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  Rundbrief Nummer 127  
San Francisco, den 08.12.2018


Abbildung [1]: Angelikas neue Schule.

Angelika Nach fast zwölf Jahren Dienst bei der verhaltenstherapeutischen Frühförderungseinrichtung mit autistischen Kindern habe ich doch noch die Kurve gekriegt und die Arbeitsstelle Ende August gewechselt. Nach zwölf Jahren kommt man ja etwas in den Trott. Man kennt sich aus und weiß wie der Laden läuft und hat tausend Bedenken, etwas Neues anzufangen, denn niemand kann genau vorhersagen, was kommt. Ich bin ja auch kein junger Spund mehr und habe zudem noch damit zu kämpfen, dass keiner hier so richtig meine Ausbildung kennt. Ich bin ja Diplom-Heilpädagogin und habe oben drauf noch an einer Fachhochschule studiert. Zu meinen Zeiten gab es gar kein anderes Angebot, aber das Studium an der Fachhochschule ist oft schneller, wenn die diversen Praktikas, die der Student in der Regel absolvieren muss und das Anerkennungsjahr nicht mit einbezogen werden. Beim Umsetzen der Abschlüsse in das amerikanische System zählen aber in der Regel nur die Jahre an der Hochschule und Fachhochschulabschlüsse werden oft nur mit dem amerikanischen Bachelor-Abschluss gleichgesetzt und gelten nicht als höherer Abschluss, hier "Masters" genannt. Eine etwas schieflastige Bewertung, denn das Bachelor-Studium in Amerika ist mehr wie eine Kombination aus deutschem Abitur und dem Vordiplom. So muss der amerikanische Bachelor-Student noch allgemeinbildende Fächer wie zum Beispiel Englisch, Mathe und Geschichte belegen und spezialisiert sich kaum. Das Problem war nun, dass ich zwar nach deutschen Kriterien gut ausgebildet bin, mit super viel Erfahrung, nach amerikanischen mir aber der Masters-Abschluss fehlt und die Positionen, für die man nur einen Bachelor braucht, hier oft untergeordnet und schlecht bezahlt sind.

In meiner Branche geht es nämlich oft sehr bürokratisch zu. Viele Einrichtungen bekommen staatliche Gelder. Die Autismustherapie, die ich mache, wird seit geraumer Zeit von den Krankenkassen fianziert. Da wiehert dann der Amtsschimmel, während es in anderen Branchen wie in der Softwareindustrie etwas lockerer zugeht und Leute mit ungewöhnlicheren Lebensläufen oder Abschlüssen sich durchaus in gute Positionen katapultieren können, wenn sie das nötige Talent oder Wissen haben.

Aber ich schweife ab, denn ich wollte ja eigentlich berichten, wie und was ich für eine neue Stelle an Land gezogen habe. Ich hatte schon seit längerer Zeit immer mal wieder auf dem Portal craigslist.org nach interessanten Stellen geschaut. Und eines Sonntag abends fand ich dann ein Stellenangebot, dass wie Faust aufs Auge auf mich zugeschnitten war. Also schnell noch die Bewerbung überarbeitet, ein ordentliches Anschreiben dazu gepackt, und die Bewerbung per E-Mail abgeschickt. Am nächsten Tag bekam ich bereits die Einladung zum Vorstellungsgespräch, das gut verlief, und noch am selben Tag lag das Angebot auf dem Tisch.

Also wagte ich in den Sprung und arbeite jetzt an einer privaten Schule als verhaltenstherapeutische Spezialistin in San Mateo, etwa 30km südlich von San Francisco. Die Schule ist noch im Aufbau und relativ klein, sozusagen eine Start-up-Schule. Zur Zeit gibt es Klassen vom Kindergarten bis zur sechsten. Einige Klassen sind noch kombiniert, weil die Schülerzahl noch relativ gering ist. So haben wir zum Beispiel eine dritte/vierte Klasse, in der die Kinder zusammen unterrichtet werden. Die Kinder in der Schule haben in der Regel Verhaltensauffälligkeiten wie zum Beispiel Hyperaktivität oder Angstzustände; einige in meiner Klasse haben Autismus. Die Schüler in unserer Schule sind normal oder sogar überdurchschnittlich intelligent, haben aber oft große Schwierigkeiten in regulären Schulen gehabt aufgrund ihres Sozialverhaltens. Die Klassen sind sehr klein bei uns, und wir sind zu zweit in einer Klasse, immer ist ein Grundschullehrer und ein verhaltenstherapeutischer Spezialist anwesend.

Ich habe eine zweite Klasse mit meiner Kollegin zusammen, und wir haben zur Zeit sechs Schüler. Meine Kollegin ist für den Schulstoff zuständig und ich für das Verhalten. Ich unterrichte jeden Tag eine Stunde, die sich um positives Sozialverhalten dreht, genannt SEL (= Social Emotional Learning), was mir sehr viel Spaß macht. Die Kinder in der Klasse sind nicht ganz einfach und ich habe schon so manche Blessur davon getragen, weil einige meiner Schüler auch aggressiv sind. Aber mir gefällt die neue Herausforderung und das Konzept unserer Schule sehr, denn ansonsten herrscht hier das Modell vor, dass Kinder bei Bedarf eine Hilfskraft zur Seite gestellt bekommen, damit sie den Stoff bewältigen und sich in die Klasse integrieren.

In diesem Berufszweig gibt es hier kaum gut ausgebildete Kandidaten, und die Bezahlung ist normalerweise auch nicht gut. Aber unsere Schule folgt der Philosophie des Team-Unterrichts und meine Kollegin und ich stehen auf gleicher Stufe. Da die Schule privat ist, gibt es weniger staatliche Reglementierungen, was in der Praxis bedeutet, dass wir auch in der Klasse mehr Freiheiten haben. Ich bin jedenfalls froh, dass ich nochmal den Mut hatte, etwas Neues zu wagen!

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Letzte Änderung: 24-Dec-2018