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  Rundbrief Nummer 2  
San Francisco, den 17.03.97
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Abbildung [1]: Wohl einer der besten Rollerblader am Strand von San Diego.

Ihr lieben Daheimgebliebenen!

(Angelika) Nun will ich endlich meinen zweiten Rundbrief starten. Viele von euch warten schon sehnsüchtig auf eine Fortsetzung. Bei uns hat sich in den vergangenen sechs Wochen wieder viel ereignet, so dass der Brief sicherlich etwas länger ausfallen wird.

Erdbeben

Am Montag haben wir hier unser erstes Erdbeben erlebt; genauergesagt waren es gleich zwei Erdbeben der Stärke 3.6. Jedenfalls saßen Michael und ich abends gegen 22.30 Uhr ganz gemütlich auf unserem Futonsofa, als ich zu spüren glaubte, dass unser Sofa sich bewegte. Da man in San Francisco aber jede kleinste Erschütterung, die z.B. ein vorbeifahrender Laster verursacht, als Erdbeben interpretiert, mussten Michael und ich erst diskutieren, um was es sich handelt. Michael behauptete steif und fest, das wäre der Wind. Er konnte mir aber auch nicht erklären, warum an einem windstillen Frühlingsabend der Wind bei geschlossenem Fenster unser Sofa verrücken sollte. Kaum hatte ich diese Worte ausgeprochen, kam auch schon das zweite Erdbeben. Diesmal war auch Michael überzeugt. Er ging nämlich wortlos zu seinem Laptop und schaute nach, welche Stärke das Erdbeben hatte. Über das Internet kann man nämlich diese Information sofort abrufen. Auch der Spielfilm im Fernsehen wurde sofort unterbrochen. Wie üblich interviewte man dort gleich jemanden, der schon lange in San Francisco lebt, also auch das starke Erdbeben 1989 miterlebt hat. Dieser gab den überaus klugen Kommentar ab, dass man in dieser Stadt nie wüsste, ob die kleinen Erdbeben nicht Vorboten eines größeren sind. Am liebsten hätte ich diesen Mann mundtot gemacht, denn ich war sowieso schon zu Tode erschrocken. Das Erdbeben war zwar wirklich nicht schlimm und es ist absolut nichts kaputtgegangen, aber das Gefühl, dass sich der Boden bewegt und vielleicht sogar auftun könnte, hat meine Abenteuerlust für Jahre gestillt.

Abbildung [2]: Die aktuelle kalifornische Erdbebenkarte auf dem Internet: http://quake.wr.usgs.gov/recenteqs

Ihr könnt euch natürlich vorstellen, dass Michael alles höchst spannend und aufregend fand. Sein Kommentar zur Sachlage war, dass er schließlich noch nie in seinem Leben ein Erdbeben erlebt hätte und jetzt diese einmalige Chance bekäme. Ich habe jedenfalls die ganze Nacht schlecht geschlafen und immer das Gefühl gehabt, ich falle ins Bodenlose.

Und was macht man am nächsten Tag nach dem Erdbeben? Man achtet neurotisch auf jede Erschütterung, jede kleinste Bewegung, jedes Beben. Man überlegt sich zum hundersten Mal, welches der sicherste Platz in der Wohnung ist und ist froh, dass man sich einen massiven Esstisch gekauft hat, den man sogar ausziehen kann, so dass im Falle eines Falles der Besuch auch unter dem Tisch Platz nehmen kann. Man fragt sich, ob es wirklich so schlau war, all die Bilder an die Wand zu hängen und beglückwünscht sich selber, dass man den schweren Bilderrahmen doch nicht über das Bett gehängt hat, wie ursprünglich geplant. Man fragt sich, ob der Fernseher wirklich so sicher auf diesem Regal steht. Und man verflucht die amerikanischen Stromleitungen auf der Straße, die einen schließlich beim nächsten Erdbeben erschlagen könnten. Außerdem überlegt man sich, ob man nicht doch ein Erdbebenüberlebenstraining absolvieren sollte und ob man Statistiken über Erdbeben überhaupt trauen kann.

Ich kann nur sagen, dass mir dieses Erdbeben gereicht hat und ich gerne auf jedes weitere verzichte.

