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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 20  
San Francisco, den 09.03.00
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Abbildung [1]: Unser Auto mit neuem Nummernschild

Mit Schrecken haben wir festgestellt, dass wieder einmal ein neuer Rundbrief fällig ist. Eieiei, wie die Zeit vergeht! Michael macht den Anfang:

Personalisierte Nummernschilder

Sicher ist euch schon mal aufgefallen, dass es in den USA Autos gibt, die mit seltsamen Nummernschildern rumfahren. Normalerweise ist's ja eine Zahl, drei Buchstaben und nochmal drei Zahlen (z.B. "2ZAP438") und daraus geht nicht, wie in deutschen Landen, hervor, aus welcher Stadt das Auto kommt, sondern nur das Design und die Farbe des Nummernschildes zeigt an, in welchem Bundesstaat das Auto angemeldet wurde. In Kalifornien steht "California" drauf, in Oregon sind Wälder abgebildet. Außerdem hat jeder Staat einen Slogan: Arizona -- Sunshine State. Hawaii -- Aloha State. Oregon -- where it rains all year long. Haha. Kleiner Scherz. Aber: Einige Nummernschilder weisen nicht die üblichen Zahlen-Buchstaben-Kombinationen auf, sondern lauten einfach "CLINTON" oder "ARNOLD" oder "YEAH". Das geht folgendermaßen: Ganz wie man in Deutschland in München das Nummernschild "M-AX 1964" bekommt, indem man eine Gebühr an die KFZ-Meldestelle entrichtet, kann man in Amerika beliebige (ich betone: beliebige!) Nummernschilder für sein Auto bekommen. Das kostet, je nach Design, zwischen 20 und 30 Dollar im Jahr, die an einen wohltätigen Zweck gehen. Nun wollte ich ja schon immer der "PERL MAN" sein, ja, in der Tat hat mir Angelika mal ein nachgemachtes Nummernschild mit diesem Aufdruck geschenkt -- da fragte ich mich: Warum nicht in echt?

Abbildung [2]: Nochmal von nah: Das Nummernschild des PERL MAN

Ich ging zur Internet-Seite der KFZ-Registrierungsstelle Kalifornien und sah nach -- in der Tat war es noch zu haben. Auf dem Internet kann man auch ein Anmeldeformular ausdrucken lassen, das man dann per Post an die zentrale KFZ-Registrierungsstelle in Sacramento/Kalifornien schickt, und kaum vier Wochen später liegt eine Nachricht im Briefkasten, dass man nämlich das Nummernschild von einer KFZ-Meldestelle abholen kann. Ich vereinbarte telefonisch einen Termin, da ich schon wusste, dass man dort sonst immer lange warten muss. Das geht mit einem automatisierten System, mit dem man einen Computer am anderen Ende anweist, einen Termin herauszusuchen. Anschließend bekommt man eine Kontrollnummer, mit der man dann am vorgeschlagenen Zeitpunkt bei der KFZ-Meldestelle aufkreuzt. Der Mann am Schalter brach fast zusammen vor Lachen, als er den Umschlag mit meinen neuen Nummernschildern öffnete, auf denen in großen Lettern "PERL MAN" stand. Er fragte, ob sich das auf die Rock-Gruppe "PEARL JAM" bezöge, und ich klärte ihn darüber auf, dass dies ein Hinweis auf eine Programmiersprache sei.

Abbildung [3]: Die Internetsoftware erlaubt gegenwärtig noch superlustige Nummernschilder

Ich erhielt außerdem einen neuen Kraftfahrzeugschein -- alles muss seine Ordnung haben --, und ging hinaus, um mit einem mitgebrachten Schraubenzieher die neuen Nummernschilder am Auto zu befestigen. Seitdem bin ich der "PERL MAN". Jeder bei Netscape weiß, wer da kommt. Aber noch andere gibt's: Der Chef der Computerwartungsabteilung bei Netscape, der schon länger dabei ist und recht gut verdient hat, fährt übrigens einen Porsche Carrera (kostet hier ungefähr 80.000 Dollar) mit dem Nummernschild "THX AOL" ("Danke, AOL"). Ein ehemaliger Arbeitskollege von mir ist Spezialist in der Programmiersprache Java und fährt "MMM JAVA" in seinem M3er-BMW umeinander. Ja, Spaß muss sein. Wenn ihr rausfinden wollt, welche Nummernschilder in Kalifornien noch erhältlich sind, schaut einfach unter http://plates.ca.gov/search nach. Ihr werdet es sehen -- "PERL MAN" ist weg, da wart ihr zu spät dran!

