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Rundbrief
  Rundbrief Nummer 115  
San Francisco, den 29.02.2016
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Rundbrief


Abbildung [1]: Unter den Brücken des Freeway 101 reiht sich Zelt an Zelt.

Angelika Obdachlose gehören in San Francisco leider zum Stadtbild. Die Gründe für die hohe Anzahl der Obdachlosen in dieser Stadt sind vielschichtig: Hohe Lebenshaltungskosten, kaum bezahlbare Wohnungen und zu wenig Wohnungen im allgemeinen. Verliert man den Job und hat keine Rücklagen, endet man schnell auf der Straße, weil es keine Sozialsysteme gibt, die einen auffangen. San Francisco gilt als liberal und hat trotz aller Probleme Hilfsangebote für Obdachlose. Die reichen zwar hinten und vorne nicht, aber es gibt sie wenigstens. Auch ist das nordkalifornische Klima relativ mild. Es regnet Monate nicht und Schnee gibt es nie. Fast 6.690 Obdachlose lebten Anfang 2015 in San Francisco. Seitdem wir in dieser Stadt leben, versprach jeder neu gewählte Bürgermeister, das Problem in den Griff zu bekommen. Bis jetzt ist jeder gescheitert oder setzte nach der gewonnenen Wahl wieder andere Prioritäten.

Abbildung [2]: Hier wird ein Fahrrad repariert.

Auch dass Obdachlose Zuflucht unter Autobahnbrücken suchen, ist keine Neuheit. Oft entwickeln sich daraus dann kleine Zeltlager. An der Cesar-Chavez-Ausfahrt der Autobahn 101 gibt es zum Beispiel ein solches Lager. Ich fahre dort oft mit dem Auto vorbei und habe über die letzten Monate hinweg die Zeltsiedlung wachsen sehen. An einigen Tage der Woche teilen Nonnen Essen an die Obdachlosen aus und ich habe auch schon beobachtet, wie die Nonnen den Obdachlosen die Haare auf der Straße schneiden. Das rührt mich dann immer sehr. Ein neuerer Trend ist allerdings, dass die Zelte sich auf den Bürgersteigen der Stadt ausbreiten. So standen an der Division Street bis vor kurzem sage und schreibe 130 Zelte auf dem Bürgersteig entlang der Straße.

Abbildung [3]: Zeltreihe mit Obdachlosen in San Francisco

Über dieser Straße verläuft die Autobahn und die Hochtrasse bietet Schutz vor dem Wetter. Nun ist die Gegend nicht gerade das Topwohnviertel, aber es befinden sich dort viele Geschäfte wie zum Beispiel der Elektronikmegamarkt "Best Buy", ein Supermarkt für Büromaterial, "Office Depot", sowie der alternative Supermarkt "Rainbow" (Rundbrief 09/2005) in unmittelbarer Nähe. Nach Zeitungsberichten wurden selbst dem Rainbow-Supermarkt die Obdachlosen in der Nachbarschaft zuviel, obwohl der Laden das Image der linken Alt-Hippies heraufbeschwört und als Co-op den eigenen Mitarbeitern gehört.

Abbildung [4]: Einzelzelt mit Plastikplane.

Die Obdachlosen vergraulten nämlich Kunden, benutzten die Toiletten des Supermarktes als privates Badezimmer oder blockierten mit den Zelten die Zufahrtswege für die Zulieferer. Es kam wohl auch des öfteren vor, dass ein Obdachloser den Supermarkt betrat und sich entblößte oder einfach nur rumschrie. Viele der Obdachlosen sind pyschisch krank und gehörten eigentlich in betreute Einrichtungen, die aber eine Rarität sind. Die Rainbow-Mitarbeiter versuchten, unseren Bürgermeister Ed Lee auf die Dringlichkeit der Lage aufmerksam zu machen, erhielten aber zunächst keine Unterstützung. Die Rainbow-Truppe wollte die Obdachlosen nun nicht unbedingt vertreiben, sondern nur für bessere hygienische Bedingungen sorgen wie mehr Toiletten und mehr Mülleimer.

Abbildung [5]: Ein Obdachloser telefoniert mit dem Handy.