Wie man einen kalifornischen Führerschein bekommt

Die zweite Geschichte, die sicherlich viele von euch amüsieren wird, ist die mit meinem amerikanischen Führerschein. Um es kurz zu machen und euch nicht zu lang auf die Folter zu spannen: Ich bin beim ersten Mal durchgefallen, und zwar nicht etwa weil ich ein Stoppschild, eine Ampel oder einen Fußgänger überfahren hätte, sondern weil ich für den amerikanischen Prüfer zu rasant gefahren bin. Er hat z.B. bemängelt, dass ich bei einer grünen Ampel einfach über die grüne Ampel gefahren bin (ich hatte gedacht, dazu wären grüne Ampeln da) und nicht noch einmal nach links und rechts geschaut hätte, es könnte ja schließlich ein besoffener Autofahrer daherkommen und seinerseits bei Rot fahren. Manchmal spinnen die Amis echt. Der Höhepunkt der Geschichte kommt aber erst. Beim zweiten Mal habe ich mit Bravur bestanden. Ich hatte einen anderen Fahrprüfer, der wiederum nicht verstehen konnte, warum ich bei der ersten Prüfung durchgefallen war. Das Einzige, was der zweite Prüfer zu bemängeln hatte war, dass ich mich zu viel umschaue, z.B. beim Überqueren einer Kreuzung mit grüner Ampel ... Gott sei Dank, fällt man aber für vorsichtiges Fahren in Amerika nicht durch.

Damit ihr noch ein etwas klareres Bild von dem amerikanischen Autofahrer bekommt, zitiere ich einige Sätze von Paul Watzlawick aus seinem Buch "Gebrauchsanweisung für Amerika": " Der Durchschnittsamerikaner ist der vernünftigste, höflichste und hilfsbereiteste Fahrer, den man sich denken kann, und seine Straßen sind vorbildlich. (Diese Tugenden erklären, weshalb der amerikanische Tourist im europäischen Fahrer prinzipiell einen Kamikaze-Piloten und in den europäischen Straßen raffinierte Todesfallen sieht.) ... Sie werden sich im Gegenteil eher die Haare ausraufen, wenn der Fahrer vor Ihnen "zur Vorsicht" auch bei "Grün" fast stehenbleibt oder vor einem Fußgängerzebrastreifen zu einem scharfen Halt kommt, weil es den Anschein hat, dass jemand in den nächsten zehn Sekunden möglicherweise die Straße überqueren wollen wird."

Es ist schon immer wieder erstaunlich, auf wieviele Kuriositäten und Unterschiede man im amerikanischen Alltagsleben trifft. Und damit auch ihr ein Bild davon bekommt, werde ich euch einige Beispiele nennen. Vorausgeschickt sei, dass Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen:

Geldgeschäfte

Zunächst einmal ist dem amerikanischen Bankwesen der in Deutschland so übliche Dauerauftrag, das Lastschriftverfahren bzw. die Überweisung fremd. Das liegt wahrscheinlich daran, dass der Amerikaner selber entscheiden will, wann er seine Miete, seine Stromrechnung, Telefonrechnung usw. bezahlen will. In der Praxis bedeutet das nun, dass man jeden Monat mehrere persönliche Schecks schreiben muss, um seine Rechnungen zu bezahlen. Diese Schecks werden dann mit der Post verschickt und irgendwann vom Empfänger eingelöst. Da es in Amerika auf dem Girokonto auch keinen Überziehungskredit gibt, muss man immer höllisch aufpassen, welche Schecks man wann geschrieben hat. Wird ein Scheck nicht eingelöst, weil er nicht gedeckt ist, hat man nämlich ein echtes Problem. Das bedeutet nun, dass man ein kleines Büchlein führt, in dem alle Ab- und Eingänge eingetragen werden, um immer den genauen Kontostand im Voraus zu wissen. Ihr werdet nun einwerfen, dass man doch dafür Kontoauszüge hat. Das stimmt zwar, aber der Kontoauszug zeigt nur immer den aktuellen Kontostand an und nicht die Summe, die noch auf dem Konto ist, wenn alle Schecks eingelöst wurden. Das hört sich jetzt alles umständlich und kompliziert an und ich sage euch, so ist es auch. Irgendwann verliert man nämlich völlig den Überblick oder sucht verzweifelt nach einem fehlenden Betrag, weil man sich in seinem Scheckbuch verrechnet hat oder vergessen hat, etwas einzutragen. In letzter Verzweiflung fragt man dann immer die letzten Kontobuchungen über Telefon ab. Seine Bankgeschäfte über das Telefon zu erledigen, ist in Amerika sowieso sehr populär; dann fällt nämlich das lästige Scheckschreiben weg. Diese Art des Bankgeschäfts ist nun aber wieder uns Europäern suspekt und hilft auch nicht gerade dabei den Überblick zu behalten. Michael stellt ja die Theorie auf, dass die amerikanische Post nur deshalb so billig ist, weil jeden Monat astronomische Mengen von Schecks mit der Post verschickt werden.