Terminkalender

Abbildung [4]: Der Franklin-Kalender im Einsatz

Bei Netscape lief neulich ein Ganztageskurs über Time-Management, für den ich mich einschrieb. Die Firma "Franklin/Covey" bietet Kurse an, in denen man lernt, wie man das von ihnen angebotene Kalendersystem bedient. Wie man seine Zeit sinnvoll einteilt, Aufgaben priorisiert und Wichtiges von Unwichtigem trennt, um in weniger Zeit mehr zu schaffen. Es war eine eindrucksvolle Vorstellung. Typisch amerikanisch war der Kurs nicht irgendein langweiliger Vortrag, sondern gespickt mit, ja, ich würde sogar sagen, bewegenden Momenten. So etwa, als die Kursleiterin uns aufforderte, anonym auf kleine Kärtchen zu schreiben, was wir denn tun würden, wenn wir mehr Zeit hätten. Später, wir hatten die eingesammelten Kärtchen schon fast vergessen, ließ sie ein Video laufen, in dem dargestellt wurde, wie kurz das Leben sei und wie wichtig es wäre, sich auf die wichtigen Dinge zu konzentrieren. Als das Video endete, wurde der Bildschirm dunkel, aber die Musik lief weiter und sie begann, den Inhalt der Kärtchen vorzulesen. Da standen dann Dinge wie "Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich den Half-Dome im Yosemite-Park erklimmen". "Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich die meistbesuchte Website der Welt konstruieren". "Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich mit meiner Familie ganz Europa bereisen". "Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich einen Science-Fiction-Roman schreiben". Eines der Kärtchen war natürlich von mir und ihr dürft raten, welches. Jedenfalls -- ich war bewegt. Und der Kalender gefiel mir so gut, so dass ich seitdem nur noch mit einem mehr als DIN-A-5 großen Terminplaner herumrenne und alles, ja, alles hineinschreibe. Echt raffiniert, das Teil, ich schaffe mittlerweile wirklich mehr und vergesse nichts mehr, da alles im Kalender steht. Der wesentliche Punkt ist, dass man private Ereignisse nicht von geschäftlichen trennt, der Hochzeitstag oder ein Geburtstagsgeschenk sind also genauso wichtig wie berufliche Vorgänge. Wen's interessiert: Unter http://www.franklincovey.com kann man das Zeug bestellen, ist zwar nicht ganz billig, aber sehr gut gemacht. Natürlich nur geeignet für Leute mit Selbstdisziplin, die sich nicht scheuen, sich nachts um zwölf noch hinzusetzen, um die Taskliste des vergangenen Tages abzuhaken und die Aufgaben für den nächsten Tag durchzugehen, sowie einmal pro Woche einen Wochenplan mit den wichtigsten Zielen zu erstellen. Angelika ist auch gleich auf den Zug aufgesprungen, und fordert den gleichen Kalender, den es nur in einem bestimmten Laden in San Francisco zu kaufen gibt. Leider hat sie diese Aufgabe mangels Kalendersystems noch nicht in eine entsprechende Liste eingetragen, so dass dieses Projekt immer noch seiner Erledigung entgegenharrt, aber sie arbeitet daran ... (Anmerkung der Rundbrief-Redaktion: Zu Angelikas Geburtstag am 2. März lag ein kleines Kalenderlein auf dem Gabentisch ...).

Turnschuhwahn

Abbildung [5]: Michaels Turnschuhe

Ich ziehe ja bekanntermaßen nur noch Turnschuhe an. Natürlich nicht irgendwelche Billig-Botten vom Supermarkt, sondern Top-High-Tech-Treter von Mizuno. Vergesst Addidas. Vergesst Nike. Vergesst Rebook. Ich erkläre hiermit "Mizuno Waverider" zum Schuh der Saison. Des Jahres. Des Jahrzehnts vielleicht sogar. Zum Turnschuh-Fimmel muss ich etwas weiter ausholen. Hier in Amerika trägt jeder Turnschuhe, vom Teenager bis zum Tattergreis, das ist ganz normal. Und, wenn man in der Software-Branche arbeitet, ist der Turnschuh mehr als nur eine Fußbekleidung. Wer Programmierer ist, trägt Turnschuhe. Punkt. Wer im Verkauf oder Marketing arbeitet, nicht. Genau wie man in Deutschland Schlips- und Nichtschlipsträger unterscheidet. Das neueste Insiderwort ist übrigens "Marketroid" für die Marketingmenschen, eine Mischung aus Marketing-Mensch und "Android", also Roboter. Das nur nebenbei. Zurück zu den Turnschuhen: Vor mehr als einem Jahr kaufte ich mir ein Paar "Mizuno Waverider" und war hellauf begeistert. Turnschuhe haben bei mir einen Lebenszyklus von etwa zwölf Monaten, also machte ich mich neulich auf, ein Paar neue einzukaufen, da die alten sich langsam dem Vergammelungs-Stadium näherten. Doch, oh weh! Die vermaledeite Turnschuh-Kette "Footlocker", die sonst eine recht gute Auswahl bietet, führte das Modell einfach nicht mehr. So versuchte ich mich krampfhaft daran zurückzuerinnern, in welcher Filiale des Schuh-Giganten ich denn das Paar damals gekauft hatte. Und wie Schuppen fiel es mir aus den Haaren: Im Valley-Fair-Shopping-Center bei San Jose, wo wir uns damals mit Sylvia und Richard trafen. Eines Wochenendes, als wir uns wieder einmal in der South-Bay herumtrieben, fuhren wir an diesem Shopping-Center vorbei und ich überredete Angelika, mal dort reinzuschauen -- und siehe da: dort war immer noch ein kleiner "Footlocker", der auch noch ein Paar "Waveriders" da hatte. Gebannt fragte ich den Verkäufer, ob er denn auch ein Paar in meiner Größe 10 1/2 da hätte (nach deutschen Maßstäben 44) und dieser verschwand im Lager, um kurz darauf mit einem ebensolchen Paar zurückzukehren. Obwohl ich in "Mizuno Waverider"-Turnschuhen derselben Größe angereist war, probierte ich kurz die neuen, und, siehe da, sie passten genau wie die alten. Ich war begeistert. Vorsichtig fragte ich den jungen Verkäufer, ob er denn auch noch auch noch ein zweites Paar derselben Größe da hätte. Wieder verschwand er kurz im Lager und brachte ein zweites Paar daher. Ich jubelte. Er fragte, ob das das beste Turnschuhmodell meines Lebens wäre und ich sagte "ja". Die Freude war jedenfalls groß, und ich denke, der Verkäufer durfte sich für den Rest des Nachmittages freinehmen. Ich glaubte, Sektkorken im Lager knallen zu hören, als wir den Laden verließen. Auf meinem neuen Perlbuch wird übrigens auf der Titelseite ein kleines Logo von Mizuno stehen mit dem Vermerk "Written in Mizuno Shoes". Jaha. Na, ihr glaubt aber auch alles.