Letzte Woche nun drohte die Stadt dann auf einmal mit der Zwangsräumung der Zelte. Am Dienstag setzte sie eine Frist von 72 Stunden. Zunächst versuchten Sozialarbeiter, die Zeltbewohner dazu zu überreden, freiwillig das Feld zu räumen und in das neue temporäre Obdachlosenasyl am Pier 80 mit 150 Betten (beziehungsweise korrekter ausgedrückt: 150 Matratzen auf dem Boden) zu ziehen. Das Asyl erfreut sich aber nicht der erhofften Beliebtheit, obwohl Dinge erlaubt sind, die in anderen Obdachlosenasylen verboten sind. Man darf zum Beispiel dort seine Haustiere mitbringen sowie das gesamte Hab und Gut, und Partner müssen nicht getrennt schlafen.

Abbildung [6]: Blick ins Obdachlosenzelt.

Auch muss die Unterkunft am Pier 80 tagsüber nicht geräumt werden. Und die Stadt serviert drei Mahlzeiten am Tag. Viele der Obdachlosen ist der Pier 80 allerdings zu weit vom Schuss. Einige ließen sich dann doch überreden, und am Freitag hatten sich die Zelte auf ungefähr 40 reduziert. Samstag waren es dann vieleicht noch 10. Allerdings sind die meisten nur ein paar Häuserzeilen weiter gezogen. Trotz des Ultimatums kam die Polizei nicht zum Räumen der letzten Zelte. Die Stadt hofft einfach, dass die Obdachlosen, die zum Pier 80 gezogen sind, dort bleiben. Ich glaube allerdings, dass die Zelte bald wieder in großer Anzahl zurückkehren werden.

Perly Perlmans letzte Ruhestätte

Abbildung [7]: Perly Perlman steht nun beim Schrotthändler.

Michael Im letzten Rundbrief hatte ich noch scherzhaft rumgetönt, dass ich wohl bald live aus der Schrottpresse berichten würde (Rundbrief 11/2015), nachdem mir ein Programm des Bundesstaates Kalifornien tausend Dollar dafür geboten hatte, unser altes Auto Perly Perlman Jahrgang 1991 von der Straße zu nehmen. Damals hatte ich freilich noch keine Ahnung davon, dass es so schnell gehen würde! Aber als Angelika neulich berichtete, dass ihr das Kupplungspedal unseres Zweitautos im Stau auf der Bay-Bridge steckengeblieben war und sie es von Hand wieder hochziehen musste, handelte ich schnell und kaufte ihr ein neues Pendler-Muli, einen Honda Fit Sport Baujahr 2011. Der Trend zum Drittauto ist zwar in Amerika heutzutage unaufhaltbar, aber da wir nur zwei Stellplätze in der Garage haben, auf der Straße laufend Autos gestohlen werden oder in sie eingebrochen wird, und die laufende Umparkerei wegen Straßenreinigung und Anliegerparkzonen ein Vollzeitjob ist, musste Perly Perlman nach 17 treuen Jahren in unseren Diensten (und im zarten Alter von 24 Jahren) schließlich gehen. Buhu!

Abbildung [8]: Hier lagern alte Autos zum Ausschlachten.

Ich rief also die auf dem Schrieb von der Umweltschutzbehörde angegebene Nummer an, bekam sofort ein menschliches Wesen an den Apparat, und man erklärte mir das Verfahren: Ich sollte Kopien vom Kraftfahrzeugschein des Autos anfertigen (auf amerikanisch "Title" genannt), sowie von den letzten drei jährlichen Registrierungen, und das Ganze zurückfaxen. Wer in Amerika außer Angelika drei Jahre alte Registrierungsbelege säuberlich abheftet, ist mir zwar nicht klar, aber jedenfalls hatte ich somit alles zusammen, und faxte die Dokumente an die angegebene Nummer. Zwei Tage drauf schellte das Telefon, und jemand forderte uns auf, einen Termin zur Verschrottung des Autos anzuberaumen. Der früheste verfügbare Termin war zwar erst drei Wochen später, aber ich stimmte zu, an einem Montag um acht Uhr morgens bei einem etwa nur drei Kilometer von unserer Wohnung entfernt liegenden Schrotthändler vorzufahren.

Abbildung [9]: Der luxuriös ausgestaltete Warteraum beim Schrotthändler.

