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  Rundbrief Nummer 19  
San Francisco, den 12.12.99
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Abbildung [1]: Weihnachtsgrüße aus der Südsee

Weihnachtsbrief 1999

(Angelika) Nun ist es wieder mal soweit. Weihnachten steht vor der Tür und ich möchte mich hinsetzen und meinen Weihnachtsbrief verfassen. Natürlich bleibt auch mir dieses Jahr nicht erspart, ein paar Worte über die bevorstehende Jahrtausendwende (in Englisch vielversprechend "Millenium" genannt) zu verlieren. Man hat fast den Eindruck, Weihnachten tritt dieses Jahr ein wenig in den Schatten, weil sich alle auf das große Ereignis vorbereiten. Ja, nun müssen wir wirklich bald 2000 schreiben, oder, etwas lächerlich, "00". Ich weiß noch, dass ich in meinen Teenagerjahren immer geübt habe, diese Jahreszahl zu schreiben und fast zurückgeschreckt bin, weil das Bild so fremd anmutete. Auch rechnete ich immer aus, wie alt ich im Jahr 2000 sein würde -- dabei erblasste ich nicht weniger. Nun läuft also der Countdown und in San Francisco macht sich so etwas wie Kastastrophenstimmung breit; schließlich rechnet man mit einem enormen Besucheransturm, da San Francisco für viele die Milleniums-Traumstadt ist. Hier will man sein und feiern. So haben Polizisten, Feuerwehrmänner und Sanitäter schon seit Jahren Urlaubssperre. Der Weihnachtsbaum am Union Square wird vorzeitig abgebaut werden, da man befürchtet, Angetrunkene könnten versuchen, ihn zu erklimmen. Hilfsorganisationen werden Notzelte aufbauen, um leicht Verletzte gleich an Ort und Stelle zu versorgen. Einige Restaurants am Embarcadero (Straße, die in San Francisco am Wasser entlangführt) werden am Silvesterabend schließen (und das in Amerika), weil sie befürchten, dass ihre Gäste wegen der Menschenmassen, die das Feuerwerk vom Embarcadero aus beobachten wollen, nicht bis zu ihnen durchkommen werden. Auch wurde lange diskutiert, ob man die Golden Gate Bridge nicht um Mitternacht für den Autoverkehr sperren sollte, um potentielle Unfälle mit Fußgängern zu vermeiden. Natürlich werden wir seit Wochen auch mit Schreiben von unserer Bank, den Elektrizitätswerken, unseren Kreditkartenfirmen usw. bombardiert, die uns versichern, dass sie alles fest im Griff haben und ihre Computer natürlich nicht zusammenbrechen werden. Bei AOL werden einige Mitarbeiter wahrscheinlich wie Ärzte mit einem Beeper ausgestattet werden, um sich im Notfall über den Computer zu Hause in der Firma einzuloggen und so eventuell auftretende Probleme zu lösen. Bis zu drei Tage zusätzlichen Urlaub (ein unschätzbarer Luxus in Amerika) werden geboten, wenn man bereit ist, mit Beeper zu Hause zu sitzen.

Natürlich boomt auch das Geschäft mit der Jahrtausendwende. Bei Macy's, einem großen Kaufhaus in San Francisco, kann man Zubehör wie Sektgläser, Kugeln mit Jahr-2000-Aufdruck, Sektflaschen aus Plastik usw. für den Weihnachtsbaum kaufen, um diesen ganz zum Ereignis passend zu dekorieren. Überall gibt es digitale Uhren zu erwerben, die einem anzeigen, wieviel Tage, Minuten, Sekunden es noch sind bis zum Jahr 2000. Das erinnert dann doch mehr an einen Raketenstart. Der absolute Renner sind aber Zeitkapseln ("time capsule"). Dahinter verbirgt sich oft nur eine einfache Dose oder Kiste mit Papier und Bleistiften gefüllt. Die Idee ist, Zukunftswünsche und Gedanken für nachfolgende Generationen aufzuschreiben und diese dann in die Plastikdose zu stecken und zu vergraben. Der Fantasie sind da natürlich keine Grenzen gesetzt. So lassen sich auch Gegenstände, Fotos oder andere Erinnerungsstücke mit vergraben. Will man, dass die Dose oder Kiste irgendwann wieder ausgebuddelt wird, sollte man sich natürlich gut die Stelle merken. Die Idee mit der Zeitkapsel erinnert mich ein wenig an ein Projekt, das ich für einen meiner letzten Fotokurse erstellen musste, fernab von jeder Milleniumshysterie. Wir hatten eine Collage aus Gegenständen und/oder Fotos zu erstellen, die unsere persönliche Geschichte widerspiegelte. Dabei ging es darum, Dinge zu finden, von denen man sich nie trennt, die bei jedem Umzug mitkommen, die oft unscheinbar wirken, aber für den Besitzer einen unendlichen ideellen Wert haben. Na, und da fiel mir sofort unser Umzug nach Amerika ein, besonders wie ich am 30.12.1996 mit meinem zum bersten gefüllten Handgepäck am Münchener Flughafen beim Sicherheits-Check stand und auspacken musste und dabei den Sicherheitsbeamten etwas in Erstaunen versetzte. Zum Vorschein kamen nämlich nicht nur unser geliebter Fotoapparat mit sämtlichem Zubehör und einige wichtige Dokumente, sondern auch Fotos über Fotos, die ich zuvor in mühevoller Kleinarbeit beim Saturn Hansa hatte nachmachen lassen. Dabei waren Bilder von unserer Hochzeit, die Lieblingsfotos von unseren Urlauben, Bilder von unserer Münchener Wohnung, aber am allerwichtigsten: Ein Foto von jedem, der uns nahesteht -- Familie und Freunde gleichermaßen. Der Beamte fragte mich, warum ich denn die ganzen Fotos bei mir hätte und ich sagte nur, dass ich auf keinen Fall riskieren könnte, diese zu verlieren. Kopfschüttelnd ließ er mich durchgehen. Und ich denke mir, egal ob nun Jahr 2000 oder nicht, wichtig sind die Menschen, die einem begegnen und begegnet sind und so wünschen wir euch mehr als jede rauschende Party, mindestens einen lieben Menschen, der mit euch ins Jahr 2000 hineinfeiert.

In diesem Sinne wünschen ein wunderschönes Weihnachtsfest:

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 30-Apr-2018