Schafkopf im Valley

Ich hatte euch ja schon von meinem Arbeitskollegen Dieter erzählt, der in Santa Cruz wohnt und auch bei Netscape arbeitet -- ihr wisst schon, der mit der Bayernfahne am Cubicle. Nun stellte sich heraus, dass der Dieter auch noch den Christian kennt, der aus Bayern mit Siemens nach USA kam und mittlerweile bei Netscape arbeitet. Unter zweitausend Angestellten bei Netscape gibt es also sage und schreibe drei Deutsche. Wir trafen uns alle mal zum Mittagessen in einem mexikanischen Burrito-Laden und es stellte sich heraus, dass der Christian auch an der TU München studiert hat und während seiner Studienzeit (er hat fast zur gleichen Zeit wie ich studiert) des öfteren in der Cafeteria Karten gespielt hat -- was euer lieber Erzähler, ahem, auch mit Vorliebe tat. So planten wir, noch einen vierten Bayern, den Ernst vom Siemens, aufzutun und zum Schafkopfspielen im Silicon Valley zu bewegen. Eine Kneipe wurde auch sofort ausgewählt: "Hardy's Bavaria" in Sunnyvale, wo ein Bayer der Wirt ist und, so ließen Insiderkreise verlauten, man Karten spielen darf -- möglicherweise die einzige Kneipe in ganz Amerika, in der das geht.

Abbildung [6]: Acht Trümpfe auf der Hand -- das wohl einfachste Spiel beim Schafkopf.

Drei Wochen lang gingen dann die Emails hin und her, immer konnte einer nicht. Dann schließlich, an einem Montag, hatten plötzlich alle Zeit. Nur: "Hardy's Bavaria" hat am Montag zu! Also spielten wir beim Christian zu Hause in Cupertino, für die Fachleute unter euch: Sauspiel 10 Cents, Solo 25, Läufer beim Solo ab drei, beim Wenz ab zwei, jeder darf legen, ohne Farbwenz, mit Stock wenn keiner spielt, Schuss übernimmt. Ein gelungener Abend ... und Christian hat jetzt beim Netscape die Mailing-Liste schafkopf@netscape.com eingerichtet, dort wird ausgemacht, wann die nächste Spielrunde stattfindet, also, falls ihr mal in der Nähe und des Schafkopfspielens mächtig seid, tragt euch ein. Ich kann nur sagen, dass ich so gut wie eh und je spiele, und ich konnte gegen die versierten Kartler, die sogar Augen und (!) Trümpfe mitzählten, gut mithalten, obwohl ich nach wie vor nur "nach Gefühl" spiele. Es geht eben nichts über eine sechsjährige Intensiv-Ausbildung! Ein amerikanischer Kollege bei Netscape fragte mich neulich, wie lange es denn dauere, bis man ein einigermaßen guter Schafkopfspieler werde, und ich erwiderte nach einigem Überlegen, dass dazu schon sieben, acht Jahre kontinuierliches Training erforderlich wären. Entrüstet wandte er sich ab! Keine Geduld, diese Leute. Aber ehrlich, es ist wirklich wahr. Die Regeln lernt man natürlich schneller, aber, um tatsächlich zu gewinnen, braucht's mehr. Viel mehr. Oh, ja. Ha! Ich kann euch sagen ...

Abbildung [7]: Die fröhliche Schafkopfrunde im Silicon Valley

Internetanschluss im Weltraumzeitalter

Im Internetzeithalter gibt es natürlich kein Rasten oder Zaudern -- da muss man der Konkurrenz immer einen Schritt vorauseilen. Und aus Europa (genaugenommen von einem Herrn aus der Schweiz) vernahm ich leichten Spott, was meine Internetverbindung betraf. Weil ich immer noch ein normales Modem nutzte, wo man doch heutzutage (Grüße nach Oldenburg: Auch ISDN ist Steinzeittechnologie!) entweder Kabelmodem oder DSL hat. "Genug!", schrie ich und rief bei unserer Telefongesellschaft "Pacific Bell" an. Nachdem ich 20 Minuten in der Leitung gehangen hatte, nahm eine freundliche Dame meinen Auftrag für DSL entgegen. Als ich dann allerdings sagte, dass ich die Internetverbindung keineswegs unter Windows 98 sondern auf dem Mega-In-Betriebssystem Linux haben wolle, kam sie ein wenig ins Schleudern, fragte bei einem Spezialisten nach, der aber bestätigte, das sei kein Problem. Dazu muss man sagen, dass Linux derzeit als echte (und kostenlose!) Alternative zu Microsoft-Produkten wie Windows 95 oder 98 oder was auch immer im Gespräch ist. Kein Tag vergeht, ohne dass es in der Zeitung oder in den Fernsehnachrichten auftaucht. Das Phänomen: Dieses Teil wurde von Leuten auf dem Internet in ihrer Freizeit entwickelt und der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt -- noch hat es Ecken und Kanten, aber dieses Modell der Software-Entwicklung, dass man sich nämlich in seiner Freizeit hinsetzt und für die "Community" (die Gemeinschaft des Internet) seinen Beitrag leistet, dringt bis in die Presse vor. Nebenbei sei erwähnt, dass der Autor dieser Zeilen Linux seit ungefähr 8 Jahren nutzt und selbst in seiner Freizeit Sachen entwickelt, die er, ohne dafür Geld zu verlangen, an die "Community" rausgibt. Doch genug Hype! Jedenfalls ist Linux noch immer nicht so bekannt wie Windows -- aber die Frau von Pac Bell sagte, das ginge in Ordnung. In 14 Tagen käme jemand vorbei, ich durfte mich entscheiden, ob ich vormittags (8-12) oder nachmittags (12-5) auf den Mechaniker warten wollte. Dazu muss man sagen, dass "Pac Bell" hier in Kalifornien ungefähr denselben Klang hat, wie wenn man in Deutschland "Siemens" sagt. Huch, ich wollte natürlich sagen: "Deutsche Bundespost". Aber ich hörte, dass die auch privatisiert wurde. Egal, ihr wisst, was ich meine. Eine Woche später, an einem Freitag, hieß es dann plötzlich, am Montag schon käme jemand vorbei. Ich durfte am Montag von zu Hause aus arbeiten und konnte so auf den Servicemenschen warten. Der kam dann auch um 2 Uhr nachmittags und hatte zwar schon von "Linux" gehört, aber sagte, ihm fehle es an Erfahrung, darauf DSL zu installieren. Gut, sagte ich, dann eben auf Windows, das ich als zweites Betriebssystem auf meiner Maschine fahre. Das ging dann auch problemlos -- fast, denn er verletzte sich am Finger, als er ein Kabel abzwickte, zum Glück hatte ich Pflaster und Desinfektionsmittel im Haus, er wurde an Ort und Stelle verarztet. Ich bekam ein Modem, das aussieht, wie ein Warp-Generator aus dem Raumschiff Enterprise, und durch die normale Telefonleitung kommt nun sowohl ein Datensignal für den Computer neben dem normalen Telefonverkehr -- kurz: Man kann telefonieren, während der Computer Online ist. Da wir noch eine zweite Telefonleitung haben, könnten jetzt sogar zwei Leute gleichzeitig telefonieren und einer im Internet herumbrausen! Und man surft ungefähr 50 mal so schnell wie mit einem Modem durchs Internet. Das ist wirklich beeindruckend: Man klickt irgendwo hin und -- zack! -- ist die Seite da. Das liegt natürlich auch daran, dass die wichtigsten Teile des Internet hier in Kalifornien beheimatet sind und z.B. Yahoo nur ein paar Meilen um die Ecke liegt. Ach ja: Mit Hilfe des Internet konnte ich dann das Ganze auch noch auf Linux nachziehen, kein Problem. Natürlich weil mir Leute auf dem Internet geholfen haben. Kostenlos. Wenn es irgendwo eine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts gibt, dann hier. Im Cyberspace. Übrigens entsteht dieser Rundbrief auf Linux. Und auch alle meine Zeitschriftenbeiträge und Bücher. Zurück zum DSL-Anschluss: Ich musste einen Einjahresvertrag abschließen, 49 Dollar im Monat kostet der Spaß. Naja, ich kann's ja von der Steuer absetzen. Übrigens nicht von der normalen Einkommenssteuer, da dem Herrn Amerikaner die Werbungskosten für den Beruf fremd sind, sondern wegen meiner Autorentätigkeit, deren bescheidene Einnahmen ich auch hier in den USA versteuern muss, aber das nur nebenbei.

