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  Rundbrief Nummer 125  
San Francisco, den 01.05.2018


Abbildung [1]: Der Bedarf an Nagelpflegesalons in Noe Valley ist anscheinend immer noch nicht gesättigt.

Michael Auf unserer ehemals so prenzelberghaften Straße, der 24th Street in Noe Valley, sperren immer mehr Restaurants und Läden zu und weichen scheinbar zwei bis drei narrensicheren Geschäftsmodellen: Nagelpflegesalons und Wohnungsmakler. Auch Bankfilialen scheinen gut zu gehen, aber auf Dauer nervt diese Monokultur die Anwohner, die lieber kleine Modeboutiquen oder Omaläden mit Heimwerkerbedarf dort sähen. Man munkelt übrigens, dass Nagelpflegesalons sich gut zur Geldwäsche eignen, allerdings wurde noch nichts dementsprechendes gemeldet. Jedenfalls nenne ich unser Viertel Noe Valley nun gerne "Nail Valley".

Abbildung [2]: Erfolgreiches Geschäftsmodell in Noe Valley: Überteuerte Häuser an neureiche Idioten verscherbeln.

Manche Geschäfte stehen nach der Schließung einfach monatelang leer, bevor ein wagemutiger Investor ein neues Projekt in Angriff nimmt. Wie sich das rechnet, weiß ich auch nicht, aber der Rekordhalter unter den leerstehenden Geschäften auf der 24th Street ist der Laden "Real Food", der im Jahre 2003 zugesperrt und bis heute nicht mehr aufgemacht hat. Bald 15 Jahre lang schauen wir Noe-Valleyaner schon ungläubig auf die leere Ladenzeile, für die der Vermieter gut und gerne $20.000 im Monat hätte kassieren können. Einfach so 3,6 Millionen Dollar zum Fenster rauszuwerfen ist schon der Gipfel der Dummheit.

Abbildung [3]: Steht seit 15 Jahren leer: Real Food.

Bei den Gaststätten vertun sich frischgebackene Wirte anscheinend oft bei der Kostenkalkulation, denn, und das gilt USA-weit, 59% geben in den ersten drei Jahren auf. Viele jammern über die zu schmalen Gewinnmargen, was ich ehrlich gesagt bei den horrenden Preisen nicht ganz nachvollziehen kann: Ein Abendessen für zwei in einer der Gaststätten auf unserer Straße kostet gut und gerne $100, und wenn's exklusiv beim Edeljapaner ist, eher $200.

Abbildung [4]: Die Bar "Caskhouse" hat aufgegeben.

Dennoch scheitern die Gaststätten bei uns immer nach dem gleichen Muster: Erst sparen sie beim Personal, eines Tages sitzt man in seinem Stammlokal und reibt sich verwundert die Augen, weil nur noch eine einzige Bedienung für's ganze Restaurant zuständig ist und es ewig lange dauert, bis sie auch nur angedackelt kommt um die Getränkebestellung aufzunehmen. Unser Lieblingslokal "Savor" stellte letztes Jahr sogar auf Selbstbedienung um, und die Gäste mussten ihr Essen zuerst an der Kasse bezahlen, eine Nummer mit zum Tisch nehmen, worauf eine Aushilfe irgendwann das Essen anschleppte.

Abbildung [5]: Die Gaststätte "Hamlet" hat nach einem Jahr mangels Erfolg zugesperrt.

Nicht nur wir weigerten uns fürderhin, dort zu essen, sondern anscheinend auch noch andere Leute im Viertel, denn nach 6 Monaten fanden wir eine Wurfsendung im Briefkasten, nach dem der "Table Service" im "Savor" nun wieder eingeführt würde. Allerdings stellte sich heraus, das der Laden seine bekannten Crêpes nun nicht mehr wochentags sondern nur noch an Wochenende servierte. War zur Zubereitung der Pfannkuchen ein hochbezahlter Spezialkoch zuständig, den sich die Wirtschaft wochentags nicht leisten konnte? Ich bezweifle es, aber nach einigen Monaten kam eine zweite Wurfsendung, nach der es auch wochentags nun wieder Crêpes gäbe. Man greift sich an den Kopf und fragt sich, welche Art Geschäftsmann solche irren Entscheidungen trifft.

Abbildung [6]: Die Reinigung "Cleaners" schloss nach 20 Jahren ihre Türen.

Auch das Restaurant "Hamlet" und die Bar "Caskhouse" haben letztens aufgegeben. Beide wurden von einem erfahrenen Hotelier geleitet, und beide waren teuer und jeden Abend rappelvoll. Dann sperrte die Bar nur noch an ungeraden Wochentagen auf und im Hamlet wurden die Bedienungen gekürzt, worauf die Kundschaft ausblieb. Irgendwie ist der Wurm drin. Wie kann eine Bedienung, die mit Nebenkosten vielleicht $30 pro Stunde kostet, und pro Stunde sagen wir fünf Tische bedient, an denen jeweils $100 umgesetzt werden überhaupt ein Faktor in der Kalkulation sein? Aber keine Angst, ich werde niemals ein Restaurant eröffnen.

Abbildung [7]: Hier lässt sich San Franciscos Damenwelt die Fußnägel lackieren.

Dass Geschäftsmodelle, die nicht viel Umsatz machen, in einem superteuren Viertel wie Noe Valley keine Chance haben, ist traurig aber allerdings wahr, und so wundert es mich nicht, dass nun eine unserer zwei Reinigungen zugesperrt hat oder der Gemischtwarenladen "Tuggey's" für Heimwerkerbedarf, bei dem ich immer schnell fehlende Schrauben oder Dichtungen kaufen konnte, falls ich gerade etwas repariert habe. Leider muss ich dafür jetzt zum Baumarkt fahren. Der Hardware-Laden "Cliff's Variety" im Nachbarviertel "Castro" läuft noch, verkauft aber auch Kinderspielzeug und sehr geschmackvollen Krimskrams für die Einrichtung von Intellektuellenwohnungen. Angelika kauft dort regelmäßig ein.

Auch die Anzahl der "Dog Groomers" (also Hundefriseure) nimmt stetig zu in Noe Valley. Neulich ging allerdings eine Petition rum, nachdem eine Kette aus Los Angeles einen neuen Hundefriseurladen auf der 24th Street eröffnen wollte und die Nachbarn sich echauffierten, weil es erstens schon zwei Hundefriseure gab, und zweitens lokale Oma- und Opaläden im Hundefriseurgenre generell Ketten vorzuziehen seien. Na, wenn's schön macht, soll's mir recht sein.

Grüße aus der närrischen Stadt der Internet-Lemminge:

Angelika und Michael

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Letzte Änderung: 23-Sep-2018