In der Zwischenzeit rotierten wir noch drei Wochen lang das jeweils auf der Straße stehende Auto durch, da San Franciscos 72-Stunden-Regel es untersagt, ein Auto länger als drei Tage im selben Straßenblock stehen zu lassen (Rundbrief 03/2009), auch wenn Straßenreinigungszeiten und Anliegerparkzonen dies erlauben würden. Also fanden wir einen der wenigen noch nicht von der Pest des Anliegerparkens infizierten Straßenzüge in unserer Nachbarschaft, parkten dort außerhalb der Stoßzeiten, während derer es völlig aussichtslos ist, einen Parkplatz zu finden, und schnallten den großen gelben Stahlbügel der Lenkradsperre an, damit jugendliche Sozialfälle aus den Niedrigverdienervierteln des Nachts nicht damit spazierenfahren konnten. Alle drei Tage fuhren wir dann mit einem der anderen Autos hin, und tauschten beide Fahrzeuge im Tag-Team-Verfahren blitzschnell aus, um der 72-Stunden-Regel zu genügen.

Abbildung [10]: Auf dem Schreibtisch des Schrotthändlers labt sich eine gewampte Katze am Inhalt ihres Fressnapfs.

Beim Schrotthändler lief dann alles sehr professionell ab. Er inspizierte Perly Perlman kurz, fuhr ein paar Meter vor- und zurück und akzeptierte ihn ohne Murren. Ich musste ein halbes Dutzend Formulare ausfüllen, den Kraftfahrzeugschein und die drei letzten Registrierungsbelege abgeben und bekam dann die Zusicherung, dass innerhalb von ein paar Tagen ein Scheck per Post bei uns zuhause eintrudeln würde. Zurück nach Hause fuhr ich vom Schrottplatz an diesem denkwürdigen Tag mangels eines fahrbaren Untersatzes dann mit einem Internettaxi der Firma Lyft zum Schlagerpreis von fünf Dollar plus Trinkgeld. Drei Tage später lag ein Scheck über 1000 Dollar im Briefkasten.

Sedona/Arizona

Abbildung [11]: Gesteinsmassiv in Sedona/Arizona im Abendlicht

Michael In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr flogen wir in den Bundesstaat Arizona, um uns in einer Ferienwohnung in dem Städtchen Sedona zu erholen. Die Gegend bietet dutzende schön anzuschauende rötliche Gesteinsmassive, die man alle auf Wanderwegen erkunden kann. In dem Wüstenklima dort war es etwas kälter als in San Francisco, teilweise unter null Grad, aber trocken. Wir hatten ein alleinstehendes Ferienhaus über VRBO ("Vacation Rentals by Owner") gebucht, und da das Preisniveau in Arizona noch weit vom Wahnsinn in der Bay Area entfernt ist, bezahlten wir pro Nacht etwa soviel wie in einem 0-18-15-Motel in der Gegend um San Francisco, bekamen dafür aber ein ganzes Haus mit drei geräumigen und modern eingerichteten Zimmern, in denen wir gut und gern zu sechst übernachten hätten können. Im üppig großen Wohnzimmer stand ein richtiger Kanonenofen, den ich jeden Abend gehörig einheizte.

Eines abends wollten wir ins vor dem Haus geparkte Auto einsteigen und mussten feststellen, dass es von einem Dutzend Wildschweinen umringt war. Todesmutig stieg ich ein, fand aber den Öffner für die Beifahrertür nicht gleich, sodass die kurzzeitig ausgesperrte Angelika wild zu fuchteln anfing, denn sie dachte, dass die Wildschweine gleich angreifen würden, aber das war natürlich völlig übertrieben.

Abbildung [12]: Schon bei der Einfahrt in den Ort Sedona in Arizona bietet sich diese majestätische Kulisse.