Einige Tage später, ich war zwischenzeitlich glücklich mit Höchstgeschwindigkeit im Internet herumgebraust, hörte ich auf der Autofahrt von Mountain View nach San Francisco im Radio eine Werbemitteilung von Pacific Bell: Als Schlagerangebot wäre DSL jetzt für nur 39 Dollar im Monat (10 Dollar weniger!) erhältlich, wenn man es bis 30. April bestellte. Wutentbrannt rief ich am nächsten Tag bei Pacific Bell an, schließlich ist dies Amerika. "This is America!" ist der Spruch, mit dem man klarmacht, dass hier Sachen gehen, die in Deutschland nur Stirnrunzeln hervorrufen würden: "Have it your way" (Du kriegst was du willst) ist einer dieser Grundsätze. In der Gaststätte begreift man die Speisekarte nur als gutgemeinten Vorschlag, bestellt aber nach Gusto: "Ich hätte gerne das Steak, aber statt dem Kartoffelbrei lieber Pommes Frites und als Salat nur Tomaten auf einem separaten Teller, Blue-Cheese-Dressing, und außerdem noch Roggenbrot dazu". In der Suppenküche, dem deutschen Lokal in San Francisco, erlebte ich einmal einen Amerikaner, der zu irgendeinem Wurstgericht noch Semmelknödel auf einem Extra-Teller bestellte, weil der einen solchen schon mal irgendwo gegessen hatte. Man stelle sich diese Szene im Schwabinger Weißbierhaus zu München vor -- die Bedienung würde Tango tanzen. "This is America" heißt auch, dass man alles und jedes mit den fadenscheinigsten Ausreden umtauschen darf. Man sagt: "Meiner Frau gefällt der neue Videorecorder nicht" und schon wird dieser anstandslos zurückgenommen und der Kaufpreis zurückerstattet. Und "This is America" heißt auch, dass ich am nächsten Tag bei Pacific Bell anrief und sagte, dass ich es überhaupt nicht einsehen würde, dass ich 49 Dollar berappen müsste, während alle Neukunden 39 Dollar zahlen würden -- und schwupps erklärte die Telefondame, sie werde meinen Vertrag sofort auf 39 Dollar umändern. Na, da haben wir ja alle nochmal Glück gehabt.

Elektrische Zahnbürste

Und noch eine aufregende Neuigkeit. Darauf habt ihr alle gewartet. Setzt euch hin. Jetzt kommt's: Wir haben uns eine neue elektrische Zahnbürste gekauft. "Oh mei, oh mei", sagt ihr jetzt sicher, aber es ist wirklich aufregend: Die Firma "Sonicare" fabriziert eine elektrische Zahnbürste, die ihren Bürstenkopf so schnell bewegt, dass Ultraschallwellen entstehen. Habe ich gleich beim Costco gekauft, nur hundert Dollar! Zwei Minuten damit die Zähne geputzt und ihr fühlt euch, als kämt ihr frisch vom Zahnarzt, der euch mit diesem Ding, das immer "iiiihh-iihh-iiiiih" macht, traktiert hätte. Ich schlecke mir den ganzen Tag über die Zähne, so gut ist das. Sofort kaufen! Unter http://www.sonicare.com stehen mehr Informationen.

Abbildung [8]: Die neue Zahnbürste

Abbildung [9]: Jahr-2000-Feuerwerk in San Francisco ...