In der Regel ist jeder Amerikaner eh ein Geldjongleur, weil er kaum mit Bargeld bezahlt, sondern eben mit einer bunten Auswahl von Kreditkarten oder persönlichen Schecks oder - eine immer mehr in Mode kommende Variante- mit der Bankautomatenkarte seiner Bank. Das führt am Monatsende dazu, dass er zumeist eine Kreditkarte mit der anderen abbezahlt oder eben Schulden macht, weil er auch den Überblick verloren hat.

Übrigens ist es für einen Ausländer nicht möglich, sofort in den Besitz einer amerikanischen Kreditkarte zu kommen. Das liegt daran, dass man keinen amerikanischen "credit record" hat. Der "credit record" gibt Auskunft über die Kreditwürdigkeit und ob man Kredite, die man schon mal aufgenommen hat, ordnungsgemäß zurückgezahlt hat. Auch wenn man im Besitz einer deutschen Kreditkarte ist, hat man keinen amerikanischen "credit record", weil das amerikanische und deutsche System nicht miteinander verbunden ist. So leben wir jetzt damit, dass zwar jeder 18-jährige Amerikaner über mehrere Kreditkarten verfügt, wir uns aber ein Jahr gedulden müssen, um so ein Plastikteil angeboten zu bekommen. Nach einem Jahr werden wir nämlich Einwohner von Kalifornien und zeichnen uns hiermit als kreditkartenwürdig aus. Warum? Das weiss ich leider auch nicht so genau.

Öffentliche Verkehrssysteme

Eine zweite Kuriosität ist das öffentliche Verkehrssystem in San Francisco. Die gute Nachricht ist zunächst: San Francisco verfügt über Busse, Straßenbahn und U-Bahn. Die U-Bahn ist auch relativ zuverlässig, das heißt sie fährt nach einem Fahrplan und hält diesen in der Regel auch ein. Busse und Straßenbahn fahren nur nach einem groben Fahrplan. An den Haltestellen steht z.B. angeschlagen, dass sie wochentags ca. alle 10 Minuten kommen. In der Realität wartet man aber entweder "stundenlang" auf Bus oder Straßenbahn oder es kommen gleich zwei Straßenbahnen oder Busse der gleichen Linie hintereinander. Die Straßenbahn ächzt und keucht, dass man immer gleich meint, sie bricht zusammen oder entgleist. Da es in San Francisco ja bekanntlich viele Hügel gibt, betet man beim Herunter- oder Herauffahren des Hügels immer, dass die Straßenbahn es doch diesmal bitte noch ohne Entgleisung schaffen möge. Auch Busfahren ist meist ein richtiges Abenteuer, da die Fahrer im Gegensatz zu den sonstigen amerikanischen Autofahrern richtige Teufelsfahrer sind und die Busse in der Regel immer durch ein oder zwei schlechte Viertel fahren. Also, wer über die Münchener Verkehrsbetriebe schimpft, komme ersteinmal nach San Francisco. Einen positiven Nebeneffekt hat das Warten an der Haltestelle aber, meist schimpft jeder so lauthals darüber, dass die Busse und Straßenbahnen so unpünktlich kommen, so dass wildfremde Menschen miteinander ins Gespräch kommen, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Am Wochenende empfiehlt es sich besonders schon vorbeugend etwas an die Haltestelle mitzunehmen, was einem die Zeit vertreibt (z.B. ein Buch), weil dann sowohl U-Bahn als auch Busse und Straßenbahnen noch seltener fahren.