Das Städtchen Sedona selbst ist ein kleiner Touristenort, mit den üblichen nutzlosen Galleriegeschäften, auf dessen zwei Zufahrtsstraßen sich nachmittags um Vier ein gigantischer Verkehrsstau Richtung Zentrum bildet, wenn die ganzen Wanderer von ihren Tagestouren wieder in Richtung ihrer Feriendomizile düsen oder noch schnell einen Happen in einem der wenigen Restaurants essen möchten, in denen dann der Papst boxt. Und wir waren noch zur Nebensaison da, während der Sommerferien herrscht dort wahrscheinlich ein Tohuwabohu wie auf dem Oktoberfest. Eine interessante verkehrstechnische Besonderheit sind die vielen Kreisverkehre in Sedona. Die Wegbeschreibung zu unserem Feriendomizil führte durch fast ein Dutzend, und oft halten amerikanische Landeier, die keinen Kreisverkehr kennen, ihre Monsterkärren vor dem Kreisverkehr an, als wär's ein Stoppschild, wo man doch einfach zufahren kann, wenn man nicht gerade jemandem im Kreis die Vorfahrt nimmt. Ich habe immer gehupt, damit's weiter ging.

Abbildung [13]: Kakteen wachsen in Arizona einfach so am Straßenrand.

Am Tag vor Silvester fuhren wir wir zwei Stunden rauf nach Norden zum Grand Canyon. Da auf der gebirgigen Strecke teilweise minus zwanzig Grad herrschten, die Fenster beschlugen und das unterdimensionierte Gebläse des Billigmietautos der sich bildenden Eisschicht nicht mehr Herr wurde, mussten wir an einer Tankstelle anhalten, um einen Eiskratzer zu kaufen. Leider war das entsprechende Regal leer und der Kassierer bestätigte, dass alle Eiskratzer ausverkauft wären. Zum Glück fanden wir fünf Kilometer weiter an einer etwas abgelegeneren Tankstelle ein entsprechendes Werkzeug und setzten die Reise mit freigelegten Scheiben fort.

Abbildung [14]: Aus der gemieteten Butze sah man schön die umliegenden Berge.

In Grand Canyon Village angelangt, fragten wir im Visitor Center nach dem Zustand des sogenannten Bright Angel Trails, einem steilen Pfad, der hinunter zum Colorado River am Fuß des Grand Canyon führt. Wie langjährige Rundbriefleser wissen, haben wir uns vor vielen vielen Jahren in Las Vegas kennengelernt, fuhren zum Grand Canyon, und in meinem damals jugendlichen Alter waren mein Kumpel Huaba und ich damals vom Rand des Canyons runter zum Colorado und wieder raufgelatscht. Ein Engländer in unserer Gruppe brach damals ein paar Kilometer vor dem Ziel zusammen und wir mussten wieder runtersteigen, um ihn mit Snickers-Riegeln aufzupeppeln und dann nach oben zu bugsieren. Der Weg bis runter zum Fluss ist heutzutage von den Landkarten der Ranger-Station verschwunden. Im Kleingedruckten ist zu lesen, dass es sich um eine Mehrtagestour handelt. Haha!

Abbildung [15]: Der beeindruckende Grand Canyon in Arizona.

Abbildung [16]: Angelika auf dem vereisten Bright Angel Trail im Grand Canyon.

Was den Zustand des Trails anbetraf, bekamen wir nun im Dezember die Auskunft, dass der Weg recht vereist sei und es uns ernstlich nahegelegt werde, sogenannte "Crampons", umschnallbare Mini-Steigeisen, auszuleihen. Leider gab es aber keine mehr, und so liehen wir nur ein paar Trecking-Stöcke zum Schlagerpreis von $2 (pro Stock) aus und stolperten langsam aber stetig den steilen Eisweg hinunter. Nach drei Kilometern war das Eis weg, dann liefen wir noch weiter zu einem kleinen Hüttlein und drehten dann nach etwa fünf Kilometern wieder um und stiefelten wieder den Berg rauf zum Auto. Der Canyon ist schon einzigartig mit seinen stufenförmigen Mustern an den Felswänden, insgesamt geht's 2000 Höhenmeter runter und die breiteste Stelle misst 29 Kilometer.

Abbildung [17]: Angelika beim Queren eines Flüssleins auf dem Wanderweg "West Fork"

Auf einer weiteren Tour in der Nähe von Sedona, dem sogenannten West Fork Trail, schlängelte sich der Weg in einem kleineren Canyon etwa ein Dutzend mal über ein kleines Flüsschen. Brücken gab's dort nicht, und man musste jeweils über im Bach liegende Steine oder Baumstämme balancieren. Teilweise war der Bach auch mit einer dünnen Eisdecke überzogen, über die mutige Wanderer vorsichtig rutschten, während erstere listig knackte.