Ist ja wohl klar, dass wir nie aus unserem Apartment ausziehen können, denn der Blick aus unserem Fenster ist einfach unbezahlbar. Witzig war auch, dass um 23 Uhr unser mexikanischer Nachbar mit seiner Tochter und einem Kanister Tequila im Schlepp klingelte, um mit uns anzustoßen. Den Plastikbehälter hatte er im Koffer aus Mexiko geschmuggelt, wo er mit seiner Familie auf Heimaturlaub war. Michael hatte ja erst Bedenken, an dem schwarzgebrannten Schnaps zu erblinden, aber -- wie ihr seht -- haben wir den wunderbar milden Tequila gut überlebt. Am Neujahrstag hatte Michael vormittags Bereitschaft für AOL, d.h. er musste telefonisch erreichbar sein, um sich bei eventuell auftretenden Jahr-2000-Problemen über unseren Heimcomputer in die Firma einzuloggen. Aber, oh Wunder, nichts passierte und keiner brauchte den Oberhacker. Als Ausgleich gab's einen zusätzlichen Tag Urlaub, den wir noch im März für ein verlängertes Wochenende nutzen werden. Hurra!

Abbildung [10]: ... von unserem Wohnzimmer aus.

Apropos Silvester: Das Silvesterüberraschungspaket gewann Martin Weishaupt. Ihm gelang es, die Novemberquizfrage "Wie sagt man auf tahitianisch 'danke'?", zu lösen. Viele von euch tippten auf "merci", weil Tahitianer Französisch als Amtssprache sprechen -- aber wir suchten den Ausdruck in der Sprache der Einheimischen: "mauruuru" heißt's, wie man nach kurzem Suchen auf dem Internet herausfinden kann. Wir gratulieren dem glücklichen Gewinner herzlich!

Fotonews

Im Rahmen einer meiner Kurse an der Uni Berkeley lief im Januar und Februar wieder eine Ausstellung: Zwei meiner Fotos hingen an der Wand. Dieses Mal waren es geschickt arrangierte schwarz-weiße Selbstportraits, die etwas Haut zeigten, ohne zuviel preiszugeben. Mich hat das köstlich amüsiert und natürlich werde ich euch nicht die Freude machen und Fotos mitliefern. So weit kommt es noch!

Abbildung [11]: Die Zeitungsanzeige der Fotoausstellung

Bürgermeisterwahlen und Homo-Ehe

Denn besonders den politischen Themen will ich mich heute widmen: Der Bürgermeister von San Francisco heißt auch weiterhin Willie Brown -- der Kandidat Tom Ammiano verlor die Stichwahl am 14. Dezember (siehe November-Rundbrief). Ich finde das sehr schade. Tom Ammanio als Bürgermeister hätte mir besser gefallen. Es ist eben ein Elend, wenn man selber nicht wählen darf. Da merkt man erst, was wählen zu dürfen für ein Privileg ist. Ich bin ja schon lange dafür, dass Ausländer, die für längere Zeit in einem bestimmten Land leben, zumindestens auf lokaler Ebene wählen dürfen. Und das meine ich jetzt nicht nur auf die USA bezogen, sondern ganz generell. Auch bin ich der festen Überzeugung, dass Wahlen in den USA völlig anders ausgehen würden, wenn alle Greencard-Besitzer (amerikanische dauerhafte Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung) wählen dürften (nur noch einmal schnell zur Erinnerung: auch in den USA dürfen nur amerikanische Staatsbürger wählen).

Aber das nur so am Rande. Zurück zu Tom Ammanio: Man vermutet, dass er sich bei der Wahl nicht durchsetzen konnte, da für viele Wähler dann doch zu viel war, dass er sich ganz offen zu seiner Homosexualität bekennt. So nach dem Motto: Wir sind ja liberal, aber ein homosexueller Bürgermeister geht dann doch ein bisschen zu weit. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, denn San Francisco ist ja bekanntlich die Hochburg der homosexuellen Bewegung und Tom Ammiano bekleidet eh schon ein hohes politisches Amt im Stadtparlament, was er auch weiterhin inne hat. Auf der anderen Seite liest und hört man in letzter Zeit leider wieder häufiger über diskriminierende Attacken gegen Homosexuelle. Vor allem die amerikanische politischte Rechte (und ich beziehe mich hier nicht auf Rechtsradikale), die stark von den verschiedensten amerikanischen Kirchen unterstüzt wird, hat der homosexuellen Bewegung den Kampf angesagt. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass sich Konservative extrem bedroht fühlen, da Homosexuelle plötzlich das Recht auf Ehe und Familie einfordern. Über Jahre ging es der homosexuellen Bewegung in San Francisco und anderswo stärker darum, zwar toleriert und akzeptiert zu werden -- aber sich auch von der spießbürgerlichen Gesellschaft abzugrenzen. Mittlerweile wollen immer mehr gleichgeschlechtliche Paare heiraten oder haben sich entschieden, Kinder durch Adoption oder künstliche Befruchtung zu bekommen, d.h. wollen ganz normale Familien gründen. In diesem Licht ist auch die sogenannte "Knight-Initiative" zu sehen. Wie ihr vielleicht wisst, wird noch dieses Jahr ein neuer Präsident in Amerika gewählt. Deshalb finden zur Zeit Vorwahlen in den verschiedenen Bundesstaaten statt. Am 7. März ist Kalifornien dran. Nun nutzt man dieses Datum nicht nur für die Vorwahlen, sondern auch um über sogenannte "Propositions" (vergleichbar mit Volksbegehren) abzustimmen. Propositions werden der Abkürzung halber durchnumeriert, man sieht überall Schilder, die für "No on 5" und "Yes on 42" werben. Die Knight-Initiative ("Proposition 22") wurde von dem Senator mit dem Namen Knight ins Rennen gebracht. Knight möchte, dass die Wähler befürworten, dass folgender Satz in die kalifornischen Gesetzesbücher aufgenommen wird: "Only marriage between a man and a woman is valid or recognized in California." ("Nur die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau ist gültig oder anerkannt in Kalifornien.")