Trotz dieser Widrigkeiten haben wir uns aber noch kein Auto gekauft, sondern bleiben den öffentlichen Verkehrsmitteln treu, denn das Autofahren in San Francisco hat auch so seine Tücken, weil man z.B. nie einen Parkplatz findet oder sein Auto ständig umparken muss, weil die Straßenreinigung kommt. Wenn mich das Warten an der Haltestelle übrigens zu sehr nervt, gehe ich häufiger auch zu Fuß. Das entschädigt dann an einem sonnigen Tag so richtig, weil man wegen der hügeligen Lage oft fantastische Ausblicke auf die Stadt hat.

Wenn man in San Francisco sich mit dem Auto fortbewegt, trifft man noch auf ein weiteres Phänomen. An größeren mehrspurigen Straßen mit Mittelstreifen stehen nämlich an den Ampeln Obdachlose und versuchen bei roter Ampel etwas Kleingeld von dem Autofahrer zu bekommen, der an der Ampel warten muss.

Pflanzenfett und Spiritus

Und nun noch eine für uns besonders lustige Geschichte zum Thema "Alltäglichkeiten": Am Abend meines Geburtstages wollten Michael und ich traditioneller Weise ein Fondueessen machen. Wir dachten eigentlich, dabei auf keine größeren Probleme zu stoßen, wurden aber eines Besseren belehrt. Zunächst einmal wollten wir Fett kaufen, das man hoch erhitzen kann. Da hier in der Regel aber die Fette fettreduziert oder sogar fettfrei sind (keine Ahnung wie das die Amerikaner hinkriegen), kann man diese nicht hoch erhitzen. Also was nehmen? Ich habe dann ersteinmal meine Freundin Sylvia, die ja schon etwas länger in Amerika lebt, um Rat gefragt. Sie sagte, dass wir "Crisco", ein Pflanzenfett, kaufen sollten, das allerdings in der Backabteilung stehen würde. Außerdem offenbarte uns Sylvia, dass es keinen Spiritus zu kaufen gibt, sondern nur ein sogenanntes "cooking fuel", das so ähnlich aussieht wie Grillanzünder. Leider konnten wir dieses aber in keinem Laden finden. Nun hatten wir aber schon das Fleisch und alle weitere Zutaten eingekauft. Also haben wir kurzerhand den Herd in die Mitte der Küche geschoben, den Esstisch an den Herd gerückt und den Fonduetopf auf die Herdplatte gestellt. Dies war dann nicht ganz so romantisch, aber sehr witzig.

Ja, und was haben wir sonst in den vergangenen sechs Wochen gemacht?

Seaworld San Diego

Wir sind wieder viel unterwegs gewesen. Ein Wochenende waren wir mit Sylvia und Richard in San Diego. Richard hatte über seine Firma die Möglichkeit, ein wunderschönes Haus zu bekommen, das in dem Nobelviertel La Jolla (so ähnlich wie Beverly Hills in Los Angeles) liegt. Wir mussten für das Haus nichts bezahlen, obwohl es riesig groß war und mit allem Komfort ausgestattet war (inclusive Pool und Hot Tub); so eine richtige Luxusvilla eben.

Abbildung [3]: Seaworld: Wo Wale hüpfen

Abbildung [4]: ... und Menschen!

Richard und ich haben schon im Ozean gebadet und das Ende Februar. Michael hat sich Rollerblades (eine Art Rollschuhe) ausgeliehen und ist an der Strandpromenade lang gelaufen. Er war ganz begeistert und hat sich dadurch als echter Kalifornier qualifiziert. Auf jeden Fall hatten wir alle viel Spaß.

Abbildung [5]: Das größte Hotel der Welt: Das MGM in Las Vegas

Abbildung [6]: "Brook's Rent A Car" -- Die Autovermietung in der wir uns vor 10 Jahren zum ersten Mal über den Weg liefen -- immer noch im Geschäft!

Las Vegas ist schon eine verrückte Stadt. Alles dreht sich ums Spielen und die Casinos werden immer noch gigantischer. Sehr beeindruckt waren wir von dem ganz neuen Casino "New York, New York". Die Skyline von New York wurde naturgetreu nachgebaut (einschließlich der Freiheitsstatue). Beim Spielen haben wir nichts gewonnen, aber das ist sicher ein gutes Zeichen, denn wie heißt es doch gleich: "Glück im Spiel und Pech in der Liebe!"