Abbildung [18]: Michael auf der Devil's Bridge.

Auch auf die Devil's Bridge stiefelten wir hinauf, das ist so eine natürliche Felsbrücke, über die ein schmaler Weg führt, auf dem es auf beiden Seiten ein paar hundert Meter runtergeht. Als schwindelfreier Wanderer latschte ich ein paarmal drüber, während es der auf der sicheren Seite ausharrenden Angelika so himmelangst wurde, dass sie die Belichtung der Fotos total vermurkste. Mei-oh-mei!

Umstrittenes Urinal im Dolores Park

Abbildung [19]: Bieseln mit Blick auf San Francisco.

Angelika Vor einiger Zeit habe ich berichtet, dass es in unserem Stadtteilpark, dem Dolores Park, an Wochenenden zugeht wie auf dem Oktoberfest (Rundbrief 04/2015). Der Park ist mitterweile für schlappe 20.6 Millionen Dollar renoviert worden. Es gibt neue Fahrradständer, verbesserte Tennis-und Basketballplätze, die Rasenflächen leuchten im satten Grün und die Anzahl der Toiletten wurden erhöht. Wegen der Non-Stop-Partyszene an Wochenenden häuften sich die Beschwerden der Anlieger, die es nicht lustig fanden, dass die Parkbesucher dauernd in die Anlagen oder in die Hauseingänge urinierten. Flugs wurde ein Pilotprojekt im Dolores Park aus dem Boden gestampft, und mittlerweile steht dort ganz nach Pariser Vorbild das erste öffentliche Freiluftpissoir in San Francisco, und ich würde einmal frech behaupten, in den gesamten USA.

Abbildung [20]: Vergleichbar kurze Schlange am offenen Klohäusl direkt an der Straßenbahn am Dolores Park.

Allerdings scheint der Stadt mitten im Projekt das Geld ausgegangen zu sein, denn das Pissoir im Dolores Park besteht nur aus einem halbrunden Drahtzaun mit einer weißen Sichtplane und ist nach hinten zum Bürgersteig und zur Straße hin völlig offen. Lustig ist auch, dass die J-Straßenbahn ihre Haltestelle direkt vor dem Pissoir hat. Da haben die Planer das Wort "öffentlich" einmal ganz wörtlich genommen. Hätte vielleicht doch einmal jemand nach Paris fahren sollen, um sich inspirierenzu lassen, schließlich hat das San-Francisco-Modell satte $15.000 gekostet.

Auf jeden Fall haben wir erst gedacht, das benutzt kein Mensch. Ehrlich gesagt ist mir ein Rätsel, wie man erkennt, dass es sich überhaupt um ein öffentliches Urinal handelt. Aber letztes Wochenende standen die Leute Schlange vor dem Teil. Es was herrliches Sonnenwetter und der Park vollgepackt mit Sonnenanbetern, die nach einigem Alkoholkonsum dringend ihre Blase entleeren mussten. Andere Schlawiner erleichterten sich immer noch in den Anlagen.

Abbildung [21]: Vor dem normalen Toilettenhäusl bilden sich lange Schlangen.

Natürlich gibt es auch schon die ersten Vorstöße, rechtlich zu erzwingen, dass das Pissoir wieder abgebaut wird. Auch keine Überraschung im prüden und rechtsstreithungrigen Amerika. Die konservative Gruppe "Pacific Justice Institut" aus Sacramento hat Probleme damit, dass das Entleeren der Blase in der Öffentlichkeit stattfindet, denn Passanten könnten ja Dinge sehen, die man nicht sehen darf. Das erinnert mich daran, dass, als ich das erste Mal die USA besuchte und in einer Umkleidekabine etwas anprobierte, die Verkäuferinnen immer gleich geflissentlich den Vorhang der Kabine richtig zuzogen, wenn ich ihn schlampig einen Spalt offen ließ. Das übertriebene prüde Verhalten amüsierte mich damals schon. Allerdings ist San Francisco eine ganz eigene Liga. Nacktheit gehört hier zum Stadtbild.

Topp-Produkt: Überwachungskamera von Arlo

Abbildung [22]: Die schnurlose Überwachungskamera von Arlo.