Abbildung [12]: Werbung für die Proposition 22 im Vorgarten eines Amerikaners

Nun muss man wissen, dass weder in Kalifornien noch in einem anderen amerikanischen Bundesstaat die gleichgeschlechtliche Ehe zur Zeit legalisiert ist, d.h. der Satz ist eigentlich überflüssig. Deshalb glauben Kritiker auch, dass hinter der Knight-Initiative zwei ganz andere Gedankengänge stehen. Einmal befürchtet man, dass andere Bundesstaaten eventuell in nächster Zeit die gleichgeschlechtliche Ehe legalisieren könnten (im Bundesstaat Vermont könnte dies durchaus geschehen) und dann wäre Kalifornien nach jetziger Rechtslage verpflichtet, die z.B. in Vermont geschlossene Ehe zwischen zwei Homosexuellen anzuerkennen. Deshalb die Idee der Knight-Initiative, noch einmal explizit aufzuführen, dass nur eine Ehe zwischen Frau und Mann in Kalifornien Gültigkeit hat. Zweitens befürchten viele, dass die Knight-Initiative sozusagen durch die Hintertür Errungenschaften bekämpfen will, die gleichgeschlechtliche Paare in den meisten Städten Kaliforniens auch ohne staatliche Eheschließung haben, z.B. die Möglichkeit der Adoption von Kindern, oder dass der gleichgeschlechtliche Partner bei der Krankenversicherung wie ein verheirateter Ehepartner gilt (gängige Praxis in allen Firmen des Silicon-Valleys und in San Francisco) sowie Besuchsrechte in Krankenhäusern, d.h. als Familienangehöriger betrachtet zu werden usw. Knight hat übrigens selber einen Sohn, der sich offen zu seiner Homosexualität bekennt, und öffentlich die Initiative seines Vaters bekämpft. Und da kommt dann schon der Verdacht auf, dass der Vater mit der Tatsache nicht umgehen kann, dass der eigene Sohn homosexuell ist. Sehr traurig, das Ganze. Die Knight-Initiative wird finanziell übrigens heftig unterstüzt von der mormonischen Kirche (neben anderen), die bekanntlich in den USA ja sehr wohlhabend ist. Geld spielt nämlich eine entscheidene Rolle, um Volksbegehren durchzubringen. Dieses finanzielle Einmischen kann übrigens durchaus Folgen haben, da die Kirchen weitesgehend der Steuerfreiheit unterliegen. Sie dürfen also nicht aktiv politische Initiativen mit ihren Kirchengeldern finanzieren. Aber das nur so am Rande. Man kann nur hoffen, dass die kalifornischen Wähler gegen die Knight-Initiative stimmen. Wir werden es euch, in unserem nächsten Rundbrief wissen lassen. (Anmerkung der Redaktion: Kurz vor der Drucklegung des Rundbriefes stimmten die Wähler mit 60% für und 40% gegen den Vorschlag. Der Satz wird also in den Gesetzestext aufgenommen.)

Präsidentenwahlen

Dann habt ihr vielleicht in Deutschland auch mitbekommen, dass Bill Clinton seine letzte Rede zur Lage der Nation ("State of the Union") gehalten hat, da ja seine Amtsperiode schon bald zu Ende geht. In Amerika sind, wie oben schon erwähnt, Präsidentschaftswahlen. Dieser Bericht zur Lage der Nation findet alljährlich statt und, wie der Name schon sagt, geht es darum, wie es denn so steht um Amerika. Natürlich nutzt der Präsident die Rede auch, um vorzustellen, was er zukünftig zu tun gedenkt. Clinton muss bald abdanken, da ein Präsident in Amerika nur zweimal hintereinander gewählt werden darf und dann einen Neuen ranlassen muss. Er schmiss dennoch nur so mit den Reformideen um sich -- was absolut nichts heißt, da Clinton schon manches Mal seine Pläne nicht durchsetzen konnte, denn der amerikanische Kongress hat ja bekanntlich eine republikanische Mehrheit, die etwas andere Vorstellungen hat als der demokratische Präsident. Wie ihr vielleicht merkt, habe ich die Rede aufmerksam im Fernsehen verfolgt. Genauer gesagt habe ich gebannt auf den Bildschirm gestarrt und verfolgte fasziniert, wie anders eine derartige Rede im Vergleich zum deutschen Bundestag abläuft. Zunächst ist mir wieder einmal unangenehm aufgefallen, dass es in den USA völlig normal und sogar ein Muss ist, patriotisch zu sein. Frei nach dem Motto: Amerika, das gelobte Land, die Supernation, die alle bewundern. Natürlich hat Clinton allen Grund, ein wenig anzugeben, schließlich ist die Bilanz nicht schlecht: Der Staatshaushalt wirft Überschüsse ab, das Land befindet sich im längsten Wirtschaftsboom seiner Geschichte. Die Kriminalität ist zurückgegangen, die Arbeitslosenrate ist extrem niedrig, viel niedrigerer als in Deutschland. Millionen neuer Jobs wurden geschaffen. Nur hat das Ganze auch einen Preis und vieles liegt extrem im Argen. Unter anderem das Gesundheits- und Schulwesen (besonders beschämend, wenn man über Haushaltsüberschüsse verfügt). Und viele der neugeschaffenen Jobs bieten nur extrem schlechte Bezahlung und keine Sozialabsicherung. Interessant war auch, dass Clinton sich ganz emotional gab. So sah man des öfteren Tränen in seinen Augen, sowohl vor Rührung als auch vor Trauer. Natürlich dankte er auch seiner Frau Hillary für ihre unermüdliche Unterstützung, was dann doch etwas seltsam anmutete, denn schließlich ist seine Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky noch nicht vergessen. Böse Stimmen vermuten ja auch, dass Hillary Clinton sich sofort scheiden lässt, sobald Clintons Amtszeit vorbei ist. Man darf gespannt sein.

