganz normal sind. Unsere Nachbarin wohnt z.B. in einer Wohnung, die genau gleich groß wie unsere ist. Sie zahlt $400, wir zahlen schon $1100 und der Nächste, der einzieht, würde für die Wohnung mindestens $2000 hinblättern müssen.

Diese Wohnungspolitik führt natürlich dazu, dass Vermieter daran interessiert sind, dass Langzeitmieter mit niedrigerer Miete möglichst ausziehen. In San Francisco häufen sich demnach die Berichte, dass Vermieter Wohnungen total verkommen lassen, um so die Mieter zum Ausziehen zu zwingen, was übrigens in den Achtzigern in New York auch sehr beliebt war. In New York kennt man "Rent Control" ebenfalls -- aber das nur so am Rande. Auch kenne ich mittlerweile ziemlich viele Leute, die aus ihren Wohnungen mussten, weil die Häuser, in denen sie wohnten, verkauft wurden und der neue Besitzer Eigenbedarf anmeldete. Dies trifft vor allen Dingen Mieter, die in für San Francisco sehr typischen Zweifamilienhäusern wohnen. Traurig ist, dass viele gezwungen sind, aus San Francisco wegzuziehen. Bei Läden und Restaurants hat dies zur Folge, dass immer mehr Ketten in San Franciscos typische Viertel eindringen, da nur sie die hohen Mieten noch zahlen können. Das Klima in der Stadt hat sich mittlerweile deutlich verändert. Touristen wird das sicher nicht so auffallen, aber San Francisco hat ein paar hässliche Narben bekommen.

Versteht mich jetzt nicht falsch, wir finden immer noch, dass es eine der schönste Städte der Welt ist, aber gerade weil wir die Stadt so lieben, schmerzt es schon sehr, zu sehen, was sich momentan tut. Verantwortlich für die ganze Misere ist paradoxer Weise übrigens die boomende Internetindustrie, die ja eigentlich Wohlstand und Steuereinnahmen verspricht, die einer Stadt zugute kommen sollten. Problem ist eben nur, dass der Wohnraum begrenzt ist und sich immer mehr Firmen in San Francisco und im Silicon Valley ansiedeln wollen. Und Firmeneröffnungen bedeuten eben auch Mitarbeiter, die eine Wohnung brauchen. Nun sind die meisten Internetfirmen durchaus finanzstark, so dass sie ihren Mitarbeitern gute Gehälter bieten, mit denen diese wiederum absurd hohe Mieten zahlen können, um einen Teil des viel zu knappen Wohnraums zu ergattern.

Die Firmen wiederum siedeln sich mittlerweile in Vierteln an, in denen Künstler ihre Nische gefunden hatten. Meist sind das unattraktive Wohnviertel mit alten Fabrikgebäuden, die von den Künstlern zu Studios umfunktioniert wurden und bislang bezahlbar waren. Problem ist nur, dass die Internetfirmen viel höhere Mieten zu zahlen bereit sind und die Künstler damit aus diesen Vierteln vertreiben. Damit ihr mir das jetzt auch glaubt, noch ein kleines Beispiel: Meine Fotolehrerin hatte zusammen mit einem anderen Fotografen in einem älteren Firmengebäude ein Fotostudio von ca. 120 qm gemietet. Sie zahlten $2000 Miete pro Monat. Doch ab sofort wird das Studio ein Büro für eine Computerfirma sein und $12000 Miete im Monat kosten. Diesen Monat mussten in San Francisco auch die zwei einzigen Fotolabors schließen, in denen man seine eigenen Farbentwicklungen durchführen konnte. Die Miete wurde dort so erhöht, dass die Besitzer sie nicht mehr profitabel betreiben konnten. Alle namenhaften Fotografen San Franciscos entwickelten und vergrößerten dort ihre eigenen Farbfotos, da man eine Farbdunkelkammer nicht einfach so bei sich in der Garage oder im Keller unterbringen kann.

Mittlerweile rühren sich auch die ersten Proteste und Bürgerverbände bilden sich, um den Trend zu stoppen -- ein gutes Zeichen. Dotcom ist in San Francisco übrigens mittlerweile zum Schimpfwort erhoben worden. Mit Dotcom bezeichnet man hier im Allgemeinen Internetfirmen, weil die meist ein ".com" in ihrer Internetadresse führen, z.B. yahoo.com. "Dot" (engl. für Punkt) bedeutet dabei einfach der Punkt, der vor dem "com" steht. Ein "Dotcommer" arbeitet für eine Internetfirma, ist ein 25-jähriger Schnösel frisch von der Uni, verdient viel Geld, fährt ein tolles Auto, hängt immer nur am Handy und wohnt in San Francisco, weil es gerade "hip" ist.

Und da ich gerade schon Negativentwicklungen abhandle, muss ich doch noch unsere Bestürzung darüber loswerden, dass sich die rechtsradikale Gewalt gegen Ausländer und Obdachlose wie ein Geschwür in Deutschland ausbreitet und niemand etwas dagegen zu tun scheint. Selber als Ausländer in einem fremden Land lebend, schnürt es uns bei diesen Berichten immer die Kehle zu. Und das Argument, dass es sich bei den Tätern um einzelne radikale Verrückte handelt, zieht für mich nicht bei der Häufung der Fälle. Wir haben eher allgemein den Eindruck, dass sich in Deutschland eine extrem ausländerfeindliche Stimmung breit macht. Es wäre schön, wenn ihr dazu einmal eure Meinung und Eindrücke abgeben könntet. Wir sind hier ja auf deutsche Zeitungen und die Tagesschau über das Internet angewiesen, aber natürlich interessieren uns brennend eure persönliche Erfahrungen.

Also, schreibt fleißig!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 06-Jul-2008