Michael Sind wir im Urlaub, treibt mich dauernd die Sorge um unsere Wohnung um. Brennt die Bude? Steigen Einbrecher ein? Aber ein Blick auf mein Handy zeigt mir die Videos einiger strategisch positionierter Überwachungskameras, und ich kann sofort beruhigt aufatmen, weil alles noch an seinem Platz steht.

Abbildung [23]: Das Handy zeigt die aufgenommenen Videos einzelner Kameras.

Wer sich schon mal mit dem Thema befasst hat, weiß, dass die typische Überwachungskamera ihr Bild zwar drahtlos per Wifi ins Internet sendet, aber leider zur Stromversorgung eine Steckdose benötigt. Das ist oft schwierig, denn wer hat schon eine Steckdose direkt an der Eingangstüre oder auf dem Balkon und will seine Wohnung auch noch mit hässlichen Kabeln verschandeln?

Arlo hat das Problem mit vier bärenstarken Lithium-Batterien gelöst, die in jeder der kinderfaustgroßen Kameras stecken. Mit einem Bewegungssensor löst die Kamera aus, wenn sich etwas durchs Bild bewegt, und nimmt je nach Voreinstellung zwischen 10 und 30 Sekunden Video auf. Die Daten sendet sie sofort drahtlos an eine bis zu 100m entfernte Basisstation, die sie ins Internet auf den Arlo-Server weiterleitet, wo man sie über die Arlo-App oder einen Webbrowser von überall auf der Welt ansehen kann. Arlo archiviert die Videos einen Monat lang, und die interessantesten Ausschnitte kann man runterladen.

Abbildung [24]: Huch! Bewegung an der Eingangstür!

Die App ist nicht gerade ein Glanzstück, aber ganz brauchbar. Verständlich, wenn man weiß, dass Arlo dem Routerhersteller Netgear gehört, der zwar gute Router macht, aber die Software von kompletten Narren zusammenklopfen lässt. Ich habe sie so eingestellt, dass mein Handy immer eine Nachricht anzeigt, wenn sich vor einer der Kameras etwas bewegt. So bin ich immer auf dem Laufenden.

Abbildung [25]: Vier Lithium-Batterien in der Kamera versorgen sie mit Strom.

Die Batterien halten, je nachdem, wie oft die Kamera einschaltet, etwa einen Monat lang. Da ich nicht gerne die Umwelt unnötig vermülle, habe ich mir statt dessen Akkus zum Schlagerpreis von 8 Dollar pro Stück (!) aus China samt Ladegerät besorgt. Das Lithium-Format ist nicht so gängig wie normale Batterien und deswegen so rasant teuer.

Abbildung [26]: Akkulader für die Lithium-Batterien der Kamera.

Einer unserer Nachbarn hat sich ebenfalls eine Arlo-Kamera gekauft und sie in den Hohlraum unter seinem Haus, den in Amerika sogenannten "Crawlspace", gestellt. Er war erstaunt, was dort tief in der Nacht so abgeht: Ein Stinktier schnüffelt herum und ein Waschbär tänzelt durchs Bild. In einem weiteren Video huscht eine Katze mit einer gefangenen Maus im Maul zurück ins Haus, und an der Gartentür marschiert ein unbekleideter Partygänger vorbei. Auf Youtube hat er die besten Szenen seiner Arlo-Videosammlung zur allgemeinen Belustigung aufs Netz gestellt.

Abbildung [27]: Die Kamera hat ein ein Stinktier unterm Haus aufgenommen.

Abbildung [28]: Die Mavericks-Surfer riskieren Kopf und Kragen.

Angelika Seitdem Michael die Leidenschaft des Surfens entdeckt hat, höre ich viel darüber, wie die Wellenlage in Pacifica gerade ist. Der Ort liegt 20km südlich von San Francisco und Michael surft am Wochenende immer dort. Jeden Samstag- und Sonntagmorgen prüft Michael zunächst die Wellen-Kamera auf dem Internet. Die Wellen dürfen nicht zu klein, zu groß, zu wühlig usw. sein. Das ist eine Wissenschaft für sich. Gott sei Dank hat Michael großen Respekt vor Monsterwellen und bleibt diesen fern. Einige der besten Surfer dieser Welt können von diesen meterhohen Wellen allerdings nicht genug bekommen und fliegen um die ganze Welt, um in ihnen zu surfen.