Benetton und Todesstrafe

Dann ist hier zur Zeit die Werbekampagne der italienischen Textilfirma Benetton in aller Munde. Benetton ist ja dafür bekannt, mit außergewöhnlichen und provozierenden Werbekampagnen die Welt aufzuschrecken. Dieses Mal gehen Fotos von Todeskandidaten in US-Gefängnissen um den Globus. Benetton will damit auf das Problem der Todesstrafe in den USA hinweisen. Dabei geht es nicht darum, ob die Häftlinge eventuell unschuldig sind, sondern um die allgemeine Frage, ob ein Staat das Recht hat, den Tod als Form der Bestrafung anzuwenden. Die Staatsanwaltschaft des Bundesstaates Missouri hat bereits eine Klage gegen Benetton eingereicht und die amerikanische Kaufhauskette "Sears" will keine Benetton-Kleidung mehr in ihren Läden anbieten.

Abbildung [13]: Todeskanditaten in der Benetton-Werbung

Ich hoffe nur, das Benetton standhaft bleibt. Wer sich die Fotos anschauen will, kann sie unter www.benetton.com finden. Auch hier sei noch einmal auf den Wahlkampf verwiesen. Kein Präsidentschaftskandidat kann es sich "leisten", gegen die Todesstrafe zu sein, wenn er gewinnen will. George Bush, der republikanische Präsidentschaftskandidat und Gouverneur (so etwas wie bei uns der Ministerpräsident) des Bundesstaates Texas, hat erst wieder das Gnadengesuch einer über 60-jährigen Frau abgelehnt, deren Todesurteil deshalb vollstreckt wurde. Man hatte da schon sehr das Gefühl, dass er das für seinen Wahlkampf nutzt. Texas ist übrigens auch der Bundesstaat mit den meisten Exekutionen im Jahr 1999. Ein sehr makaberer und trauriger erster Rang, obwohl Bush das sicher anders sieht. Da wird einem wirklich Angst und Bange, wenn man bedenkt, dass er mit höchster Wahrscheinlichkeit der nächste Präsident der USA werden wird.

Wer heiratet einen Millionär?

Und dann durften wir hier noch dem Gipfel der Geschmacklosigkeit im amerikanischen Fernsehen beiwohnen. Sicher wird das aber das deutsche Fernsehen nicht daran hindern, eine ähnliche Sendung für den deutschen Markt zu produzieren, denn schließlich wird ja schon seit eh und je jede amerikanische Show kopiert, egal wie schlecht sie auch sein mag. Die Sendung hatte den Titel "Who wants to marry a multi-millionaire?" (Wer will einen Multimillionär heiraten?) und wurde vom amerikanischen Sender Fox ausgestrahlt. 50 Frauen traten gegeneinander an. Der Preis war, den superreichen Junggesellen vor laufender Kamera zu heiraten. Dabei ist eine der Spielregeln, dass keine der Frauen diesen potentiellen Ehemann vorher kennen gelernt geschweige denn gesehen haben darf. Die Endrunde ist sozusagen der Höhepunkt der Show. Dann wird das erste Mal die Identität des Multimillionärs preisgegeben, indem er auf der Bühne auftaucht und um die Hand seiner Angebeteten anhält, nämlich die Frau der Endrundenkandidaten, die ihm am Besten gefallen hat. Und dann wird natürlich gleich an Ort und Stelle geheiratet. Gesetzlich abgesichert, denn die Show spielt im Bundesstaat Nevada (wo Las Vegas ist), wo solche Dinge möglich sind.

Abbildung [14]: Frisch im Fernsehen verheiratet ...

Ich betone noch einmal: Die Frau weiß nur, dass der Mann Geld hat. Spielrunden sind z.B., dass die Frauen im Bikini auf der Bühne aufmarschieren und Herr Multimillionär Punkte vergibt. Auch Familienmitglieder und Freunde dürfen Punkte vergeben. Im Nachhinein hat sich das Ganze dann vielleicht doch nicht als so geniale Idee herausgestellt. Die Einschaltquoten waren zwar riesig, aber Mr. Multimillionär hatte schon einmal eine Klage am Hals, weil er eine seiner Freundinnen verprügelt hat. Auch sein Vermögen ist kleiner als angegeben. Da hat der Sender wohl nicht richtig seine Schularbeiten gemacht. Die Ehe wird auf jeden Fall annulliert werden. Die amerikanischen Medien schwebten auf Wolke sieben, konnten sie doch tagelang über dieses Ereignis berichten. Zum guten Schluss erklärte sich dann die geprellte Braut bereit, ein Interview mit "Good Morning America" zu führen. Und da sagte sie doch tatsächlich, dass sie ja nur mitgespielt hätte, um einen Urlaub bezahlt zu bekommen (sie meinte die Flitterwochen). Ja, wie dumm muss man eigentlich sein? Und war der Titel der Sendung vielleicht doch: "Wie lasse ich mich zur Prostituierten ausbilden?" Wen die Geschichte näher interessiert: Unter http://pw1.netcom.com/~warnerwa/rockwell.html steht eine reiche Auswahl von "Links", die zu den Meldungen der einzelnen Nachrichtenagenturen verzweigen.

Abbildung [15]: ... und gleich schmoopi-schmoopi!