Abbildung [7]: Nein, das ist nicht New York, nur das Casino "New York, New York" in Las Vegas

Abbildung [8]: Ein Streik im Casino "Frontier": Die Angestellten kommen sich ausgenutzt vor und appellieren an deutsche Touristen, das Casino zu boykottieren.

Abbildung [9]: Am Baker Beach in San Francisco. Windig aber schön!

Natürlich haben wir dieses Wochenende auch wieder ein kleines Abenteuer erlebt. Da Michaels Freund und Arbeitskollege zur Zeit im Urlaub ist, hat er uns netter Weise sein Auto, einen amerikanischen Kleinbus -genannt Van- zur Verfügung gestellt. Wir fahren also mit diesem zum Einkaufen und denken an nichts Böses, als sich plötzlich in der Nebenfahrspur zwei Polizeiautos vor und hinter einem anderen Van querstellen, die Polisten aus dem Auto springen, die Fahrertür aufreißen und dem Fahrer wortlos Handschellen anlegen. Wir standen direkt daneben. Man hätte echt meinen können, da wird ein Film gedreht, aber es handelte sich hierbei um die Realität. Michael meinte dann nur ganz trocken, dass wir froh sein könnten, dass die Polizisten nicht die beiden Vans miteinander verwechselt hätten. Dann hätte man uns nämlich die Handschellen angelegt.

Leben ohne Arbeit?

Ansonsten gehe ich weiterhin fleißig in meinen Englischkurs. Ich habe dort eine ganz nette Deutsche kennen gelernt, die aus Hamburg kommt und in Hamburg als Sozialarbeiterin gearbeitet hat. Sie ist auch mit ihrem Mann hier und befindet sich in einer ähnlichen Situation wie ich. Da sie ganz in unserer Nähe wohnt, setzen wir uns nach unserem Kurs noch oft zusammen und klönen ausgiebig oder genießen gemeinsam die Sonne auf ihrem Balkon. Zu Amerikanern haben wir zur Zeit über Michaels Firma Kontakt, z.B. wenn jemand eine Party gibt, und natürlich über Richard (den amerikanischen Mann meiner Freundin Sylvia) und seine Familie.

Viele von euch fragen mich immer, ob mir nicht langweilig ist, weil ich nicht arbeite. Über Langeweile kann ich eigentlich nicht klagen. Bis mittags bin ich in meinem Englischkurs und dann muss ich meist dafür noch Hausaufgaben machen. Na ja, und dann gibt es natürlich immer etwas zu erledigen (Post wegbringen, einkaufen, in den Waschsalon gehen, die Gegend erkunden, Informationen über soziale Einrichtungen einholen usw. ). Ich genieße es auch, dass ich endlich einmal Zeit zum Lesen, Bummeln oder Fotografieren habe. Die Arbeit fehlt mir trotzdem wahnsinnig und ich denke viel an die Kinder. Ich vermisse das Walten und Schalten in der Gruppe. Hinzukommt, dass es doch schwierig ist, eine geeignete Weiterbildungsmaßnahme zu finden. Das, was mich interessiert, ist meist sehr teuer oder scheitert daran, dass ich irgendwelche amerikanischen Abschlüsse nicht vorweisen kann. Hier geht es nämlich auch ziemlich bürokratisch zu. Ich bin dann schon manchmal sehr frustriert, wenn es nicht so geht, wie ich es mir vorgestellt habe und kann dann dementsprechend meine freie Zeit nicht so genießen.

Ich habe jetzt aber sehr viele Adressen von sozialen Einrichtungen für Vorschulkinder ausfindig gemacht und werde versuchen mir diese anzuschauen oder vielleicht sogar in einer geeigneten freiwillig mitzuarbeiten. Zunächst kommt aber meine Freundin Christa für drei Wochen zu Besuch und wir wollen zusammen Kalifornien und natürlich San Francisco entdecken. Darauf freue ich mich total.

Michael macht die Arbeit weiterhin Spaß. Zur Zeit beschäftigt er sich mit unserer amerikanischen Steuererklärung und ist kurz vor dem Verzweifeln, aber da muss man durch.

So, ihr Lieben, jetzt will ich diesen Brief langsam beenden. Wir hoffen, dass ihr uns nicht vergesst.

Alles, alles Liebe!

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 11-May-2017