Es gibt nur wenige Monsterwellen-Surfer ("Big Wave Surfer"), denn das Risiko ist enorm hoch. An der Nordküste von Oahu, also in Hawaii, entstehen im Winter regelmäßig solche hohen Wellen. Erst letzte Woche fand deshalb der "Eddie-Aikau-Surfwettbewerb" statt, bei bis zu 15 Meter hohen Wellen in der Waimea Bay. Aber auch bei uns um die Ecke in einem Pillar Point genannten Hafen in dem kleinen Ort Princeton-by-the-Sea, der 40km südlich von San Francisco und etwas nördlich von Half Moom Bay liegt, findet jedes Jahr ein bekannter Surfwettbewerb namens "Titans of Mavericks" statt, wenn die Bedingungen stimmen.

Dieses Jahr brachte das Wetterphänomen "El Nino" die gewünschten Monsterwellen, sodass im Februar der Surfwettbewerb erstmals wieder seit 2 Jahren stattfand. Den Wettbewerb gibt es seit 1999 und nur 10 Mal waren seitdem die Bedingungen optimal und die besten Surfer der Welt traten an, um die Wellen zu bezwingen. 24 Surfer nehmen an dem Wettbewerb teil, und rein kommt man nur per Einladung. Der Wettbewerb ist an einem bestimmten Tag, der kurzfristig festgelegt wird und dann müssen die Surfer buchstäblich alles stehen und liegen lassen und nach Kalifornien reisen.

Abbildung [29]: Fällt der Surfer, beutelt ihn die Welle ordentlich durch.

Am 12. Februar war es dieses Jahr soweit. Leider ist es kaum mehr möglich, den Wettbewerb vor Ort zu verfolgen, denn im Jahr 2010 verletzte eine Superwelle einige Zuschauer und seitdem sperren die Veranstalter alles ab und zwingen die Interessierten, sich das Spektakel als Liveübertragung auf dem Fernsehschirm anzuschauen. Und ehrlich gesagt surfen die Surfer auch so weit draußen, dass man sie eh nur mit sehr starken Ferngläsern sehen könnte.

Das sieben Stunden lange Mavericks-Live-Video zeigt die besten Szenen. Schon der Wahnsinn, wie es die Profis teilweise in den Wellen herumwirbelt. Als Schutzmechanismus haben sie eine aufblasbare Schwimmweste um und die Surfer können wie bei einem Fallschirm an einer Leine ziehen, um die Schwimmweste aufzupumpen, die sie dann hoffentlich an die Wasseroberfläche bringt. Wer schon einmal in dem Strudel einer nur ein Meter hohen Welle geraten ist, weiß, dass man schon dann ganz schnell nicht mehr sagen kann, wo oben und unten ist.

Einige Weltklasse-Surfer sind in den Maverickswellen leider auch schon umgekommen. Mavericks ist dabei der Name der Stelle im Ozean, wo diese riesigen Wellen sich aufbäumen. Sie entstehen, weil sie sich über Kilometer hinweg im pazifischen Ozean im Winter aufbauen und dann die besondere Form des Meeresbodens sie in einer bestimmten Form brechen lässt. Surfer geben den beliebten Surfstellen gern Namen, so gibt es auf Oahu die berühmte "Pipeline" und dann eben "Mavericks" bei uns um die Ecke. Angeblich wurde Mavericks nach einem Hund des ersten Surfers benannt, der an dieser Stelle im Ozean surfte. Ein anderer Surfer, Jeff Clark, der in Half Moon Bay aufwuchs, bezwang dann die Monsterwellen zum ersten Mal im zarten Alter von 17 Jahren, lange bevor Mavericks weltberühmt wurde. Jeff Clark betreibt heute noch einen Surfshop in Princetown-by-the Sea mit dem Namen "Mavericks". Mittlerweile ist er fast 59 Jahre alt. Die Surfbretter, die er verkauft und herstellt, probiert er übrigens alle selbst im Ozean aus.

Grüße aus dem Land, das hohe Wellen schlägt:

Angelika & Michael

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Letzte Änderung: 17-Jun-2017