Zu Visum und Greencard

Nun aber zu etwas ganz anderem: Wie wir ja schon mehrmals erwähnt haben, läuft unser Visum Ende Juli diesen Jahres aus. Da wir noch gerne etwas bleiben möchten, haben wir eine Verlängerung beantragt, die allerdings immer noch nicht durch ist, denn die amerikanische Einwanderungsbehörde ist nicht gerade der schnellsten einer. Nun hat ja in den letzten Wochen wieder alles nach Amerika geschielt, als Bundeskanzler Schröder ankündigte, ausländische Computerexperten ins Land zu holen. Was haben wir uns totgelacht als plötzlich der Name "Green Card" in deutschen Munden war. Es scheint wohl besonders schick zu sein, amerikanische Begriffe zu verwenden, egal ob man diese nun richtig oder falsch verwendet. Als Green Card bezeichnet man in Amerika die dauerhafte Arbeits-und Aufenthaltsgenehmigung. Gerhard Schröder hat aber nur befristete Genehmigungen im Sinn. Das ist genau das, was Michael hier hat und wird H-1B-Visum genannt. Gar nicht witzig fanden wir allerdings, dass die deutsche Presse so tat, als ob man in Amerika die Green Card auf einem silbernen Tablett serviert bekommt. Besonders wenn man gerade selbst durch den hochkomplizierten, langwierigen Green-Card-Prozess geht und zusätzlich noch zitternd auf seine Visumsverlängerung wartet, kommt gewaltige Wut hoch über so viel Missinformation. Deshalb will ich ein wenig Aufklärungsarbeit leisten. Wie man in Amerika eine Green Card bekommt, spare ich mir für den nächsten Rundbrief auf. Heute also die Episode, wie das mit dem H-1B-Visum geht. Das H-1B-Visum wird an hochqualifizierte Ausländer ausgegeben. Man bekommt es zunächst für drei Jahre, mit der Möglichkeit der Verlängerung auf weitere drei Jahre. Insgesamt kann man also für sechs Jahre auf einem H-1B-Visum in den USA arbeiten. Danach hilft kein Betteln und Flehen, eine weitere Verlängerung gibt es nicht. Hat man nach sechs Jahren keine Green Card in der Hand, muss man das Land verlassen. Im Jahr 1990 wurde dieses Visaprogramm eingeführt, um kurzfristig Stellen zu besetzen, für die man keine Amerikaner finden kann, d.h. man hat nur dann eine Chance, auf einem H-1B-Visum zu arbeiten, wenn man über einen Beruf verfügt, der in Amerika Mangelware ist (z.B. Software-Ingenieur). Eine der Voraussetzungen, um diese Art von Visum zu bekommen, ist es auch, über eine hohe Schulbildung (sprich abgeschlossenes Studium) zu verfügen und/oder entsprechende einschlägige Berufserfahrung zu haben. Wie gesagt, auch die Amerikaner wollen gerne hochqualifizierte Leute ins Land holen und keine ungelernten Kräfte. Leider hält sich das Vorurteil trotzdem immer noch, dass es in den USA einfach ist, die entsprechenden Papiere zu erhalten. Ganz falsch! Für das H-1B-Visum prüft zunächst das "Department of Labor" (amerikanische Arbeitsbehörde), ob sich auch wirklich kein Amerikaner für den ausgeschriebenen Job finden lässt. Der amerikanische Arbeitgeber, der das Visum für den ausländischen Arbeitnehmer beantragt, muss darlegen, dass er den branchenüblichen Lohn zahlt und das Stellenangebot sogar für zwei Wochen in der Firma aushängen, damit andere Arbeitnehmer die Möglichkeit haben, Einspruch zu erheben. Gibt das Department of Labor sein Einverständnis, werden alle erforderlichen Unterlagen in einem zweiten Schritt bei der Einwanderungsbehörde eingereicht, die wiederum prüft, ob auch alles seine Richtigkeit hat. Bis der ganze Papierkram erledigt ist, vergehen mindestens sechs bis acht Wochen, in denen man noch nicht arbeiten darf. Auch gibt die Einwanderungsbehörde nur eine bestimmte Menge an H-1B-Visa pro Jahr aus, um den Zuzug an ausländischen Arbeitnehmern zu begrenzen. Zur Zeit werden 115.000 Visa pro Jahr ausgegeben. Ist die Menge aufgebraucht, was momentan schon nach einigen Monaten der Fall ist, hat man Pech gehabt. Man muss bis zum nächsten Jahr warten. Nun gibt es hier in der Computerbranche so viele offene Stellen, dass die Firmen gerne noch mehr ausländische Fachleute einstellten und sich dafür einsetzen, die Obergrenze der ausgegebenen Visa zu erhöhen. Das Thema ist mittlerweile so brisant, dass es sogar zum Wahlkampfthema gemacht wurde, denn die Firmen verlieren Geld, da Stellen nicht besetzt werden können. Noch etwas ist beim H-1B-Visum zu bedenken: Es kann erst dann beantragt werden, wenn man eine amerikanische Firma gefunden hat, die bereit ist, einen zu beschäftigen, denn die Firma stellt den Antrag. Das bedeutet aber, dass die Arbeitsgenehmigung nur für diese Firma und den ganz speziell ausgeschriebenen Job gilt. Verliert man seine Arbeit, muss man innerhalb von 10 Tagen das Land verlassen und die Firma ist verplichtet, den Flug zu bezahlen. Oder gefällt einem der Job nicht mehr und man sucht sich einen anderen, fängt die bürokratische Mühle wieder von vorne an, d.h. ein neues H-1B-Visum muss beantragt werden. Mein Visum heißt übrigens H-4 und berechtigt, wie ihr ja schon wisst, zum Aufenthalt in den USA -- aber nicht zum Arbeiten.

So, genug für heute! Wir hoffen, wir, eure rasenden Rundbriefreporter, konnten euch für einige Minuten dem Alltag entreißen und mit Insiderinformationen aus dem Land der unbegrenzeten Möglichkeiten erfreuen. Wir werden noch ein wenig bleiben im sonnigen Kalifornien -- nicht nur wegen des Wetters, sondern weil wir das tägliche Abenteuer lieben.

Bis zum nächsten Mal!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-Mar-2017